Eltern mit jüngeren Kindern sind derzeit im Dauerstress.
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BerlinDie Zeit streckt sich, die Zeit dehnt sich. Sie zieht sich zusammen, und manchmal ist sie fast nicht wahrnehmbar wegen der ständigen Wiederholungen. Die Tage gleichen sich extrem, werden austauschbar. Alles zerfließt. Hatten wir diese Woche eigentlich schon Fischstäbchen oder nicht? War die Sache mit der kaputten Glühlampe gestern oder vorgestern? Und hatten wir im Deutschunterricht das Buch „Cowboy Klaus und das pupsende Pony“ schon fertig gelesen oder nicht?

Alle haben sich halbwegs eingerichtet mit der neuen Normalität – mit Corona. Doch für Eltern gibt es da immer diese Zusatzaufgabe, denn die meisten Kinder dürfen nicht in die Schule, und die Eltern sind die neuen Lehrer. Sie haben zwar oft keine Ahnung davon, machen aber jeden Tag Unterricht. Viele erzählen, dass sie nach 50 Tagen Homeschooling oft unterschwellig gereizt sind, weil sie ständig funktionieren müssen. Eltern dürfen sich nicht einfach gehen lassen.

Und überall gibt es irgendwann einen Tag wie diesen: Die Sonne scheint, man sitzt am Frühstückstisch. Nichts Negatives ist passiert. Niemand ist laut geworden, Schläge hat es nur bei der Kissenschlacht gegeben. Trotzdem rennt der Sohn wortlos weg. Er kommt zurück mit einem Blatt. Darauf steht in den liebevoll gezeichneten Buchstaben eines Erstklässlers das Wort „Lernstreik“.

Auch ein Siebenjähriger merkt, dass die Welt derzeit anders tickt. Aber wir wollen nicht klagen. Das wäre Jammern auf hohem Niveau. Wir können Homeoffice machen und haben nur ein Kind. Aber wie muss es sein bei einer Familie mit vier Kindern?

Es ist wieder mal die Zeit für Helden

Zum Beispiel bei Familie Fuchs in Berlin-Lichtenberg: zwei Eltern, 33 und 36 Jahre alt, vier Kinder. Der jüngste Sohn Arthur ist elf Monate alt, der älteste namens Rex neun Jahre.

Als sie in ihrem hübschen Altbaukiez aus dem Haus treten, sagt Vater Hannes, dass die achtjährige Hedwig endlich mal eine Hausaufgabe bekommen habe, bei der sie alle raus können. Ganz stolz erzählt Hedwig: „Ich soll für Sachkunde auf dem Schulweg nachschauen, wie viele Kreuzungen, Ausfahrten und gefährliche Stellen es gibt.“ Sie erzählt und erzählt und bekommt gar nicht mit, dass sie gleich mehrere Ausfahrten verpasst. Bruder Rex läuft zurück, um die für sie zu zählen.

Sie gehen durch ihren Kiez, die Kinder sind hier, die Kinder sind dort. Die Eltern wirken entspannt, aber konzentriert. Schnell wird klar, dass sie die Krise engagiert und selbstlos angehen. Sie ordnen alles den Kindern unter, den Notwendigkeiten dieser Zeit.

Mutter Frieda ist eigentlich Lehrerin, nun aber in Elternzeit. Vater Hannes berät eigentlich Kita-Erzieher. Die drei größeren Kinder sind eigentlich im Kindergarten oder in der Schule. Nun sind sie zu sechst in ihrer Fünf-Zimmer-Wohnung. Allein. Ohne Freunde. Zurückgeworfen auf den Kern. Die Familie.

„Wir haben Glück“, sagt Hannes. „Mein Arbeitgeber hat gesagt: Deine Hauptaufgabe ist, gesund zu bleiben. Also bleib im Homeoffice und kümmere dich um die Familie.“  Sie stehen jeden Tag konsequent um 6.30 Uhr auf. Dann wird beim Frühstück der Unterrichtstag geplant, und dann beginnt für sie das gleichförmige „Ganztagsprogramm Eltern“.

„Früher war ich alles Mögliche“, sagt Hannes. „Ehemann, Vater, Freund, Arbeitskollege, Verkehrsteilnehmer und so weiter. Jetzt bin ich nur noch Vater. Ich weiß schon gar nicht mehr, wie mein Vorname ist, weil ich ständig nur das Wort Papa höre.“ Er sagt das nicht als Vorwurf, sondern betont, wie sehr er die Zeit auch genieße.

