Berlin - Es ist Januar 2021 und wir schreiben das Jahr zwei von Corona. Wir zählten den Countdown runter, mein Verlobter und ich küssten zuerst uns, dann das schlafende Kind auf die Stirn. Es knallte überall, leiser als sonst, und wir hofften, dass der Spuk nun ein Ende gefunden hatte. Seitdem lese ich wieder Nachrichten, und von Erleichterung kann nicht die Rede sein. Immerhin hat Corona unsere Familienbeziehungen gestärkt. Und die Krise war wie eine Lektion in Sachen Minimalismus. Nur kam sie mit dem Hammer und ungefragt – fast so wie ein gut gemeinter Ratschlag meiner Mutter.

Leider habe ich die schlechte Angewohnheit, gerne ungefragt Ratschläge zu geben, von ihr geerbt. Nur sind meine „Ratschläge“ eher ökologischer Natur. Der Kampf gegen den Klimawandel zieht sich wie ein grüner Faden durch mein Leben. Er begann als Teenie bei der Grünen Jugend und  äußerte sich in der Gründung meines Ladens „Original unverpackt“ in Kreuzberg. Die Idee, Lebensmittel und Dinge des Alltags ohne jede Verpackung zu verkaufen, fand schnell Nachahmer. Seit Jahren engagiere ich mich bei Initiativen wie Klimanotstand Berlin und Extinction Rebellion. Ob öffentlich oder privat: Ich bin zu einer Karikatur eines Ökos geworden mit fairer Bio-Jeans, Bio-Einkauf und seit fast drei Jahren im Flugstreik. So lebe ich mit meiner kleinen Familie in Kreuzberg.

„Einfach Familie Leben“ – so nannten meine Freundin Susanne Mierau und ich unser Buch rund um nachhaltiges Familienleben. Wir wollten praktische Tipps geben und unterschiedliche Familien vorstellen, die zeigen, wie man weniger und bewusster konsumieren kann. Es geht nicht darum, sich „grün“ zu kaufen, sondern durch kluge Routinen, Techniken und Hinterfragen des Status quo zu einem einfacheren und entspannteren Alltag zu finden.

Mehr „Mealprep“ am Wochenende, um unter der Woche die tägliche Koch-Action zu reduzieren. Mehr Kinderbetreuungs- und Haushaltspläne, um nicht jede Woche auszudiskutieren, wer sich wann und wie um was kümmert. Mehr Natron, Soda, Essig und Zitronensäure benutzen statt dreißig Chemiekeulen in Form von Reinigungsmitteln. Mehr das Kind langsam an normales Essen ranführen, statt stundenlanges Breie-Selberkochen. Ich muss zugeben, ich bin ein bisschen stolz, als Ökomama bisher keinen einzigen Brei gekocht zu haben. Ich war schlicht zu faul und hab dem Kind weichgekochten Broccoli oder Kartoffeln angeboten, die er sich selber verfütterte.

Viele Anregungen kommen aus der Szene der bedürfnisorientierten Erziehung, auf die ich durch Susanne aufmerksam wurde. Dabei geht es nicht nur um die Bedürfnisse des Kindes, sondern auch um unsere eigenen, die der Eltern.

Meine größten Bedürfnisse heißen: Ruhe und Achtsamkeit. Mit meinem ADHS, dem Bloggen und vor allem meiner Position als Geschäftsführerin eines 25-köpfigen Teams brauche ich beides, um zu funktionieren. Und dabei helfen mir die Prinzipien des nachhaltigen Familienlebens. Mit seinen zweieinhalb Jahren neigt mein Sohn dazu, mindestens einmal am Tag alles Spielzeug von den Regalen zu räumen, die Duplos quer durchs Zimmer zu werfen und die Kinderbücher in allen Zimmern zu verteilen. Meine Erkenntnis: Je weniger Spielzeug und Bücher er hat, desto weniger muss ich ihm hinterherräumen. Einiges des Spielzeugs räume ich regelmäßig in die Abstellkammer und tausche es nach ein paar Wochen wieder aus. Er freut sich, als wär es neu. Den gleichen minimalistischen Ansatz verfolge ich bei der Kleidung und beim Wohnen.

