Nordkoreanische Propaganda: Computer und Weltraum zum Greifen nah.
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BerlinGlaubt man den Zahlen der Weltgesundheitsorganisation (WHO), dann ist Nordkorea bis jetzt verschont geblieben. Laut der WHO-Datenbank gehört neben Lesotho, Turkmenistan und Tadschikistan auch der isolierte Staat in Ostasien mit seinem langen Grenzverlauf zu China zu den sehr wenigen Ländern der Welt, die keinen einzigen Infektionsfall des neuartigen Coronavirus zählen. Damit dies so bleibt, hat Nordkoreas Regierung schon Ende Januar begonnen, die Grenzen zu China und Russland zu schließen. Weil neben dem Importieren des Virus aber auch Versammlungen über längere Zeiträume die Infektionsgefahr erhöht, bleiben derzeit auch die Schulen im Land geschlossen.

Allerdings gehört Bildung zu den wichtigsten Tugenden in Nordkorea. So haben sich die Offiziellen eine Strategie überlegt, wie die Kinder des Landes auch in Zeiten von Covid-19 weiterlernen können. Laut der nordkoreanischen Nachrichtenseite Arirang Meari sind seit Mitte April Schulen im ganzen Land auf Onlineunterricht umgestiegen. Schüler ab der Mittelschule sollen demnach auf das Programm „Top Student Companion“ zurückgreifen, durch das sie von Lehrern gestellte Aufgaben in diversen Fächern lösen und so ihren eigenen Lernfortschritt überprüfen. Arirang Meari berichtet, Lehrer, Schüler und Eltern seien begeistert.

„Top Student Companion“ wurde nicht erst akut für den Umgang mit Covid-19 entwickelt, sondern ist eine Software, mit der sich Schüler eigentlich Schritt für Schritt auf das Universitätsstudium vorbereiten. Angelegt ist sie insbesondere für koreanische Linguistik, Englisch, Geschichte, Geografie, Mathematik, Physik und Chemie. Neben der Wiederholung von Lehrinhalten, die User am Bildschirm lesen, werden Wissensfragen sowie auch solche Probleme gestellt, die analytisches Verständnis testen. Die Applikation beinhaltet den Lehrstoff bis zum 12. Schuljahr, nach dem für die besten Schüler, sofern sie keinen Militärdienst leisten müssen, die Universitätslaufbahn beginnt.

Um das Programm zu nutzen, braucht man auch nicht unbedingt einen großen Computer. Ein Smartphone mit den entsprechenden Funktionen genügt: Erst Anfang April wurde im Land eine neue Version der nationalen Flaggschiffreihe „Pyongyang“ vorgestellt, das Pyongyang 2428. Das Smartphone soll unter anderem eine Full-Display-Funktion haben, Gesichtserkennung zulassen, und Wireless Charging ermöglichen. Und man kann die Bildungs-App nutzen, die nun so nützlich sein soll.

Was modern klingt, wirft zugleich eine Frage auf: Hat wirklich jeder Schüler Zugang zu dieser Software? Eine 2018 veröffentlichte Umfrage, die maßgeblich auf Fragebögen der UN-Organisation Unicef basiert, deutet kaum darauf hin. Zum Zeitpunkt der Datenerhebung hatten demnach 18 Prozent der nordkoreanischen Haushalte einen Computer. Sie sind nicht leicht zu kriegen. Ob der Knappheit hochtechnologischer Güter sind selbst gebrauchte Notebooks teuer. Aus China importierte Laptops werden für umgerechnet mehrere Hundert Euro gehandelt.

Auch die höheren Semester müssen sich schützen: Studenten an der Kim-Chaek-University in Pjöngjang.
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Auch der Zugang zu Smartphones ist stark begrenzt. Laut der Umfrage besaßen 48 Prozent der Frauen und 56 Prozent der Männer zwischen 15 und 49 Jahren ein Mobiltelefon, wobei nicht klar ist, auf welchem technologischen Stand die Handys waren. Immerhin 86 Prozent dieser Bevölkerungsgruppe hatte in den vorausgegangenen drei Monaten ein Handy benutzt. Nur lässt sich kaum regelmäßig etwas erlernen, wenn man zu seinen Werkzeugen nur gelegentlich Zugang hat.

„Es ist höchst unsicher, ob das Onlinelernprogramm wirklich alle Schüler erreicht“, sagte Chung Eun-chan, Professorin und Experten für Nordkorea am staatlichen Bildungsinstitut für Wiedervereinigung in Südkorea, zuletzt gegenüber dem Sender Korean Broadcasting Service. Zur Frage der Hardware kommt die der Verbindung. Statt einem offenen Internet bietet Nordkorea seinen Bürgern ein Intranet, durch das nur bestimmte Inhalte abrufbar sind. „Aber dafür muss man bestimmte Orte aufsuchen. In privaten Haushalten gibt es weitere Restriktionen“, so Chung. „Für Schüler ist es also sehr schwierig, frei nach Informationen zu suchen oder am Onlineunterricht teilzunehmen.“

Trotzdem bedeutet die Initiative, den Unterricht in den virtuellen Raum zu verlagern, wohl auch in Nordkorea einen Schritt in Richtung Zukunft. Das Staatsorgan Rodong Sinmun erkannte Anfang April an, dass es Schwierigkeiten gibt, die technologischen Unterschiede zwischen den städtischen und ländlichen Regionen des Landes zu überbrücken. Durch ein Fortschreiten von Onlinekursen soll dies Stück für Stück gelingen. Dabei ist die Durchdringung von digitalem Lernen derzeit weniger ein Problem der Software als der Infrastruktur, von zuverlässiger Stromversorgung bis zu Netzanschlüssen im ganzen Land.

Zumindest für die Bildungselite ist das Studieren ohne Bücher nichts ganz Neues mehr. Die im Land renommierte Kim-Il-sung-Universität, an der auch der Enkel des Namensgebers und regierende Staatschef Kim Jong Un studierte, vergibt seit 2018 Diplome für digital absolvierte Kurse. Die Technische Universität Kim Chaek hat laut nordkoreanischen Medien zudem eine Distance-Learning-Plattform entworfen, die ihren Usern je nach deren Abschneiden individuelle Lernvorschläge macht.

Diese Technologie steht und fällt, damit sie allen hilft, aber mit dem Zugang für alle. Und falls in Nordkorea doch schon Covid-19-Infektionsfälle festgestellt wurden, wie der amerikanische Sender Radio Free Asia berichtet hat, wird die Regierung in Pjöngjang zunächst andere Probleme haben, als die Haushalte des Landes ans Netz anzuschließen.