BerlinEs wird wieder ernst: Heute hat Angela Merkel mit den Ministerpräsidenten über neue, drastische Corona-Maßnahmen beraten. Das Wort „Lockdown“ kam in der Beschlussvorlage des Kanzleramts nicht vor, und doch spüren es alle: Vom 2. November bis Ende November wird es eine Art zweiten Lockdown geben.

Über einige dieser Maßnahmen haben die Ministerpräsidenten heute heftig diskutiert. Zum Beispiel über die Schließungen von Theatern und Kinos, Restaurants und Bars. Aber eine Maßnahme galt von Anfang an als relativ unumstritten: Dass Schulen und Kitas – so lange wie möglich – offen bleiben sollen.

Das ist eine gute Nachricht und zeigt, dass die Politik seit dem ersten Lockdown im März dazugelernt hat, in einer wissenschaftlichen und in einer sozialen Dimension.

Trotz der vielen ungeklärten Fragen, die sich im Zusammenhang mit Covid-19 immer noch auftun, weiß man heute besser, dass das Infektionsgeschehen an Schulen erstaunlich gering ist. Laut Robert-Koch-Institut und durch die Erfahrungen vor Ort zeichnet sich ab, dass Kinder und jüngere Jugendliche seltener betroffen sind und wirklich nicht als Treiber der Pandemie gelten können. Die bundesweiten Infektionszahlen an Schulen bewegen sich derzeit im Promillebereich und damit auf einem relativ niedrigen Niveau.

Die Kultusministerkonferenz, die schon am Dienstag offiziell für das Offenhalten der Schulen plädierte, geht sogar so weit, Schulen als „sichere Orte“ zu bezeichnen. Beim Blick auf die kumulative Fallzahl bei den 15- bis 19-Jährigen in Berlin wirkt diese Formulierung etwas übertrieben – doch ist es politisch sinnvoll, weiter auf Entdramatisierung zu setzen. Zumal es den meisten Schulen durch heldenhafte Anstrengungen bisher gut gelungen ist, die Regelungen des Musterhygieneplans umzusetzen.

Nach den Erfahrungen mit dem ersten Lockdown ist klar, wie sehr die Kinder und Jugendlichen darunter gelitten haben, so viele Wochen nicht in den Kindergarten und in die Schule gehen zu können. Und welche Strapazen es für die Eltern bedeutet hat, Kinderbetreuung und Berufstätigkeit gleichzeitig zu bewältigen.

Außerdem ist klar, dass das Recht auf Bildung gegenwärtig am besten im Präsenzunterricht verwirklicht werden kann. Erstens, weil Homeschooling die sozialen Unterschiede vergrößert. Zweitens, weil die Digitalisierung der Schulen hierzulande immer noch in den Kinderschuhen steckt. Und drittens, weil Schulen als Orte des sozialen Miteinanders unentbehrlich sind. Heranwachsende brauchen diesen öffentlichen Raum für den Austausch und für gemeinsames Lernen von Angesicht zu Angesicht.

Deshalb sollte diesmal – und anders als im ersten Lockdown – unbedingt die Maxime gelten: „Kinder und Jugendliche zuerst!“ Stephanie Hubig, die Präsidentin der KMK, sagte kürzlich mit einem ungewöhnlich leidenschaftlichen Ton: „Jetzt ist die Zeit, Prioritäten zu setzen. Wir alle müssen uns im Privaten einschränken, müssen auf Feiern, Treffen mit Freunden und vielleicht auch Hobbys verzichten, damit unsere Kinder und Jugendlichen die Bildung erhalten können, die ihnen zusteht.“

Das Offenhalten von Kindergärten und Schulen hat noch einen wichtigen Nebeneffekt: nämlich den, dass berufstätige Eltern weiter ihre volle Arbeitsleistung erbringen können und so dazu beitragen, dass die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise etwas weniger dramatisch ausfallen. Eine makroökonomische Studie hat zum Beispiel berechnet, dass in Deutschland während des ersten Lockdowns acht Prozent der Arbeitsstunden verloren gingen, weil Kinder zu Hause betreut werden mussten.

Natürlich muss weiter beobachtet werden, ob die Situation eskaliert. Aber wenn nicht, sollte man unbedingt am Stufenplan des Senats festhalten und für jede Schule eine individuelle Entscheidung treffen. Drei Player – das Gesundheitsamt, die Schulaufsicht und die Schulleitung – entscheiden in Berlin von nun an gemeinsam, in welche Stufe eine Schule eingeordnet wird. Dabei werden viele Faktoren berücksichtigt: die Infektionslage in Schule, Bezirk und Stadt, die Besonderheiten der Schule, die Größe der Räume und die Belüftungsmöglichkeiten. Schließlich lässt sich in einem Altbau aus dem Kaiserreich meist schlechter lüften als in einem Neubau.

Das sind keine leichten Abwägungen, die die Verantwortlichen da zu treffen haben. Aber die Mühe lohnt sich, wenn man das Ziel vor Augen hat: so viel Präsenzunterricht für so viele Schüler wie möglich!