Berlin - Lernen handelt auch von dem, was Robert Musil einmal „die experimentelle Gesinnung“ nannte. Ich denke, ich gehe nicht zu weit, wenn ich sage, dass diese Gesinnung im Alltag vieler deutscher Schulen verlorengegangen ist. Dass also in den Lernanstalten oft genau das fehlt, was Lernen zu einem Abenteuer des Geistes macht: Wenn Menschen sich in ungewohnte Situationen begeben, sich neuen Problemen stellen und selbständig nach Lösungen suchen - im Denken wie im Tun.

Deshalb sollten wir die beiden Wochen Homeschooling, die uns nun bevorstehen, nicht nur als Zumutung begreifen, sondern als Chance, die Schulen für die Herausforderungen der Zukunft zu öffnen. Das gilt vor allem für die Digitalisierung: Wir müssen endlich die technische Infrastruktur schaffen und die Fähigkeiten von Lehrern und Schülern an weiterführenden Schulen stärken, sie phantasievoll zu nutzen. Das gilt aber auch für eine neue Lernkultur, die durch projektorientierten und fächerübergreifenden Unterricht den Experimentiergeist der Heranwachsenden fördert.

Durch die Corona-Krise ist das Unzeitgemäße in unseren Schulen, in unserem Bildungssystem deutlich zu Tage getreten, durch die Notwenigkeit, schnell zu reagieren, in manchen Kollegien eine nahezu euphorische Aufbruchsstimmung entstanden.

Wie gut sind unsere Schulen vorbereitet für die nächste Homeschooling-Challenge? Mein Eindruck ist, dass manche Schulen schon sehr gut gerüstet sind, manche etwas besser als im Frühjahr und manche überhaupt nicht. Das Gleiche gilt für die Lehrerinnen und Lehrer. Die Unterschiede sind gewaltig. Die Reporter der Berliner Zeitung wollen in den kommenden zwei Wochen losziehen, um diese Unterschiede zu beschreiben. Sie wollen ins Gespräch kommen mit allen Akteuren: Mit Schulleitungen, Lehrerpersönlichkeiten, Eltern, Schülern, Politikern und Digitalisierungsexperten. Sie gehen in digital exzellente Schulen mit Schülern aus eher behüteten Elternhäusern, in gut und schlecht geführte Brennpunktschulen; in solche, die technisch total unterversorgt sind und hilflos zusehen, wie viele ihrer Schüler in den kommenden Wochen wieder auf Tauchstation gehen.

Bitte beteiligen Sie sich, schreiben Sie uns, wie Sie diese Zeit erleben! Je mehr Stimmen, je mehr Erfahrungswelten wir zum Sprechen bringen können, desto besser. Helfen Sie uns, die interessanten Fragen zu stellen. Was bedeutet es eigentlich, dass in der modernen Gesellschaft die Schulen immer mehr Erziehungsaufgaben der Familie übernehmen müssen und die Familien immer mehr Bildungsaufgaben der Schulen? Wann stellen sie sich ein, die Momente einer gelungenen Online-Stunde, die Aha-Erlebnisse, aber auch die Frustrationen ihres Kindes?

Vignette: Stephanie Franziska Scholz
Das Homeschooling-Projekt der Berliner Zeitung: 

Die Homeschooling-Phase im Januar ist ein großes gesellschaftliches Experiment. Lassen Sie uns dieses Experiment gemeinsam machen, beobachten und beschreiben! Liebe Schüler, Eltern und Lehrerpersönlichkeiten, schicken Sie uns Ihre Erfahrungsberichte. Wie gehen Sie, wie geht Ihre Schule mit den neuen Herausforderungen um? Was funktioniert schon gut und was nicht? Was sind Ihre persönlichen Lifehacks, was erhofffen Sie sich von der Politik? Gerne können Sie Ihre Beiträge (in Text, Bild, Ton) über die Open-Source-Funktion der Berliner Zeitung einreichen und honorieren lassen. Wir freuen uns über ihr Engagement und flankieren es mit exten über das Twitterlehrerzimmer oder Reformideen für das hoffnungslos veraltetete System der Lehrerfortbildung, mit Reportagen über eine Smart School in Mitte und eine digitale Notbetreuung in Neukölln. Lesen und schreiben Sie mit! 

Stimmen unsere frischen Gewissheiten aus dem Frühjahr noch? Dass Fernunterricht für die älteren Schüler leichter ist als für die jüngeren, für die Schüler aus den reichen Vierteln Berlins leichter als für die aus den armen? Dass das Klarkommen eine Typfrage ist? Es gibt Kinder, die regelrecht aufblühen beim Homeschooling – weil sie die Stille lieben und sich den Stoff gerne selbst aneignen. Und die anderen gehen ein wie die Primeln, wenn sie ihre Freunde nicht täglich sehen, im sozialen Geschehen eintauchen und durch Stimulation von außen den Stoff aufnehmen können.