Das ist nur möglich, wenn man sich voll darauf einlässt. Diese Eltern tun es. Als sich der neunjährige Rex mit dem dreijährigen Axel beim Spiel in die Haare bekommt und Tränen fließen und ein Stock fliegt, klären sie das kleine Drama ruhig, aber bestimmt.

Arbeit oder Familie? Das ist hier die Frage. Beides zusammen, geht meist nicht.
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Es ist wieder mal die Zeit für Helden. Dieser pathetische Begriff wird nur in Kriegen benutzt oder anderen Ausnahmezeiten. Im Krieg, weil die Soldaten ihr Leben opfern, nun auch in der Corona-Zeit, weil schlecht bezahlte Helfer, Pfleger und Kassiererinnen ihre Gesundheit riskieren. Dafür gab es kurzzeitig Beifall.

In dieser Terminologie wären auch alle Eltern Helden, die nun Lehrer sein müssen. Denn sie haben diesen Beruf nicht gelernt. Sie opfern ihren Urlaub, ihre Freizeit, gehen bewusst in Kurzarbeit oder versuchen, alles mit dem Homeoffice zu kombinieren. Natürlich aus dem besten Grund der Welt. Aber geklatscht hat dafür noch niemand – und mehr Geld oder mehr Urlaub bekommen sie dafür auch nicht. Es ist eben ihre Pflicht als Eltern.

Was das heißt, wird oft vergessen: Wenn vier Kinder zu Hause sind und nicht in der Kita oder der Schule essen, muss die Großfamilie zum Beispiel mindestens 40 Prozent mehr Geld für Lebensmittel ausgeben, sich ständig Gerichte ausdenken und kochen – und ein eigenes Schulsystem aufbauen.

„Da prallen zwei Systeme aufeinander“, sagt Hannes. „Elternhaus und Schule. Ich bin jetzt nicht nur Vater, sondern auch Bildungsrepräsentant. Das ist irritierend für die Kinder, aber inzwischen merken sie, dass wir sie mit den Aufgaben, die wir ihnen stellen, nicht ärgern wollen, sondern ihnen helfen.“

Eine Woche lang im „Verleugnungsmodus“

Seine Frau erzählt, dass es nicht immer so entspannt lief, dass sie anfangs fast eine Woche lang im „Verleugnungsmodus“ war und nicht wahrhaben wollte, dass nun alles kopfsteht. „Ich war fünf Tage lang richtig fertig. Dann habe ich gesagt: Wir müssen das positiv sehen. Wir haben keine Wahl, und wenn man keine Wahl hat, muss man durchziehen.“ Die positive Seite sei, dass die Familie noch nie so viel gemeinsame Zeit hatte.

Anstrengend sei nicht das Zusammensein mit der Familie, sondern dass sie alle immer zu Hause bleiben sollen. Und dass sie den Kindern ständig erklären müssten, dass all die schönen Dinge derzeit verboten seien.

Hedwig rennt weiter, zählt die nächsten gefährlichen Ausfahrten, Arthur schaut sich vom Kinderwagen aus die Welt an, der dreijährige Axel ruft: „Ich will noch mehr Pusteblumen.“ Und Rex rennt ein Stück weg, weil er das Bild einer rosa Katze an einem Schaufenster kleben sieht. Die Eltern lachen, aber ihre Augen versuchen gleichzeitig, ständig überall zu sein. Grundsätzlich bleibt immer eine gewisse Anspannung.

Bis zu diesem Tag waren sie konsequent und haben es vermieden, andere zu treffen. „Wir haben uns sehr streng an die Vorschriften gehalten“, sagt  Frieda Fuchs. Eltern mit nur einem Kind falle es sehr viel leichter, draußen darauf zu achten, dass das Kind nicht mit Fremden in Kontakt kommt. „Aber mit vier Kindern ist es fast unmöglich, alle ständig im Blick zu haben“, sagt sie. „Wir sind sechs Leute, wenn einer von außen die Krankheit reinbringt, sind wir alle bald infiziert und unser System bricht zusammen.“

An der Schule angekommen, sind alle Ausfahrten und gefährlichen Stellen gezählt, aber sofort vergessen, denn Hedwig schaut mit großen Augen auf das Gebäude und sagt: „Als ich das letzte Mal hier war, waren die Bäume noch ohne Blätter, und der Neubau neben der Schule war noch gar nicht fertig.“

Auf dem Rückweg ist eine Rast im Park angesagt. Vater Hannes erzählt, dass er nur eine große Schwester hat, seine Frau aber vier Geschwister. „Für mich ist die Großfamilie noch immer Neuland“, sagt er und schaut auf die Kinder. Die laufen umher, Hedwig sammelt Blumen, Rex sucht Bienen, Axel rennt von Pusteblume zu Pusteblume. Und das Baby sitzt auf der Decke, beißt in eine Gurkenscheibe und spuckt sie wieder aus.

