Immer und überall erreichbar sein – das ist ein wachsendes Problem der Gesellschaft.
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BerlinArbeiten im Manager Modus, immer und überall erreichbar sein – das ist ein wachsendes Problem der Gesellschaft. Denn ein großer Teil der Angestellten erledigt auch außerhalb der Arbeitszeit mal schnell nebenbei die Anfrage am Handy oder nimmt auf dem Heimweg noch das Telefonat mit dem Kunden an. Die Zahl der Fälle von psychischen Erkrankungen, die auf Stress zurückzuführen sind, stieg seit 1994 um 120 Prozent. Was die ständige Erreichbarkeit über das Telefon, das Tablet oder die Smartwatch mit uns wirklich macht, erklärt der Berliner Autor und Berater Markus Albers.

Die Digitalisierung in der Arbeitswelt schreitet immer weiter voran und es heißt, viele Mitarbeiter leiden jetzt schon an der digitalen Erschöpfung. Was bedeutet das?

An Tagen, die aus einem Dauerfeuerwerk aus E-Mails, Chats, Skype-Sessions und Telefonaten besteht, ist abends deutlich eine körperliche und auch mentale Erschöpfung erkennbar. Das eigentliche Machen, sprich: kreativ sein, Ideen haben und diese auch umzusetzen – all das müsste nun erst beginnen. Aber natürlich geht das nicht mehr. Wir haben zu diesem Zeitpunkt schon den ganzen Tag kommuniziert und reagiert, aber nichts geschafft oder gar geschaffen. Ein Gefühl, das sehr viele Menschen kennen.

Was bringt die digitale Erschöpfung mit sich?

Die Hoffnung vieler Menschen, dass Technologie uns ein besseres Leben ermöglicht, weicht zusehends der Ernüchterung. Insofern ist die digitale Erschöpfung eine doppelte Entkräftigung. Gemeint ist sowohl die konkrete und individuelle Erschöpfung, die das Always-On des Digitalen in uns Menschen auslöst. Aber ebenso die abstrakte und begriffliche Kraftlosigkeit eines sich erschöpfenden Heilsversprechens.

privat
Markus Albers...

... arbeitet als Autor und Berater in Berlin und kennt die Tücken der digitalen Erschöpfung.

Wieso sind Angestellte durch die digitale Lebensverdichtung stärker belastet als noch vor zehn Jahren?

Aus meiner Sicht ist das größte Problem in der Arbeitswelt, dass diese das Neue einführt, aber zugleich am Alten festhält. Stark vereinfacht: Wir sollen abends um elf noch E-Mails beantworten, aber morgens um neun wieder am Schreibtisch sitzen. Beides zusammen macht die Menschen aber kaputt.

Sind wir durch die Digitalisierung aber nicht effizienter bei der Arbeit? Oder ist das ein Irrglaube?

Bei der sogenannten „Neuen Arbeit“ ging es darum, mit neuen, intelligenteren Arbeitsweisen effizienter zu sein; dann zu arbeiten, wenn man am produktivsten ist. Zwischendurch private Dinge erledigen zu können und so die Arbeit von acht oder neun Stunden in fünf zu erledigen. Das geht, davon bin ich fest überzeugt, das habe ich oft genug selbst ausprobiert. Die spannende Frage ist ja nur, was wir mit den gewonnenen drei bis vier Stunden machen sollen. Nach meiner Theorie: Alles, bloß nicht arbeiten!

Wo liegt das Problem: Bestehen viele Arbeitgeber auf eine ständige Erreichbarkeit oder denken das die Arbeitnehmer nur?

Auf der einen Seite sind es oft die Arbeitnehmer, die sich selbst und zusätzlich ihren Kollegen den Druck machen. Der alte Wettbewerb, wer im Büro als letzter das Licht ausmacht, wird ersetzt durch einen neuen: Wer schickt nachts die letzte E-Mail und wer ist morgens als erster wieder im Slack-Channel aktiv? Zugleich sind die Arbeitgeber aber auch nicht unschuldig. Sie möchten Neuerungen einführen, jedoch nur an gewissen Stellen das Rädchen der Neuzeit aktivieren. Was natürlich nicht funktioniert.

Kann man der digitalen Erschöpfung entgegenwirken? Welche Maßnahmen haben Sie getroffen?

Ich habe internationale Experten um Rat gefragt und daraufhin selbst verschiedenste Tricks und Techniken ausprobiert, die ich in meinem Buch detailliert beschreibe. Vom „Batching“ der Kommunikation, über das geschickte Grenzenziehen gegenüber Kollegen und Kunden bis hin zum sogenannten Dumb-Phone, das nur telefonieren und SMS schicken kann. Manche haben sich als wenig hilfreich herausgestellt, aber viele funktionieren. Und in der Summe haben sie mein Leben deutlich verbessert.

Welche individuellen Strategien müssen Angestellte finden, um nicht in die Falle der digitalen Erschöpfung zu tappen?

Die Digitalisierung aller Bereiche unseres Lebens hat gerade erst angefangen und wird so schnell auch kein Ende finden. Für mich läuft es auf eine fast schon philosophische Frage hinaus: Wie verbinde ich die Liebe zum Job mit der Liebe zu meiner Tochter? Ich glaube an kleine Siege im Alltag, in Teams und Familien. Daran, dass wir alle wieder lernen müssen, den digitalen Wildwuchs zurückzuschneiden und das Nichtdigitale wieder zu trainieren. Um dann gleichzeitig neue Technologien einzusetzen.

Und wie kann der Arbeitgeber diesen Prozess unterstützen?

Wir brauchen den Raum, um mal abzuschalten, neu aufzuladen, den Blick vom Bildschirm zu erheben und schweifen zu lassen. Im Moment geschieht in vielen Unternehmen genau das Gegenteil: Wir opfern die Kontemplation auf dem Altar des Götzen Kollaboration.

Nimmt in der jetzigen Krisenzeit die digitale Erschöpfung Ihrer Meinung nach ab?

Meinen Beobachtungen nach hat die digitale Kollaboration erstaunlich gut funktioniert und ist im Homeoffice effizienter geworden. Wir müssen uns gerade in der jetzigen Krise die Zeiten des konzentrierten Arbeitens hart erkämpfen. Doch Produktivitätstechniken wie Batching und Getting Things Done können hier unterstützend helfe.

Gibt es positive Auswirkungen?

Vermutlich werden wir auch nach Ende der Krise weniger ins Büro gehen. Das verringert dann die Doppelbelastung aus alter Präsenzkultur und neuer Always-on-Kultur und mindert so hoffentlich die digitale Erschöpfung. Ein weiterer Pluspunkt ist es, wenn wir uns die neugewonnene Effizienz bewahren.