Berlin -  Am Samstag findet das 20. Bundesfinale des Wettbewerbs „Jugend debattiert“ in Berlin statt, und zwar in der Telekom-Vertretung in der Französischen Straße. Der Bundespräsident Frank-FWalter Steinmeier wird kommen und noch ein paar anderer hochrangige Vertreter aus Politik und Stiftungswelt. Aber der Wettbewerb selbst wird dieses Jahr wegen Corona zum ersten Mal digital ausgetragen. Die acht Jugendlichen sitzen zu Hause vor ihren Webcamps und treffen sich nur im virtuellen Raum zum geordneten Austausch von Argumenten.

Im Finale der Klassen 10 bis 13 streiten die Jugendlichen in diesem Jahr über die Frage: „Sollen um jüdische Einrichtungen in Deutschland Bannmeilen gelten?“ Und die Finalisten der Klassen 8 bis 10 erörtern das Thema „Sollen Wohnungsmieten für Menschen in Pflegeberufen staatlich subventioniert werden ?“

Wer das Format noch nicht kennt: Es gibt zwei Teams mit jeweils zwei Rednern, die erst in der Situation des Wettbewerbs zusammenfinden. Das eine Team vertritt die Pro-, das andere die Contraseite. Welche Seite sie jeweils vertreten, wird per Los bestimmt. Dann gibt es eine Hinführung zum Thema, zwei Mal Rede und Gegenrede – sowie ein Fazit. Eine Jury bestimmt am Ende, welcher Schüler die besten Argumente hatte und sie am überzeugendsten vorgebracht hat. Man kann Klassen-, Schul-, Stadt-, Land- und schließlich auch Bundessieger werden.

Charlotte Hahn ist 15 Jahre alt und geht auf das Romain-Rolland-Gymnasium in Dresden, sie wird am Samstag in der jüngeren Altersgruppe antreten. Beim Telefonieren sitzt sie gerade im Auto, der Verbindung ist schlecht. Sie ist aufgeregt, aber sagt, sie habe sich gut vorbereitet. „Ich habe recherchiert, Fakten und Statistiken gesammelt und mit verschiedenen Menschen darüber gesprochen, um ein möglichst große Spektrum von Argumenten zu haben,“ sagt Charly. Die Auseinandersetzung mit Jugend debattiert bedeutet ihr viel. „Seitdem traue ich mir zu, als Schülerin bei politischen und ökonomischen Fragen mitzureden. Es gibt viele, die denken, das geht nur die professionellen Politiker etwas an. Dabei geht es ja um unsere Zukunft.“

Jährlich nehmen 200 000 Schüler an dem Wettbewerb teil, 1400 Schulen in Deutschland und deutschsprachige Schulen im Ausland sind als „Jugend debattiert“-Schulen registriert. Das geht, wenn an der Schule mindestens zwei Lehrkräfte engagiert sind, die sich als Trainer haben fortbilden lassen. Wie so oft sind es also die begeisterten Lehrerinnen und Lehrer, die dem Wettbewerb Kontinuität verleihen und Jahr um Jahr neue Schüler einführen in die Kunst des Debattierens.

Spiritus rector des Wettbewerbs in den Jahren auf Expansionskurs war und ist Ansgar Kemmann. Er hat in Tübingen Rhetorik studiert und das Format des Wettbewerbs in den wesentlichen Zügen entwickelt. Für ihn ist eine gute Debatte eine, „die Licht in die Sache bringt und hilft, ein Thema besser zu verstehen.“ Dieser Erkenntnisaspekt ist ihm wichtig.

