An welchem Schreibtisch können sich die Mitarbeiter in Zukunft sicher fühlen? Experten empfehlen einen Mix aus Homeoffice und Büro-Präsenz. 
Foto: Imago/Taylor Callery

BerlinGut möglich, dass es in einigen Büros in den nächsten Wochen so zugehen wird wie zurzeit in etlichen Supermärkten. Da werden drängelnde Leute sein, Kollegen, denen das Gefühl für Distanz fehlt, andere Mitarbeiter werden maulen oder schüchtern um mehr Abstand bitten. Die klassischen Konflikte eben. Und das alles noch unterstützt von dem üblichen Erwartungsdruck und dem unangenehmen Gefühl, wieder viel zu lange im Stau gestanden zu haben.

Das klingt nicht unbedingt so, als ob das Ende der Arbeit im Homeoffice für jeden wirklich erstrebenswert wäre. Zurzeit ist es allerdings noch so, dass nach den Lockerungen der Corona-Vorschriften die Angestellten eher freudig an ihre Arbeitsplätze in den Büros zurückkehren. Wieder in den vertrauten Rhythmus zu kommen, die bekannten Gesichter zu sehen und das Gefühl zu spüren, eine schlimme Krise überstanden zu haben, das seien Gründe für die positive Stimmung, sagt Philipp Staab, der sich an der HU als Soziologe um die Zukunft der Arbeit kümmert.  

Grafik: BLZ/Hecher; Quelle: Citrix Systems, OnePoll-Umfrage

Nicht mehr als drei Tage zu Hause

Die Zahlen bestätigen Staabs Einschätzung, dass die Menschen sich nach dem alten Normal zurücksehnen. Anfang April hatten noch deutlich mehr als ein Viertel der Arbeitnehmer im Homeoffice gearbeitet,  Mitte Mai waren es noch knapp neun Prozent, die angaben, komplett im Homeoffice zu sein, gut 20 Prozent waren zumindest teilweise wieder vor Ort im Job. Das ergab eine Befragung der Uni Mannheim.

Bisher scheint die Rückkehr weitestgehend reibungslos zu funktionieren, was auch damit zu tun haben mag, dass noch genügend Platz in den Büroräumen ist, um den geforderten Abstand einhalten und sich aus dem Weg gehen zu können.  Aber was passiert in den nächsten Wochen, wenn die Abstandspflicht weiter besteht, aber die Räume für die gesamte Belegschaft nicht ausreichen werden? Was ist mit Besprechungen in Konferenzräumen, Diskussionen an Stehtischen und Treffen in der Kaffeeküche, wo nach den Social-Distancing-Regeln eigentlich alles viel zu eng ist? Und wie werden die Kollegen über Projekte und Entscheidungen informiert, auch wenn sie noch zu Hause sind, weil es für sie keinen Schreibtisch mit Sicherheitsabstand gibt?

Die Präsenzkultur, wie wir sie kennen, wird es in Zukunft nicht mehr geben. Wir werden Mischformen aus verschiedenen Arbeitsformen etablieren.

Juliane Rosier, Wirtschaftspsychologin

Telekom-Chef Timotheus Höttges sagte neulich: „20 Prozent der Beschäftigten in Bonn sind wieder da. Wir holen bald bis zur Hälfte der Mitarbeiter zurück. Ich glaube aber zutiefst daran, dass wir auf Dauer hybrid arbeiten werden.“ Anteilige Arbeit im Homeoffice ist also gewollt.

Eine gute Balance für das neue Normal könnte  eine 2:3- oder 3:2-Lösung sein. Also zwei Tage im Büro und drei Tage zu Hause. Oder umgekehrt. Die Kombination empfiehlt Jutta Rump. Sie forscht als Professorin in Ludwigshafen vor allem zu internationalem Personalmanagement und Organisationsentwicklung. Sie bietet ihrem Team seit zwölf Jahren die Möglichkeit, den Arbeitsplatz frei zu wählen. Ihre Beobachtung: Homeoffice ist  in Ordnung, aber die Anwesenheit im Büro ist unverzichtbar, damit das Gemeinschaftsgefühl nicht leidet, sich niemand ausgegrenzt fühlt. Sie spricht von Vertrauenskultur und empfiehlt, auf das Teamklima zu achten. Das lasse sich nur durch den persönlichen Kontakt pflegen. Dann habe auch niemand das Gefühl, Verantwortung alleine tragen zu müssen, was in der Einsamkeit des Homeoffice zum Problem werden kann.