Foto: Joakim Johansson 
Zur Person

Milena Glimbovski ist die Gründerin des Ladens „Original Unverpackt“ und Pionierin der  Unverpackt-Bewegung. Sie schrieb mehrere Bücher,  darunter „Ohne Wenn und Abfall„ und „Einfach Familie leben“ (gemeinsam mit Susanne Mierau). Sie wurde in der "forbes30under30 europe 2020"-Liste ausgezeichnet und als „Unternehmerin des Jahres“ (vergeben vom Berliner Senat). Sie wohnt mit ihrem Kind und ihrem Verlobten im Bergmannkiez.

Denn seit dem positiven Schwangerschaftstest vor etwa drei Jahren schauten mein Freund und ich immer wieder nach Mietwohnungen in Kreuzberg  – hoffnungslos! Irgendwann gaben wir auf und beschlossen, das Beste aus unserer Zweizimmerwohnung rauszuholen. Meine Freundin Susanne meinte damals, eine eigenes Zimmer, gar ein eigenes Bettchen fürs Baby sei eins dieser vielen Dinge, die neue Eltern anschaffen und dann doch nicht brauchen. Das Baby schläft oft im Elternbett, und selbst ein Kleinkind kann mit einem eigenen Zimmer wenig anfangen, sucht es doch instinktiv den Schutz und die Nähe seiner Eltern.

Statt sofort umzuziehen und in ein Babyzimmer inklusive Möbel zu investieren, befreite ich eine Schublade in meinem Kleiderschrank für die Babykleidung und verteilte das Spielzeug in Schlafzimmer, Küche und Wohnzimmer. Und siehe da, es klappte!

Letztes Jahr war das heißeste und klimakatastrophenreichste Jahr seit Beginn der Aufzeichnung, so die Yale Climate Connections, und trotzdem verschob sich der Diskurs. Wie noch Nerven haben für Nachhaltigkeit, wenn draußen plötzlich die Normalität zusammenbricht? Wenn Kurzarbeit und Homeoffice mit fehlender Kinderbetreuung aufeinandertreffen, das Wechselmodell in getrennten Partnerschaften wegbricht und man nicht weiß, ob man morgen noch einen Job hat? 

Es gibt Freunde, die auf Instagram lange Waldspaziergänge und perfektes Bananabread vorzeigen, während andere gerade ihre mentale Gesundheit verlieren. Durch ein Mehr an Aufgaben, Stressfaktoren und Ängsten bleibt kein innerer Raum mehr, um an die Klimakrise zu denken.

Und doch war und ist die Corona-Krise für viele Familien ein unfreiwilliger Ausflug in den Minimalismus: Der Urlaub gecancelt, kein Fastfashion-Shopping als Belohnung nach Feierabend, keine Events, die man konsumieren könnte, hat ja alles zu. Jeder Drogerie- oder Supermarktbesuch wird zweimal überdacht, muss man doch vielleicht Schlange stehen und setzt sich einem unnötigen Risiko aus. Stattdessen: verdammt viel Aussortieren und Kisten mit Inhalten „zum Mitnehmen“ in Berlins Straßen. Eine neue Mischung aus gewolltem und ungewolltem Verzicht. Man ist weniger unterwegs und kann sich weniger Dinge leisten, weil man nicht weiß, wie es finanziell weitergeht. All das führt zu einem „On hold“-Zustand. Und vielleicht, ganz vielleicht dämmert dabei auch die Erkenntnis, dass es ja auch anders geht. Dass Kinder nicht ständig neues Spielzeug brauchen, die Eltern nicht noch mehr Deko, Kleidung und elektronische Geräte. Dass wir lieber in die menschlichen Beziehungen investieren sollten: zu unseren Kindern, Eltern und Freunden.

Wenn die Welt kurz erschüttert wird, traut man sich vielleicht endlich, stehen zu bleiben und sich zu fragen: Was macht mich glücklich? Für das Corona-Jahr ein 2020 kann ich diese Frage bereits beantworten: Es war Zuwendung und Zeit statt zu viel Zeug!

Foto: privat
Mutter und Sohn auf einer grünen Wiese.

Milena Glimbovski ist unsere Bloggerin des Monats: Die Berliner Zeitung lädt kreative Netz-Persönlichkeiten ein, ihre Arbeit in Interviews und ausgewählten Texten vorzustellen.