Nach ersten Schätzungen leben jetzt 25.000 ukrainische Flüchtlingskinder in Berlin. Wie soll die Stadt mit dieser großen Herausforderung umgehen? Wir haben Menschen gefragt, die sich mit Integration auskennen – aus eigener Erfahrung, durch ihr Nachdenken und berufliches Handeln. Sieben Fragen für eine bessere Integration. Hier antwortet Ha Thu Nguyen, die frühere Landeschülersprecherin.

Können die ukrainischen Kinder auf beides vorbereitet werden – auf die Rückkehr in ihr Heimatland und ein mögliches Leben in Deutschland?

Ja, natürlich können sie das. Es muss aber auch der Fokus darauf gelegt werden, dass die Traumata der Flucht aufgearbeitet werden, denn das ist wichtig – egal, ob die Kinder in ihr Heimatland zurückkehren oder ein Leben in Deutschland beginnen.

Sollten alle geflüchteten Schulkinder in Willkommensklassen gehen?

Das hängt damit zusammen, wie das Wort „Willkommensklasse“ gemeint ist. Sollen die geflüchteten Kinder immer nur unter sich bleiben oder haben sie einen gemeinsamen Klassenverband, mischen sich aber in bestimmten Fächern mit anderen Kindern? Ersteres ist zu vermeiden. Und vielleicht sollte man von Anfang an klassenübergreifende Kennenlernspiele anregen – denn Freundschaften sind das beste Mittel der Integration.

Wenn Sie Berlins Bildungssenatorin wären: Was würden Sie jetzt tun?

Ich würde direkt mit den ukrainischen Kindern und deren Eltern reden, denn die wissen am besten, was sie sich wünschen. Vor allem ist es wichtig, dass ein funktionierendes Beschwerdesystem etabliert wird, denn Mobbing wird ein Thema werden. Und als Bildungssenatorin wäre es meine Verantwortung, die Kinder zu schützen.

Wie können wir mehr Räume gewinnen und mehr Menschen, die erziehen und unterrichten?

Dass Lehrkräfte fehlen und Klassen ohnehin überfüllt sind, ist ein langjähriges Problem. Zuletzt ist dies in der Pandemie deutlich geworden und jetzt wieder. Die Tätigkeit als Lehrpersonal muss attraktiver gestaltet werden und mehr Schulen müssen gebaut werden, was natürlich in der Kurzfristigkeit nicht realisierbar ist. Daher sollte man zunächst auf externe Räumlichkeiten zurückgreifen – zum Beispiel in Jugendfreizeiteinrichtungen.

Was sind Ihre persönlichen Berührungspunkte mit dem Thema „Einwanderung“?

Meine Eltern sind auch als Fremde nach Deutschland gekommen, sodass sie und ihre Freunde sich integrieren mussten. Es ist wichtig, dass es mehr Anreize gibt und Möglichkeiten für eine gelingende Integration. Eine große Rolle spielen dabei die kostenfreien Deutschkurse. Außerdem habe ich die Situation am Berliner Hauptbahnhof erlebt und würde mir wünschen, dass die Senatsverwaltung mehr mit freiwilligen Helfern redet, da diese näher am Geschehen sind als die Verwaltungsmitarbeiter in ihren Büros.

Gibt es schon ukrainische Kinder in Ihrem Umfeld? Welche Erfahrungen haben Sie gemacht? 

Das Immanuel-Kant-Gymnasium – meine Schule – hat bereits ukrainische Kinder aufgenommen, die ihre Heimat verlassen mussten. Wir können uns zwar noch nicht auf Deutsch verständigen, aber Englisch funktioniert! Diese positive Erfahrung der Kommunikation stimmt mich zuversichtlich, dass diese Kinder als Schülerinnen und Schüler gut aufgenommen werden können. Jedoch habe ich auch gesehen, dass einige Lehrkräfte verständlicherweise nicht auf eine solche Situation vorbereitet sind und nicht sensibel genug mit den Kindern umgehen. Mir persönlich macht das Angst, denn Kinder haben zarte Seelen und vieles kann dazu führen, dass sie sich nicht willkommen fühlen.

Worauf müssen wir achten, damit Integration wirklich gelingt?

Integration kann nur gelingen, wenn der Wille dazu besteht – sowohl der gesellschaftliche Wille als auch der Wille der Geflüchteten. Daher sollte die Integration nicht unglaublich schwierig sein, der bürokratische Aufwand muss kleiner werden und wir müssen die Begegnungen zwischen Menschen fördern, um so einen Dialog zu schaffen und das Entstehen von Vorurteilen zu verhindern. Berlin hat für die Geflüchteten aus der Ukraine eine große Tür geöffnet. Aber hinter dieser Tür müssen aufgeschlossene Menschen stehen, die sie herzlich in Empfang nehmen. Nur dann kann Integration gelingen.

BLZ/Isabella Galanty
Serie und Person

Die Berliner Zeitung möchte eine Debatte darüber anstoßen, wie man ukrainische Flüchtlingskinder am besten in das Berliner Bildungssystem integriert. Hier der Beitrag von Ha Thu Nguyen. Sie ist 16 Jahre alt und in der Berliner Schulpolitik engagiert. Sie geht auf das Immanuel-Kant-Gymnasium in Lichtenberg, war Vorsitzende des Landesschülerausschusses und ist heute Vorsitzende des Bezirksschülerausschusses Lichtenberg. Ha Thu ist Stipendiatin der Start-Stiftung, sie hat ein Stipendium für aktive Jugendliche mit Einwanderungsgeschichte.