Berlin - Am Mittwoch haben die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten gerungen um die Frage, wie man den Ganztagsausbau für Grundschulen finanziert. Von den veranschlagten fünf bis sieben Milliarden will der Bund 3,5 Milliarden übernehmen. Ob der Bund sich auch an den laufenden Kosten von jährlich etwa vier Milliarden beteiligen kann, darüber wird noch gestritten.

Ein gutes Zeichen ist, dass diese Frage nun auf der höchsten politischen Ebene verhandelt wird – und dass man sich schon einig ist, den Rechtsanspruch bis zum Jahr 2029 umzusetzen. Im Koalitionsvertrag war das zwar schon für das Jahr 2025 vorgesehen, doch den meisten Experten war schon länger klar, dass dieser Zeithorizont zu ambitioniert war. Nicht nur, weil Corona die Schulen und Bildungsverwaltungen gerade vor ganz andere Herausforderungen stellt, sondern auch, weil der Ganztagsausbau von allen Beteiligten eine gewaltige Kraftanstrengung verlangt.

Über Geld zu streiten, ist jedenfalls nicht genug. Was wir jetzt vor allem brauchen, ist eine Debatte, was dieser Ausbau eigentlich für unsere Gesellschaft bedeutet und wie wir uns eine gute Ganztagsschule für unsere Kinder vorstellen.

Franziska Giffey argumentiert gerne, dass sich der Ausbau quasi von selbst refinanziert. Weil dann Väter und vor allem Mütter leichter in Vollzeit arbeiten können und auf diese Weise mehr Steuerabgaben generieren. Das stimmt vermutlich – doch bedeutet das auch, dass immer mehr Aufgaben, die früher zum Kerngeschäft der Familien gehörten, an die Schulen delegiert werden. Und die Frage ist, ob dies nicht die Illusion nährt, dass Eltern sich weiter und immer weiter aus der Erziehung ihrer Kinder zurückziehen und zugleich an die pädagogischen Fachkräfte hoffnungslos überzogene Ansprüche stellen dürfen?

Diskutiert werden muss auch, ob der Rechtsanspruch dazu führen darf, dass alle Kinder plötzlich die Pflicht haben, den ganzen Tag zur Schule zu gehen und dort synchron zu den Bürozeiten ihrer Eltern zu funktionieren. Das wäre jedenfalls ein großer Eingriff in das, was man sich in Deutschland bislang unter einer schönen Kindheit vorgestellt hat.

Dieser Einwand soll jedoch nicht in Abrede stellen, dass gute Ganztagsschulen für alle Kinder und besonders für Kinder aus sozial benachteiligten Familien viele Chancen auf eine harmonische Entwicklung bieten. Die Betonung liegt allerdings auf dem Wort „gut“ – und es braucht viel Einsatz, um eine schlechte Ganztagsschule in eine gute zu verwandeln.

Zunächst einmal muss klar sein, dass gute Ganztagsschule nicht heißen kann: More of the same. Mehr Stunden in einer Schule, die genauso ist, wie wir sie von anno dazumal kennen. Wenn immer mehr Kinder immer größere Teile ihres Tages in der Schule verbringen, dann muss diese sich in einen attraktiven Lebensort verwandeln. Dann muss es dort leckeres Essen geben und schöne Räume, draußen und drinnen, wo man sich als Kind auch mal zurückziehen oder ungestört mit anderen spielen kann.

Das, was früher außerhalb der Schule an sportlichen und musischen Aktivitäten stattfand, muss ins Innere der Schule verlegt werden. Und wenn einst die Eltern ansprechbar waren für die Entdeckungen und Nöte jedes einzelnen Kindes, müssen nun die Erzieherinnen und Erzieher einspringen. Doch halt! An den Berliner Ganztagsschulen gibt es aktuell einen Betreuungsschlüssel von 1:22 auf dem Papier, in der Wirklichkeit oft von 1:40. Kann eine einzige Erzieherin 40 Kinder individuell fördern? Träumt weiter!