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BerlinDie Förderung der Vielfalt an unseren Hochschulen ist neuerdings ein wichtiges Thema. Sie muss Menschen unterschiedlicher Herkunft gelten, also das gesamte Spektrum geschlechts­spezifischer, ethnischer, religiöser und sozialer Hintergründe erfassen. Schon seit längerem spielt die Gewinnung internationaler Studierender für unser akademisches System eine wichtige Rolle; sie wird auch in Zeiten der Corona-Krise, anders als aktuell in den Vereinigten Staaten, vom Staat großzügig unterstützt. 

Weniger gut sieht es dagegen bei der Internationalisierung des wissenschaftlichen Personals aus – hier stehen wir im Weltvergleich noch am Anfang. Allein die Zahl der Professuren, die von Wissenschaftlerin­nen und Wissenschaftlern ohne deutschen Pass besetzt wird, ist ver­schwin­dend gering. Sie betrug im Jahr 2018 3415 Personen, das entspricht 7,1 Pro­zent. Dass hier enorme Möglichkeiten verschenkt werden, bleibt offen­kundig. Noch immer gelingt es nur in Ausnahmefällen, Berufungen aus dem Aus­­land zu rea­lisieren. Unsere Hochschulen sind nationale Institutionen, die zwar weltweit koope­rieren, aber im Inneren nicht vielfältig genug sind.

Wer das ändern möchte, sollte Begriffe wie In­tegration oder Inklusion meiden. Denn bei der Diversität geht es nicht um Hilfen für diejenigen, die womöglich in unserem Land eine Min­derheit darstellen, sondern um eine Freisetzung von Potenzialen. Die Vielfalt der Blickwinkel auf Themen, Prob­le­me und Lösungswege bildet ein Element wissenschaftlicher Qualität.

Forschung steigert ihre Erkennt­niskraft, wenn sie nicht immer dieselben Wege verfolgt. Denken, das andere Richtungen als die uns vertrauten einschlägt, erschließt neue Einsichten. Diversität ist in diesem Sinne die Produktivkraft einer Hochschule, und wenn wir sie nicht nutzen, dann werden wir im internationalen Wettbewerb bald das Nachsehen haben. Dabei sollte die Frage, wie man diese Erkennt­nis in Be­rufungskommissionen praktisch umsetzt, eher zweitrangig sein. Denn es muss im ureigenen Interesse des höheren Bildungssystems liegen, seine Vielfalt weiter­zu­entwi­ckeln.

Die Diversität der Hochschule birgt neben Chancen gewiss auch bisher un­bekannte Herausforderungen. Mit der Internationalisierung von Studierenden und Lehren­den nimmt die potenzielle Zahl spannungsträchtiger Meinungs­konflikte zu. Krieg und Wider­stand, Re­bellion und Umsturz, Aus­gren­zung, Vertrei­bung und Migration – das sind in einer divers zusammengesetzten Univer­sität nicht nur Gegenstände der Forschung, sondern Ele­mente individueller Lebens­erfahrung. Mit ihnen wächst die sehr konkrete Sen­sibilität ge­genüber poli­tischen Problemen aller Art in ei­nem geradezu existenziellen Grad persönlicher Betroffenheit. Je mehr Men­­schen aus aller Welt an einer Hochschule studieren und arbeiten, desto viel­fältiger wird auch das Po­ten­zial für Spannungsfelder und Konflikte, aber eben auch für deren wissenschaftliche Bearbeitung.

Unsere Hochschulen sind dazu in der Lage, die hier schlummernden Herausforderungen auf konstruktive Weise zu bestehen. Denn der wissenschaftliche Diskurs ist selbst durch unterschiedlichste Positionen und Methoden gekennzeichnet – Streit gehört zur Wis­senschaft. Vor Diversität muss also niemand Angst haben, wenn es um die Hochschulen geht. Vielfalt erfordert keinen Mut, sondern nur die Einsicht, dass wir gewinnen, wenn wir unsere Perspektiven erweitern.

Der Autor ist Präsident der Hochschulrektorenkonferenz.