Ungarns Premierminister Viktor Orban.
Foto: AP/Tamas Kovacs

Mutter: Was hast Du heute gemacht?

TOCHTER: Ich habe eine Quellenanalyse über die Dreißigerjahre für Geschichte geschrieben. Ob es gut ist, erfahre ich von der Lehrerin dann per Post.

Interessant. Vor allem auch mal was anderes als Corona. Das Thema dominiert mein Leben. Es ist ja auch das Thema, das unser aller Leben im Moment prägt, aber trotzdem habe ich Sorge, dass man darüber alles andere, was passiert, übersieht.

Ich denke vor allem, dass wir ein echt krasses Erwachen haben werden, wenn Corona vorbei ist. Dann werden wir merken, dass sich in einigen Ländern vieles getan hat, was wir überhaupt nicht mitbekommen haben.

An welche Länder denkst du?

Ungarn. Weil sich dieses Land gerade in eine sehr autoritäre Richtung entwickelt. Ich glaube, es sollte in der EU auch besprochen werden, wie man Ungarn wieder auf einen liberalen Pfad kriegt, aber dann haben sie das Problem einfach nach hinten gestellt, weil es jetzt nicht mehr das wichtigste Thema ist.

Du hast Recht. Was in den autoritären Staaten passiert, kann ich zurzeit auch nicht überblicken. Ich weiß auch zum Beispiel nicht, was in der Türkei gerade los ist, wo es auch eine deutliche Entwicklung in Bezug auf Machtkonzentration und weniger Demokratie gab.

Ja, interessiert sich einfach gerade niemand dafür. Klar ist Corona wichtig und dominiert unser Leben. Aber mittlerweile habe ich mich schon so daran gewöhnt, dass ich gar nicht mehr so viel wissen will. Es ist ja auch nicht so, dass jeden Tag neue Regeln beschlossen werden, an die ich mich halten müsste. Für mich ist es seit vier Wochen immer das gleiche. Fast wie Ferien. Ich mache halt Aufgaben für die Schule, und ich habe Kontaktverbot, aber ich nehme das nicht mehr wahr. Für mich ist das jetzt ein Dauerzustand und den habe ich akzeptiert, aber ich brauche nicht immer neue Nachrichten dazu.

Aber es hat doch ganz viele Folgewirkungen. Ich meine damit gar nicht nur das ungelöste Rätsel, ob es einen Impfstoff geben wird. Die Wirtschaft wird an vielen Punkten zusammen brechen. Es werden viele Menschen arbeitslos werden. Das ist wichtig. Aber ich gebe dir trotzdem Recht. Darüber hinaus finden auch andere Prozesse weiter statt. Mit dem Unterschied, dass wir jetzt nicht mehr genau hin gucken und das ist gefährlich. Was wird zum Beispiel aus dem Brexit? Tritt einfach in Kraft.

Na ja, von dem Thema hatte ich eigentlich auch genug. Es zeigt sich doch auch, dass Sachen funktionieren können, ohne dass man alles noch mal durchquatscht. Manches ist einfach zu präsent gewesen und durch die Corona-Krise sieht man, dass man diese Infos vielleicht nicht braucht zum Überleben. Bei Ungarn und diesen Entwicklungen zum Totalitären sehe ich das anders.