Berlin - Am 12. April sollen in Berlin die Abiturprüfungen beginnen, der Countdown läuft. Und weil die Schulen nun noch länger geschlossen sein werden, ist die Frage: Wie können die Schulabschlüsse in diesem Jahr zugleich gerecht und aussagekräftig sein?

Gerecht hieße, dass sie die Belastungen der Schüler und die Unterrichtsausfälle im Corona-Schuljahr 2020/2021 berücksichtigen. Und aussagekräftig hieße, dass sie die Schüler dennoch herausfordern und ein realistisches Bild zeichnen von ihrem Können, ein Zeugnis, auf das Hochschulen, Ausbilder und Arbeitgeber vertrauen können.

Schon im letzten Jahr tobte ja eine leidenschaftliche Debatte über die Frage, ob man die Prüfungen nicht ausfallen lassen und durch ein „Durchschnittsabitur“ ersetzen sollte. Es war eine kluge Entscheidung, das nicht zu tun. Denn für das Selbstbewusstsein der Jugendlichen sind die Prüfungen ein unverzichtbarer Baustein. Viele Abiturienten sagten, wie froh sie gewesen seien, die Prüfungen schreiben zu dürfen – und so einen „würdigen Abschluss“ ihrer Schullaufbahn zu erleben. Die strenge Klausur im Lockdown hatte einigen sogar geholfen, sich auf das Lernen zu konzentrieren.

Deutsche Schüler, die auf ausländischen Schulen waren und tatsächlich mit einem Durchschnittsabitur abgespeist wurden, erzählen hingegen, dass sie mit einem geschwächten Selbstbewusstsein zu kämpfen hatten und dem Gefühl, die Schule nicht richtig zu Ende gebracht zu haben. Das Feiern war ohnehin schwierig in Zeiten der Kontaktverbote, sie aber fragten sich: Hätte ich jetzt eigentlich das Recht, zu feiern und mich des Lebens zu freuen? Dazu kam die Angst, dass man ihre Diplome später schief ansehen würde und sagen: „Ach so, das ist ja nur so ein  Corona-Abitur!“

Der Schulabschluss ist ein moderner Initiationsritus. Er markiert den Übergang ins Erwachsenenleben und ermöglicht, dass sich die Absolventen als „vollwertige“ Mitglieder der Gemeinschaft fühlen. Deshalb sollte man die Prüfungen auf jeden Fall schreiben und versuchen, sie nicht in den September zu verschieben, wie einige gefordert haben. Dann würde nämlich der gesamte Ausbildungszyklus durcheinandergewirbelt – mit dem üblichen Studienbeginn im Wintersemester.

Eine Verschiebung um wenige Wochen wäre möglich, aber wahrscheinlich unnötig, wenn man die Prüfungen etwas anders aufsetzt: Dazu müsste man die Themen, die vor und nach dem ersten Lockdown im Unterricht behandelt wurden, wichtiger nehmen – und außerdem mehr Aufgaben zur Auswahl stellen. Das Niveau der gestellten Aufgaben aber sollte hoch sein und den Anforderungen aus den Vorjahren entsprechen.

Die Berliner Senatsverwaltung hat bereits Vorschläge gemacht, die in diese Richtung gehen. Bei den Prüfungen zum Mittleren Schulabschluss (MSA) wird wie im vergangenen Jahr auf die schriftlichen Prüfungen in Mathe, Deutsch und in der ersten Fremdsprache verzichtet. Die Schüler müssen nur noch die Präsentationsprüfung absolvieren. Bei der Berufsbildungsreife (BBR) fallen die vergleichenden Arbeiten weg. Und das bedeutet, dass die beiden Abschüsse in diesem Jahr deutlich leichter sein werden als früher – und ja, dass vielleicht auch Schüler durchkommen werden, die es sonst nicht geschafft hätten.

Ist das ungerecht? Ja und nein. Denn die letzten Wochen haben erneut gezeigt: Corona treibt die soziale Spaltung der Gesellschaft voran. Die Schüler aus bildungsnahen Familien tun sich viel leichter mit dem Homeschooling als diejenigen aus bildungsfernen Familien. Unter den Gymnasien in den wohlhabenden Stadtvierteln gibt es welche, die ihren Schülern schon jetzt einen perfekten Digitalunterricht bieten können. Während man im Blick auf die Sekundar- und Gemeinschaftsschulen im Brennpunkt oft zu Recht von einem digitalen Desaster spricht. Dort wird es so kommen, dass viele Schülerinnen und Schüler durch Corona den Schulstoff von etlichen Monaten einbüßen.

Durch leichtere Abschlüsse will man dafür sorgen, dass die Pandemie diesen jungen Leuten nicht die Zukunft versaut – sie also trotz Krise die Schule in Anstand beenden und eine Ausbildung anfangen können. Allerdings sollte man ihnen zugleich die Möglichkeit geben, das Schuljahr freiwillig und folgenlos zu wiederholen. Denn es gibt Schülergruppen, die dieses zusätzliche Jahr wirklich brauchen. Und es ist ja ein offenes Geheimnis, dass man sich die Zukunft auch versaut, wenn man nicht genug Wissen und Fähigkeiten erwerben konnte, um sie souverän zu gestalten.