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BerlinIn einer Wohnung in Berlin-Moabit leben G. und A. mit einem Zwillingspaar, vierjährige Mädchen. Beide Eltern sind Journalisten, sie fest angestellt bei einer Zeitung, er frei beim Fernsehen. Gestern hat die Mutter noch schnell Bastelsachen für 50 Euro gekauft. Nun stehen die Töchter oft neben ihr und fragen: Mami, wann basteln wir? Oft muss sie allerdings sagen: „Jetzt nicht, erst muss ich meinen Artikel fertigschreiben!“ 

Ursprünglich sollte eine Babysitterin einspringen. Aber die eine ist krank und die andere in Panik, eine junge Polin, die es nicht mehr geschafft hat, vor der Schließung der Grenzen nach Hause zu kommen. Außerdem, die beiden aus Spandau mit der BVG kommen zu lassen, ist das zumutbar? Und will man sich dieses zusätzliche Risiko einhandeln?

Dann ist es vielleicht doch besser, wenn die Eltern sich irgendwie abwechseln. Sonst müssen sie sich auch ständig um das einzige Arbeitszimmer „kloppen“. Der Mann überlegt, die Zwillinge morgen zum Dreh mitzunehmen.

Stillsitzen, während der Vater einen Wissenschaftlicher über Müllverbrennung interviewt, ist das realistisch? Vielleicht dann doch lieber drei Stunden vor dem Fernseher parken? Der Plan für heute: Erst darf die Mutter schreiben, während die Töchter noch gut gelaunt sind und sich alleine beschäftigen. Dann kocht sie und bastelt eine Stunde, dafür spielt der Vater dann am Nachmittag mit ihnen im Wald.

G. sagt, diese Zeit sei „eine Mischung aus Apokalypse und Biedermeier“. Weil es ein diffuses Gefühl gibt von Bedrohung. Und weil diese neue Häuslichkeit auch schöne Seiten hat. Gerade muss die Mutter an einer Puppentasse nippen, denn die Töchter haben für sie „Kaffee“ gekocht.

Einzelunterricht und Federball

A. und M. leben in einem Townhouse am Münchner Olympiapark. Sie haben drei Jungs im Alter von 8, 12 und 15 Jahren. Gleich am ersten Tag ohne Schule sind die Fetzen geflogen. Beide Eltern sind Freiberufler, er ist Hörfunkmoderator, sie Fotografin. Sie erhalten seit zwei Wochen fast täglich Absagen. Ihre Nerven liegen blank. Aber sie haben für sich und die Jungs einen super Ausgleich gefunden: Federball. Das macht keinen Krach und die Nachbarn beschweren sich nicht so, wie wenn die Jungs einen Ball rumschießen.

Das Aufstehen überlassen sie nun dem Zufall und dem Wetter. Vormittags wird gelernt, jedes Kind verschwindet in seinem eigenen Zimmer.  Gleich am ersten Tag ist das Internetportal der bayerischen Staatsregierung zusammengebrochen. Angeblich ein Hackerangriff. Die Eltern vermuten vielmehr, dass sich 2,2 Millionen bayerische Schüler pflichtbewusst zeitgleich eingeloggt hatten.

Auch das Bildungsprogramm des BR „Lernen daheim“ würde eher Kuriosa bereithalten. Also gehen die Eltern von Zimmer zu Zimmer und machen Einzelunterricht. Vor allem geben sie die Devise aus: Das sind keine Ferien! Den Großeltern wird nur noch zugewinkt, wenn sie auf dem Balkon stehen. An die Einschränkungen halten sie sich hier strikt, weil Österreich und Südtirol so nah sind.

Noch vor einer Woche waren hier alle Skilaufen. Und wie im Urlaub haben die Eltern den klassischen Spiele-Abend wiederbelebt. „Was soll das denn jetzt?“, fragte der Älteste. Es blieb ihm nichts anderes übrig als mit zu würfeln. Eines haben sie sich fest vorgenommen. Wenn es in fünf Wochen möglich ist, werden sie Mitglied in einem Badminton-Verein und fegen alle vom Platz!