Nur, wer darf wann im Büro erscheinen und mit wem dann zusammenarbeiten, wenn die Fläche nicht ausreicht, damit alle gleichzeitig da sein können? Ausprobieren, lautet die Antwort der Experten.

Die Angestellten haben im Homeoffice auch gelernt, selbstbestimmt ihren Tag und ihren Arbeitsprozess zu gestalten. Das verändert nach Rumps Einschätzung  die Anforderung an die Führungskräfte. Es geht um das Gespür des Loslassens, Eigenverantwortung zu ermöglichen, ohne dabei die gemeinsamen Unternehmensziele  aus den Augen zu verlieren.

Rump geht auch davon aus, dass die Art der Kommunikation sich verändern wird. Niemand habe mehr Lust auf Selbstdarsteller in Konferenzen, die Meetingkultur werde kürzer, präziser, strukturierter, sagt sie voraus. Denn Konferenzen und Besprechungen werden in Zukunft eine herausragende Bedeutung gewinnen. „Live werden wir uns nur noch treffen, wenn es unbedingt nötig ist“, sagt auch Nora Fehlbaum, Geschäftsführerin bei Vitra, dem innovativen Büromöbel-Hersteller aus dem Süden Deutschlands.  

Wichtig werden also  Konferenzformen und technische Geräte, die eine Teilnahme vor Ort ermöglichen, aber nicht erfordern. Videokonferenzen über Zoom haben angedeutet, wie schnell sich moderne Technik in die gewohnten Arbeitsprozesse einfügen lassen. „Die Corona-Zeit war da ein Beschleuniger“, sagt Rump. Die Suche nach Tools und Kollaborationsformen fürs gemeinsame Arbeiten, so scheint es, hat mit Chat- und Besprechungsmöglichkeiten wie Slack und Teams gerade erst begonnen. „Wir befinden uns im Change-Prozess“, sagt auch Staab. Er erinnert daran, dass es noch länger dauern kann, bis ein Impfstoff gefunden wird, und einen Herbst-Lockdown hält er auch nicht für ausgeschlossen. Also gut möglich, dass  die Übergangslösung deutlich länger dauern wird, als von vielen Firmenchefs vermutet.

Rump nennt noch einen pragmatischen Grund, der Anlass zum Umdenken geben wird: die wirtschaftliche Lage. Nicht wenige Unternehmen werden sparen müssen, die Miete für die Bürofläche ist kein unerheblicher Ausgabenfaktor, also könnte es in den Geschäftsführungen ein Interesse geben, die Büroflächen zu reduzieren.

Bei der Rückkehr ins Büro geht es aber auch um Hygiene und Sauberkeit. Nora Fehlbaum stellt sich das so vor: „Die Einführung strengerer Sicherheitsvorkehrungen an Flughäfen nach dem 11. September 2001 diente der Verhinderung terroristischer Anschläge. Neue Vorsichtsmaßnahmen für gemeinschaftlich genutzte Räume dienen nun dem Schutz vor Ansteckung und Krankheit. In Eingangsbereichen und Sanitärräumen werden Desinfektionsmittel bereitgestellt. Möglicherweise werden laufendes Fiebermessen und die Maskenpflicht an einigen Orten ebenfalls zur Norm. Oberflächen, Türklinken, Sanitärräume und häufig berührte Flächen an Stühlen werden täglich gereinigt. Begrüßungsrituale wie Händeschütteln, Umarmen oder Wangenküsse gelten nun als unangemessen.“

Und wenn doch etwas passiert? Das Berliner Start-up Nexenio kümmert sich eigentlich um kontaktlose Zugangskontrollen. Christian Kregelin, der für die Geschäftsentwicklung zuständig ist, berichtet aber auch von einem zusätzlichen Feature, dass  Unternehmen helfen soll, eine sichere Umgebung für ihre Mitarbeiter zu schaffen. Es geht dabei um verschlüsselte Informationen, wer mit einer infizierten Person in den Arbeitsräumen in Kontakt war. Das Angebot soll helfen, eine Liste nur der Personen zu erstellen, die tatsächlich benachrichtigt werden müssen.