Mutter Frieda sagt: „Der Vorteil mit vielen Kindern ist, dass sie nicht so sehr auf andere angewiesen sind. Sie vereinsamen nicht so schnell wie Einzelkinder, denn ihre Sozialkontakte sind in der eigenen Wohnung. Genau deshalb sind wir eine große Familie.“

Dann erzählt Hannes Fuchs, dass er sich eine Art Corona-Konsequenz ausgedacht habe, mit der sich vielleicht auch das Bildungswesen ein klein wenig verbessern ließe: Corona mache allen klar, dass die Bildung aus den Familien outgesourct sei – in die Kitas und Schulen. „Ich bin niemand, der Homeschooling gut findet, aber wie wäre es, wenn Eltern, die Lust dazu haben, ihre Kinder pro Jahr einen Monat lang zu Hause unterrichten dürften? Wenn wir das bezahlt bekämen, würden ich das machen.“

Als Teilzeitlehrer sehe er nun bestimmte Defizite bei den Kindern, von denen er nichts wusste, von denen vielleicht nicht mal die Lehrer etwas wissen. „Da können wir jetzt ganz entspannt dran arbeiten.“

Dann sagt er, dass das natürlich nicht mit allen Eltern ginge, spricht von fehlenden sozialen Möglichkeiten. Zudem sei die Schule auch ganz wichtig als Kontrollmechanismus und fehle nun bei jenen Eltern, die ihre Kinder prügeln. Oft bleibe das jetzt unbemerkt.

Der dreijährige Axel kommt angerannt und ruft: „Ein Schmetterling, ein Schmetterling!“ Alle lachen. Dann sieht er einen Stock, wirf ihn nach Rex, der wirft ihn nach Hedwig. Eine wilde Jagd beginnt. Alle zehn Sekunden liegt ein Kind auf dem Boden. „Das schafft kein Sportunterricht“, sagt der Vater. „Die sind alle ständig in Bewegung.“

Er erzählt von der Studie einer Universität, für die Leistungssportler gebeten wurden, alle Aktivitäten von kleinen Kindern nachzumachen. „Die Sportler waren nach nicht mal einer Stunde völlig fertig“, sagt Hannes Fuchs. „Aber Kinder machen das den ganzen lieben langen Tag.“

Der wahre Stress kommt erst noch

Und so kann die Corona-Zeit für funktionierende Großfamilien auch etwas Entspannendes haben. Bei Familie Fuchs sind die Kinder abends so geschafft, dass sie um sieben Uhr schlafen. „Wenn wir dann im Bett liegen, kommt irgendwann der Moment, in dem wir die Stille hören“, sagt Mutter Frieda. Das sei irritierend, aber auch befriedigend.

Persönliche Freizeit haben Eltern derzeit kaum. Mutter Frieda sagt, sie würde gern mal wieder ihre Freundinnen treffen. Vater Hannes erzählt, dass er immerhin eine Variante ganz persönlicher Freiheit gefunden habe. „Ich setze Kopfhörer auf, höre Musik und gehe dann abends einkaufen.“ Und natürlich sitze er – so wie derzeit wohl sehr viele Väter – viel öfter auf der Toilette.

Regulären Unterricht wird es wohl erst nach den Sommerferien wieder  geben. Und so kommt mit den Lockerungen bei Familie Fuchs nicht nur Freude auf. Sie können nun zwar wieder in den Tierpark, auf Spielplätze und wieder Freunde treffen. Gleichzeitig wird sich die schöne neue Realität, in der sie sich eingerichtet haben, nun wieder radikal verändern. Denn Vater Hannes muss wieder arbeiten.

Wie in vielen anderen Familien müssen dann vor allem die Mütter wieder die Lasten des Familienlebens tragen. Der echte Stress kommt bei Familie Fuchs also erst jetzt, da die Lockerungen beginnen.

„Wir werden das schon irgendwie packen“, sagt Mutter Frieda. Die achtjährige Hedwig  kommt angerannt mit einem kleinen Strauß leuchtend gelber Blumen, die sie gepflückt hat. Sie passen perfekt zu den Fingernägeln, die sie in den Farben Orange und Rosa lackiert hat. „Genau wie auf meinem T-Shirt“, sagt sie stolz. Dort steht eine einfache Wahrheit. In rosa Buchstaben leuchtet auf orangefarbenem Stoff  das Wort Love.