Schnell nach Serbien abhauen? 

D. und R. leben in einem Hochhaus in Berlin-Wilmersdorf. Sie haben drei Kinder im Alter von 2, 8 und 10 Jahren. Der Mann ist am Montag rasch zu „Toys R Us“ gebraust, um ein paar neue Spiele und Puzzles zu kaufen, damit die Kinder nicht den ganzen Tag Zeichentrickfilme sehen. Erst wollten die Eltern nach Serbien abhauen, in ihr Herkunftsland. Doch dann haben sie gehört, dass dort schon alles abgeriegelt ist. Der Vater betreibt eine kleine Reinigungsfirma, die große Umsatzeinbrüche hat. Weil sie viele Fitnessstudios als Kunden haben. Normalerweise. Die Mutter sagt, sie sei Hausfrau, für sie ändere sich nicht so viel. Die Kinder haben sich erst wahnsinnig gefreut, als sie hörten, dass die Schule ausfällt. Jetzt betteln sie rum und sagen: Mama, wir wollen wieder zur Schule!

Aus dem Krankenhaus geklaute Masken

T. und R. leben in einem Vorort von Bonn mit Kindern im Alter von 2, 5 und 8 Jahren. Der Vater ist Arzt, die Mutter Krankenschwester, beide arbeiten auf der Kinderstation eines Krankenhauses. Die Kinder hätten Anrecht auf Notbetreuung, aber wollen nicht hin, weil sie dort niemanden kennen. Bis auf einen einzigen Jungen, der aber schon in Quarantäne ist. Zum Glück wohnt die Familie in der Nähe des Waldes, kann unter Bäumen spazieren, jedenfalls am frühen Morgen. In der Kinderstation gab es noch keine Fälle von Corona, nur klassische Influenza. Dennoch hat sich viel verändert: Nur noch die „präfinalen Patienten“ dürfen besucht werden, die Väter sollen nicht mehr in die Kreißsäle, wenn ihre Frauen entbinden. Nach der Geburt wollen die jungen Mütter so schnell wie möglich nach Hause. Kaum eine bleibt noch für die U2-Untersuchung. Am Eingang gibt es strenge Personenkontrolle, und das Material wird knapper, d. h. ein Kittel, eine Maske pro Schicht. Ein Kollege erzählte, dass letzte Woche Masken aus einem anderen Krankenhaus geklaut wurden.

Geht das noch, ein durchgetaktetes Leben?


J. und B. leben in einer Wohnung in Berlin-Charlottenburg, allerdings ohne Balkon. Sie haben einen achtjährigen Sohn. Der Vater ist Unternehmensberater, die Mutter Controllerin und gewöhnt, im Homeoffice mit internationalen Kunden zu skypen. Es sei belastend, jetzt auch noch die Arbeit der Lehrer mitzumachen. Denn als Führungskraft werde von ihr das volle Pensum erwartet. Sonst kommen die Großeltern zu Hilfe. Sie holen den Enkel oft von der Schule ab und bringen ihn zum Fußballtraining. Denn das Leben der Eltern ist bis in die Abendstunden durchgetaktet. Wie den Jungen, der ja Einzelkind ist, den ganzen Tag beschäftigt halten? Fast beneidet J. die Eltern, die durch Corona jetzt keine Arbeit mehr haben oder jedenfalls weniger Arbeit. Dann kann man sich freuen über die gemeinsame Zeit. Aber so, mit diesem Leistungsdruck im Nacken?