In den Nuller Jahren hätten viele Schüler Rhetorik nur als ein „Karrieretool wahrgenommen, etwas, das hilft, die beruflichen Chancen zu verbessern,“ sagt Kemmann. Doch bei der aktuellen Schülergeneration spüre man wieder eine andere politische Ergriffenheit. „Sie nehmen den Kampf gegen den Klimawandel als ihre Aufgabe wahr. Der Aufstieg der AFD und die destruktive Kraft eines Donald Trump haben sichtbar gemacht, dass Demokratie jeder Zeit kippen kann – und dass man sich engagieren muss, um sie zu erhalten.“

Hertie-Stiftung
Ansgar Kemmann, spiritus rector des Wettbewerbs "Jugend debattiert"

Auch bei den Lehrern gäbe es einen Bewusstseinswandel, sagt Elisabeth Niejahr von der Hertie-Stiftung. Früher hätten die Lehrer „den Wettbewerb als Mittel der sprachlichen Perfektionierung genutzt  - und nun ist für sie vor allem ein Instrument der politischen Bildung“. Schüler lernen debattierend das Handwerkszeug der Demokratie. „Sie lernen reden, zuhören, auf den anderen eingehen. Sie lernen Frustrationstoleranz, wenn es ihnen nicht gelingt, die anderen von ihrer eigenen Meinung zu überzeugen. Das ist also ein ganzes Bündel demokratischer Tugenden.“

Interessant, wie der Wettbewerb in den letzten zwanzig Jahren gewachsen ist und auch die gesellschaftliche Entwicklung spiegelt. Zunächst gab es erste Pilotprojekte in Hamburg und Frankfurt, bevor sich im Jahr 2001 der Bundespräsident Johannes Rau dafür einsetzte, dass „Jugend debattiert“ im ganzen Bundesgebiet ausgetragen wurde. Er bot seine Schirmherrschaft an, Hertie-, Robert Bosch- und Nixdorfstiftung gaben Geld, Ideen und Infrastruktur. Später sorgten die Bundesländer dafür, dass die Organisation auf eine noch breitere Basis gestellt wurden.

Anfangs gab es mehr Gymnasien, die sich beteiligten. Doch von Anfang an war es das große Ziel der Initiatoren, den Wettbewerb in allen weiterführenden Schulen zu beheimaten. Das ist inzwischen auch gelungen -  genau wie der Versuch, deutschsprachige Schulen im Ausland einzubeziehen, in Osteuropa, Brasilien und China. 2016 fing man an, den Wettbewerb in Willkommensklassen auszurichten.

Ali Alhiwidi, der als unbegleiteter Minderjähriger aus Syrien nach Deutschland kann, hat 2019 teilgenommen und den zweiten Preis beim Landesfinale in Nordrhein-Westfalen gewonnen. Er checkt gerade in seinem Hotel am Alexanderplatz ein, als ich ihn auf seinem Mobiltelefon erreiche. Er wird morgen in einer Gesprächsrunde mit Frank-Walter Steinmeier dabei sein. „Jugend debattiert hat mich in meiner Entwicklung vorangebracht,“ sagt Ali. „Ich habe gelernt, wie man logisch argumentiert. Mein Erfolg hat mich auch angespornt, meinen Wortschatz zu vergrößern und noch besser Deutsch zu lernen.“ Ali hat gerade in Düsseldorf sein Abitur abgelegt und überlegt, ob er Wirtschafts- oder Politikwissenschaft studiert.

Das nächste Ziel von Ansgar Kemmann und seinen Mitstreitern ist es, nun die fünften bis siebten Klassen in den Wettbewerb einzubeziehen. Auch soll es Formate geben, die helfen die zivilisierten Umgangsformen des analogen Streits auf die Welt des Netzes zu übertragen – und einer gewissen Verrohung in den sozialen Medien entgegenzuwirken. Dazu passt, was Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seinem Jubiläumsgruß schreibt: „Wie sehr wir die Fähigkeit zur Debatte, zum fairen und qualifizierten Meinungsstreit brauchen, das ist uns heute noch einmal stärker bewusst als zur Gründung der Initiative vor 20 Jahren. Wir brauchen lebhafte Debatten statt Fake News. Debatten, die andere Meinungen achten und auf Gewalt und Gewaltandrohung verzichten.“


Das Bundesfinale des Wettbewerbs "Jugend debattiert" sowie die Jubiläumsfeier kann man online und life verfolgen am Samstag, den 19.6 von 14.30 - 17.30 Uhr unter: https://www.jugend-debattiert.de/bundesfinale