Welche Fortschritte sind seit dem ersten Lockdown erzielt worden? Im März wusste kaum jemand, was eine Schulcloud ist. Inzwischen haben sich die meisten Schulen in Berlin für eine entschieden und die Lehrkräfte wissen auch so ungefähr, wie man sie nutzt. Wissen, wie wichtig es ist, dass sie in Kontakt bleiben mit ihren Schülern – sei es nun durch Videokonferenzen oder telefonisch. Eine feste Tagesstruktur ist nützlich – das Nachbilden eines kürzeren Stundenplans zu Hause – und die Verabredung, dass die Schüler ihre Arbeitsergebnisse dokumentieren und für ihre Lehrerinnen und Lehrer einsehbar machen.

Der Wochenplan erlebt eine Renaissance und die Idee, dass kleine und große Aufgaben sich abwechseln, die die Fähigkeit zur Selbstorganisation wecken. Gut ist, wenn sich das „schulisch angeleitete Lernen zu Hause“ nicht nur in Dutzenden von Arbeitsblättern erschöpft und durch geistlose Lückentexte die Neugierde der Schüler in eine Art Koma versetzt.

Eine Lehrerin in der Grunewald-Grundschule hatte im Frühling ihre Klasse mit einem Schmetterlings-Projekt verzaubert. Sie hatte ihren Schülern die Raupe eines Distelfalters geschenkt und ihnen ermöglicht, ihre Metamorphose aus nächster Nähe zu beobachten und in einem Lerntagebuch zu notieren bis zu dem traurig-schönen Tag, an dem sie ihren höchstpersönlichen Distelfalter in die Freiheit entließen. Arbeitsblätter gab es auch, doch alle dienten dem einen Zweck: Das neue „Haustier“ besser verstehen und versorgen zu können. Weil man den Körperbau verstand und die Nahrungsquellen, weil man erfuhr, wie man aus einem Umzugskarton einen Flugkäfig baut.

Eine Deutschlehrerin im Gymnasium zum Grauen Kloster hatte ihre 8. Klasse angeregt, nach dem Vorbild des Youtube-Kanals „Sommers Weltliteratur to go“ ein Drama von Dürrenmatt zusammenzufassen – indem sie mit Playmobilfiguren die Handlung nachspielen und per Video aufzeichnen. Auch dies ein Beispiel für pädagogische Phantasie, die die Situation der Kinder und Jugendlichen im Lockdown für das Lernen fruchtbar machte.

Was sind die kleinen und doch bedeutsamen Innovationen, die sich im vergangenen Jahr durchgesetzt haben? Im Ernst-Abbe-Gymnasium in Neukölln wurde in einem ehemaligen Computerkabinett schon früh eine „digitale Notbetreuung“ eingerichtet. Alle Kinder, die zu Hause einfach nicht lernen können, dürfen trotz Lockdown dort weiterhin zur Schule gehen. Weil sie mit vielen Geschwistern in engen Wohnungen leben, gar kein Gerät oder nur ein abgerocktes Handy besitzen.

Also einiges hat sich seit März bewegt – und doch noch viel zu wenig. Darum verstehe ich den Impuls von Eltern und Lehrern, zu einem großen Karliczek- oder Scheeres-Bashing auszuholen. Doch zugleich muss die Frage gestellt werden: Wieviel Spielraum haben diese Politikerinnen in einem extrem schwerfälligen System?

Durch die Corona-Krise ist der deutsche Bildungsföderalismus erneut an seine engen Grenzen gestoßen. Das Kooperationsverbot von Bund und Ländern ist nicht mehr zeitgemäß. Der Bund muss mehr gestalten, die Länder müssen mehr zusammenarbeiten und die Schulen brauchen mehr Autonomie und Ressourcen, um selbst handlungsfähig zu sein. Nur so können wir an fortschrittliche Länder wie Dänemark anschließen und versuchen, im Zeitraffer 15 Jahre verschlafene Modernisierung nachzuholen.

Schaut man sich um im Zukunftslabor der Stadt Berlin, was sieht man da? Nur etwa die Hälfte der  bedürftigen Schüler hat inzwischen digitale Leihgeräte zur Hand. Mit dem Breitbandausbau wird leider erst im Laufe des nächsten Jahres begonnen. Die allermeisten Schulen warten immer noch auf schnelles Internet, die Lehrkräfte auf dienstliche Laptops, E-Mailadressen und Fortbildungen, die diesen Namen verdienen. Deshalb heißt es ab jetzt wieder: Improvisieren, experimentieren und darauf hoffen, dass die Not uns erfinderisch macht!

Alle Artikel  aus unserer Serie zum Thema Homeschooling finden Sie hier.