Viele Menschen arbeiten derzeit im Homeoffice.
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BerlinEs heißt jetzt Homeoffice. Man hört die unterschiedlichsten Ansichten darüber. Die einen sind froh, dass sie sich nicht die Kollegen ansehen müssen. Die anderen ärgern sich, dass sie sie nicht mehr sehen. Die nächsten wiederum ärgern sich, dass sie den ganzen Tag die Familie um sich haben. Sie denken selten daran, dass die Familie auch sie um sich hat. Büroflirts sind abgeschafft. Bürotratsch nicht ganz. Man kann froh sein, dass man Homeoffice hat, andere haben derzeit gar keine Arbeit.

Es gibt Kollegen und Kolleginnen, die sagen, sie schafften jetzt mehr als früher. Noch vor dem Zähneputzen würden sie schauen, was sich auf ihrem Computer tut und kurz vor oder gar Mitternacht schauen sie noch einmal nach. Sie befinden sich in einer Welt vor dem Kampf um den Acht-Stunden-Tag. Andere erzählen davon, wie schwer es ihnen fällt, sich in der häuslichen, der eigentlich ja freizeitlichen Atmosphäre umzustellen auf Arbeit und die für die Erledigung der Aufgaben nötige Disziplin. Manchen gelingt es, die Familie einzuspannen: „Rechne doch bitte die Tabelle noch mal nach.“ Die zehnjährige Tochter macht das voller Stolz.

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Nicht das Rad der Geschichte zurückdrehen

Das alles gab es schon einmal. Es hieß Heimarbeit. Sie gehörte zur frühen Industrialisierung. Sie gehört immer zur frühen Industrialisierung. Also auch heute. Die Haute Couture zum Beispiel ließ gerne in Heimarbeit produzieren. Nicht in schicken Pariser Schneidereien, sondern in Bangladesch oder in den Slums um Neapel. Ich sage ließ, weil ich nicht weiß, ob sich inzwischen daran etwas geändert hat.

Heimarbeit ist eine immer wieder besonders tückische Form der Ausbeutung. Der Heimarbeiter ist Unternehmer, aber ganz und gar abhängig vom Fabrikanten, der ihm das Material und die Arbeitsgeräte stellt und am Ende ihm die Produkte abkauft oder sie als Mangelware zurückweist. Der Heimarbeiter muss sich selbst um die Instandhaltung seiner Geräte und die Pflege seines Arbeitsplatzes kümmern.

Dem einen oder anderen wird jetzt der schlesische Weberaufstand von 1844 einfallen. Gerhart Hauptmann hat daraus sein 1894 das wilhelminische Deutschland aufrüttelnde Stück „Die Weber“ geschöpft. Es geht um Heimarbeit, um Ausbeutung im Gewand der Scheinselbstständigkeit. Man muss sich nur die Weberhütten vor Augen halten und das Schlesisch der Dialoge hören, um sofort zu wissen: Das ist unendlich weit weg.

Das ist es. Die Virologen, die uns Abstand empfehlen, um das Virus auszubremsen, wollen das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen. Aber wir sollten verhindern, dass es danach passiert.

Menschen werden durch Heimarbeit verkrüppelt

Womöglich kommt der eine oder andere Unternehmer auf die Idee: Das läuft doch ganz gut, lass uns so weitermachen. Homeoffice-Konferenzen sind eher wie Frontalunterricht. Einer sagt, wo und wie es lang geht, und jeder, der einen Einwand hat, hält auf oder steht gar im Weg. Nicht dass es das im üblichen Büroleben nicht auch gäbe, aber das Homeoffice und die dadurch sich ergebenden Kommunikationsformen verstärken diese Tendenz.

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Wer im Büro ein Problem hatte mit dem Computer, der wandte sich an die IT-Abteilung. Das waren Damen und Herren mit sehr unterschiedlichen menschlichen und fachlichen Kompetenzen. Aber man kannte sie. Würde das Homeoffice zur Heimarbeit, wäre man auf anonyme telefonische Unterstützung angewiesen. So werden Menschen verkrüppelt. Die IT-Mitarbeiter ebenso wie die Heimarbeiter.