Allein zuhause lernen ist schwer. Schulen und Lehrer sind besonders gefordert. (Symbolfoto)  
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BerlinSeit 17. März sind alle Schulen in Berlin geschlossen, und das werden sie auch noch eine ganze Weile bleiben. Die Schülerinnen und Schüler sollen auch in den Osterferien zu Hause weiter lernen. Wie gut funktioniert das? Die Bilanz nach den ersten drei Wochen zeigt: Die Corona-Krise vergrößert die ungleichen Bedingungen, unter denen Kinder und Jugendliche in der Stadt lernen.

Homeschooling ist für die Familien  eine Ausnahmesituation, sagt Elisabeth Göttler-Atef, schulpsychologische Beraterin im SIBUZ Pankow. „Die Wahrnehmung für Probleme ist jetzt, wo Eltern und Kinder so viel Zeit miteinander verbringen, deutlich geschärft.“ Eltern, die in den vergangenen Wochen Unterstützung für einzelne Lernprobleme ihrer Kinder suchten, riet Göttler-Atef, sich nicht zu sehr unter Druck zu setzen: „Jetzt ist nicht die Zeit, um die Schwierigkeiten mit der Handschrift, die vielleicht schon seit Monaten bestehen, zu lösen. Wichtiger ist es, gut und ohne allzu schwere Konflikte durch diese Phase zu kommen.“ Denn Eltern könnten Lehrkräfte nicht ersetzen.

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Anja Kornmessers Fazit der ersten drei Wochen Schule zu Hause ist kurz: „Vollkatastrophe“, sagt die alleinerziehende Mutter aus Lichtenberg, und dann noch einen Satz, der derzeit vielen Familien aus der Seele sprechen dürfte: „Wir sind nicht dafür gemacht, 24 Stunden aufeinanderzuhocken.“ Dabei klingt es, als hätten Kornmesser und ihr Sohn das mit dem Homeschooling noch ganz gut hinbekommen: Zwei 45-Minuten-Lernsessions pro Tag hat sie mit ihrem Erstklässler eingelegt, bei sieben Stunden Homeoffice.

Manche bekommen zu viele, manche gar keine Aufgaben

Das ging aber nur wegen eines kulanten Arbeitgebers. Und war trotzdem alles andere als ein Zuckerschlecken: Ein Sechsjähriger versteht nämlich auch in seiner „Freizeit“ nicht unbedingt, dass Mama zwar zu Hause ist, aber arbeiten muss, dass er seine Freunde nicht sehen darf, dass der Spielplatz tabu ist. „Du hast gar keine Zeit, mit mir zu spielen“, dieser Satz klinge ihr noch abends im Ohr, sagt die junge Mutter: „Es ist eine enorme psychische Belastung.“

Immerhin steht der Kontakt zur Schule ihres Sohnes, und das Aufgabenpensum für zu Hause war sowieso größer als Kornmesser und ihr Sohn bewältigen konnten. Auch deswegen werden sie in den Osterferien weiterlernen. Das machen nicht alle Berliner Eltern und Schüler: Manche haben von ihren Lehrern für die Zeit der Schulschließungen gar keine Aufgaben bekommen. Eine kürzlich durchgeführte Umfrage des Landesschülerausschusses unter 1 700 Oberschülern ergab, dass 30 Prozent von ihnen über zu wenige Aufgaben klagen.

Norman Heise, der Vorsitzende des Landeselternausschusses, berichtet, dass an einzelnen Schulen weder Schulleitungen noch Lehrer erreichbar seien. Dass Berlins Schulen keine einheitliche digitale Infrastruktur haben, macht sich in Corona-Zeiten besonders bemerkbar: Ob Lehrkräfte überhaupt eine dienstliche E-Mail-Adresse haben, ist von Schule zu Schule unterschiedlich. „Manche Lehrer ziehen sich hinter den Datenschutz zurück wie eine Mauer und wollen weder Telefonnummer noch private E-Mail-Adresse herausgeben“, sagt Heise.

Digitaler Unterricht? Kommt auf die Lehrkraft an

Auch was digitalen Unterricht betrifft, beobachtet er große Unterschiede – und die entstehen vor allem durch das Engagement der Lehrkräfte: „Von tatsächlichem Videounterricht und Lehrern, die selbst Lernvideos produzieren, bis hin zu Lehrern, die nur die Seiten der Bücher angeben, die die Schüler zu Hause durcharbeiten sollen, ist alles dabei“, sagt er. Immerhin: Der „Lernraum Berlin“, die digitale Unterrichtsplattform des Landes, hat inzwischen rund 27.000 aktive Nutzer täglich – im Februar waren es im Durchschnitt noch 560. Und seit circa einer Woche verkraftet das Portal die rund 1,5 Millionen Zugriffe pro Tag auch, ohne dass ständig die Server in die Knie gehen.

Doch es gibt es auch Kinder, die selbst mit den besten digitalen Angeboten nicht zu erreichen sind: So berichten Schulleiter von Schülerinnen und Schülern, die seit der Schließung der Schulen komplett abgetaucht sind. Bei vielen Kindern aus bildungsfernen Familien ist an Lernen gar nicht zu denken: Viele leben in ärmlichen Verhältnissen in sehr kleinen Wohnungen, müssen sich den Computer mit anderen Familienmitgliedern teilen oder haben erst gar keinen. „Bei vielen verschlimmert sich die Belastung noch dadurch, dass Eltern ihre Jobs verlieren und sich psychische Erkrankungen durch diese Krise verschärfen können“, so Schulpsychologin Göttler-Atef.

Zu Hilfe kommen soll „Lernbrücken“, ein neues Programm der Senatsbildungsverwaltung. Es sieht vor, dass freie Träger der Kinder- und Jugendhilfe die Familien der Kinder kontaktieren, die der Schule zu entgleiten drohen.

Landeseltern- und -schülerausschuss haben die Senatsbildungsverwaltung im Zuge der Schulschließungen aufgefordert, das Thema Beschulung in Zeiten von Schulschulschließungen zur Priorität zu machen. Während der Landesschülerausschuss verschiedene Vorschläge entworfen hat, wie Schüler mit und ohne Internetanschluss zu Hause weiter lernen können, fordert der Landeselternausschuss die Bildung einer Taskforce „Digitale Berliner Schule“. „Wir brauchen eine schnelle Lösung, um Schüler ohne Zugang „virtuellen Lernen“ zu versorgen“, sagt Norman Heise. Eine Möglichkeit sei die Öffnung des Bildungs- und Teilhabepakets, um alle Schüler mit digitalen Endgeräten auzustatten.

Denn dass am 20. April alle wieder in die Schule gehen können, glaubt inzwischen niemand mehr: Am Wochenende warnte der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) davor, von einem „Tag X“ auszugehen, an dem die Normalität zurückkehrt. Für Schulen und Kitas könne er sich eine schrittweise Öffnung vorstellen, so Müller: „Zum Beispiel, dass in Schulen zunächst nicht die gesamte Klasse gemeinsam unterrichtet wird, sondern vielleicht die eine Hälfte der Klasse vormittags und die andere nachmittags.“ Das Thema „Schule zu Hause“ wird Schulen, Schüler und Eltern wohl noch eine ganze Weile beschäftigen.