Fluchtpunkt Frühling


 Y. und D. wohnen mit Blick auf den Berliner Fernsehturm. Y. hat heute wie immer um 4.30 Uhr morgens ihren Dienst als Fluggastkontrolleurin in Berlin-Tegel angetreten. Auf Terminal A war schon nichts mehr los. Die meisten Flüge wurden auf die größeren Terminals D und C verlegt. In jedem Flieger waren kaum mehr als zehn Gäste. Einige Passagiere tragen jetzt Mundschutz, außer bei Chinesen sei das bislang kaum üblich gewesen. Noch ist Y. nicht auf Kurzarbeit gesetzt, denn noch fliegen Flugzeuge. Ihr Mann D. passt auf die beiden Töchter auf, die 8 und 12 Jahre alt sind. D. ist Koch, aber zurzeit mit einer Angina krankgeschrieben. Nachmittags gehen alle zusammen von ihrer Wohnung im siebten Stock in ihren riesengroßen Kleingarten, der kaum einen Kilometer entfernt ist. Das tröstet sie, denn hier dürften sie sich auch im Fall einer Ausgangssperre aufhalten, sagt Y. Heute haben sie erst mal ein paar dicke Sträucher gefällt, bevor die Vögel anfangen, ihre Nester darin zu bauen.

Musik für einen Horror-Film?


R. und ihr Mann F. haben Kinder im Alter von 7 und 10 Jahren. R. ist Berufsmusikerin, F. ist Filmemacher. Gestern hatte sie ihren letzten Job: eine Filmmusik für einen Netflix-Horrorfilm. In den Pausen, sagt R., hätten alle auf ihre Handys gestarrt und Corona-News gelesen. Das passte gut zur Horror-Musik. Alle anderen Jobs wurden abgesagt, auch für ihren Mann. Noch finden die beiden das ganz gemütlich, sagen sie – noch. Vor allem die Kinder freuen sich, denn beide Eltern sind normalerweise viel auf Reisen. Sie wohnen in einer Berliner Altbauwohnung in Pankow. Morgens beginnen sie den Tag nun gemeinsam mit Yoga. Dann macht ein Elternteil mit den Kindern die Schulaufgaben, der andere widmet sich den liegengebliebenen kreativen Projekten. Die beiden Kinder erhalten den Instrumentalunterricht durch ihre Lehrer nun per Skype, einmal für Klavier und einmal für Blockflöte: Tütelütü.

An der Aldi-Kasse sind die Leute auf einmal so höflich

Für N. und ihren elf Jahre alten Sohn hatte der Tag nicht gut angefangen. Seit sechs Uhr morgens klingelte in der Schule gegenüber die Alarmanlage, immer, wenn wieder ein Kind in die Notbetreuung gebracht wurde. Im Mietshaus rumorten Handwerker. Bis eins hat N. mit ihrem Sohn Hausaufgaben gemacht, in die Notbetreuung sollte er nicht. N. sagt, er sei ja schon groß. Außerdem muss er sich um den Hund kümmern. Um halb drei begann ihre Schicht bei Aldi in der Pankower Damerowstraße. Aber erst um drei kamen die Lastwagen mit der Ware. Dann ging es rund – Einräumen im Akkord. Fast alle Kühlregale waren leer, ebenso Nudeln, Reis und das Aufbackbrot. Die Kunden nahmen die Waren gleich von den Paletten. Letzte Woche war die Panik unter den Kunden noch größer, sagt Nadine. Denn da wusste ja keiner, ob die Läden nicht auch zumachen. Heute haben sich sogar Leute bei ihr bedankt, sagt N., das habe sie wirklich erstaunt. Sie und ihre Kolleginnen lassen nur noch zwei Packungen Klopapier pro Person über die Theke. Einer wollte heute fünf kaufen. Das lässt N. nicht als „haushaltsmäßige Menge“ durchgehen. N. arbeitet gern und schnell, aber nun müssen die Kunden manchmal warten. Wenn nämlich ihr Sohn anruft und Fragen zu den Hausaufgaben hat. Sein Vater arbeitet als Rettungssanitäter, ebenfalls im Schichtdienst. Gehortet hat Nadine nichts, denn sie hat gar nicht genug Platz zu Hause. Außerdem, sagt sie und lacht: „Ich sitze ja an der Quelle.“