Mandy Kloss hält ihre jüngste Tochter im Arm. Shola (r.) kommt nun in die 5. Klasse. Vero (l.) will ihr Gesicht lieber nicht in der Zeitung sehen.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

BerlinHinter dieser blauen Tür im Neuköllner Rollberg-Kiez liegt eine eigene Welt. Es ist einer dieser typischen 80er-Jahre-Sozialbauten im alten West-Berlin. Die blaue Tür öffnet sich, es geht die Treppen hoch und runter, es gibt kleine Gänge und Zimmer, ein Fenster zur Küche, und wieder eine Treppe. Die Wohnung ist groß, verwinkelt, funktional.

Das ist auch nötig, denn hier wohnt Mandy Kloss, 43 Jahre alt, alleinerziehende Mutter von zehn Kindern. Das älteste ist 24 Jahre, das jüngste 18 Monate alt. Im Wohnzimmer setzt sich Mandy Kloss in den großen Sessel und muss erst mal kurz überlegen, wie viele Kinder zu Hause sind. Die Namen purzeln durcheinander. Die große Tochter ist längst ausgezogen, ein Sohn ist im Sportinternat. Das Ergebnis lautet: sechs. Für sechs Kinder ist Mandy Kloss also nicht nur die Mutter – sondern seit März ist sie auch ihre Kita-Erzieherin und Lehrerin und Köchin. „Mit einer Arbeit wäre das alles gar nicht zu schaffen“, erzählt sie. „Und auch so geht es nur, wenn die größeren Kinder auch mal auf die kleineren aufpassen.“

Wie inzwischen auch die Nicht-mehr-Eltern der Republik mitbekommen haben, gehören Eltern zu jenen in der Corona-Krise, deren Sorgen lange Zeit weitgehend ignoriert wurden, die aber wohl die meisten Alltagsprobleme zu bewältigen hatten, die dafür wenig Anerkennung bekamen und nun als Letzte von den allgemeinen Lockerungen profitierten. Denn regulären Unterricht gibt es in Berlin erst wieder im August – vielleicht. Oft wird vergessen, dass selbst Bildungshistorikern keine Zeit in den vergangenen 150 Jahren einfällt, in der in Berlin so lange kein Unterricht erteilt wurde. Nur am Ende des Zweiten Weltkriegs waren in einigen Orten die Schulen länger geschlossen.

Und die Schließung der Grundschulen ab dem 17. März kam ohne Vorbereitung, ohne Konzept.  Mandy Kloss schüttelt den Kopf. „Mit dem Unterricht war es von einem Tag auf den anderen vorbei. Wir konnten nichts machen. Wir haben in der ersten Zeit nicht mal Hausaufgaben bekommen.“ In den letzten Wochen vor den Ferien bekamen ihre Kinder in der Grundschule immerhin an zwei Tagen pro Woche Unterricht, die beiden großen im Gymnasium aber nur einmal alle zwei Wochen. Um den Rest mussten sich die Eltern kümmern. Es war Schule wie vor 200 Jahren mit Privatlehrern.

Also setzte sich Mandy Kloss jeden Tag hin, zeigte den Kindern, wie man schriftlich 523 mal 876 rechnet und wie man 875.104 durch 943 dividiert. Oder sie übte mit der zehnjährigen Shola für die theoretische Fahrradprüfung.

„Trotz der vielen Kinder macht Frau Kloss das wirklich gut. Sie hat eine gute Art, ihre Kinder zu beobachten“, sagt Roswitha Spanknebel-Betz. „Sie sieht die Defizite und die Stärken ihrer Kinder. Und vor allem: Ihre Ansprüche an die Kinder entsprechen ganz gut dem, was die Kinder leisten können.“

Spanknebel-Betz ist eine sogenannte Schülerhelferin, eine von etwa 100 Freiwilligen, die ehrenamtlich für den Verein Morus 14 in dem als „Problem-Kiez“ beschriebenen Rollberg-Viertel unterwegs sind. Die Schülerhelfer gehen in kinderreiche Familien. Oft sind es Familien, bei denen die Eltern oder Großeltern aus dem Ausland kamen und die oft recht schlecht Deutsch können. „Nun, da so lange kein regulärer Unterricht war, zeigt sich, wie wichtig freie Träger wie der Morus-Verein sind“, sagt sie. „Wir Ehrenamtlichen haben versucht, den Kindern eine Verlässlichkeit und Kontinuität zu geben, die die Schule ihnen nicht mehr bieten konnte.“

Roswitha Spanknebel-Betz  kennt sich mit sogenannten Problemfamilien aus. „Die Kinder aus benachteiligten Familien hängen nun noch stärker durch“, sagt sie und zählt einige Beispiele auf. Sie erzählt von Familien, die sich wochenlang nicht in den Schulen gemeldet haben und jede angebotene Hilfe ablehnten.

Sie erzählt von Familien, in denen die Kinder die Corona-Zeit als zusätzliche große Ferien erlebten, mit fast endloser Daddel-Zeit am Computer. Sie erzählt von Familien, in denen der Vater zwar einen Computer besitzt, aber keinen Drucker. Und schon konnten die Übungsaufgaben für die Kinder nicht ausgedruckt werden – und die Copy-Shops hatten auch zu.

Sie erzählt von einer Familie mit drei Kindern in der Grundschule. „Alles lief ganz gut, doch dann kam Corona, und die Frau bekam in dieser Zeit auch noch ihr viertes Kind.“ Eigentlich wollte die Oma helfen, konnte aber wegen der Kontaktverbote nicht. „Die Mutter war dann natürlich vor allem mit dem Neugeborenen beschäftigt. Der Vater, der kaum Deutsch spricht, musste weiter Taxi fahren. Da war keine ideale Betreuung der Kinder möglich.“

Auch Mandy Kloss erzählt, dass sie sich nicht um alle Kinder gleich kümmern konnte. „Der Tag hat nur 24 Stunden“, sagt sie. „Ich habe mich vor allem um die beiden Kinder in der Grundschule gekümmert. Die beiden im Gymnasium sind es zum Glück gewohnt, ihre Aufgaben selbst machen.“

In der Corona-Zeit konnten wohlhabendere Familien ihre finanziellen Möglichkeiten ganz selbstverständlich ausspielen. Sozial schwache Familien gerieten ganz klar ins Hintertreffen. Und so lässt sich das Corona-Dilemma auch an Familie Kloss ganz gut erklären.

Die Wohnung ist schön und groß, und alles Notwendige ist da. Aber die technische Ausstattung zeigt natürlich auch, dass hier eine alleinerziehende Mutter mit vielen Kindern lebt. Als vor ein paar Monaten der fünfjährige Sohn aus Versehen ein Glas umwarf und die Milch in den Laptop lief, stand die Familie ohne Computer da.

„Und dann kam Corona“, sagt die Mutter. „Glücklicherweise hat uns meine große Tochter einen Laptop geborgt.“ Den haben sich dann die beiden Geschwister geteilt, die im Gymnasium sind.

Vero ist 15 und hatte im Gymnasium nur alle zwei Wochen Unterricht. Zwischendurch gab es Aufgaben per E-Mail oder Mathe per Telefon. In ihrem Zimmer zeigt sie auf dem Schreibtisch ihre neuste Errungenschaft: eine elegante weiße Schachtel – das neue Tablet. Den Minicomputer hat die Schule geschickt. Immerhin, könnte man sagen. Oder auch: Reichlich spät, denn er kam zwei Wochen vor der Zeugnisausgabe, also am letzten Schultag mit Unterricht. „Den hätte ich natürlich gern viel früher bekommen“, sagt Vero.

Roswitha Spanknebel-Betz sagt, dass so etwas der Normalfall sei. Sie kennt sich aus. Die promovierte Geisteswissenschaftlerin kümmerte sie sich 30 Jahre lang in verschiedenen Projekten von freien Trägern um Schulabbrecher. Sie erzählt, dass nun in der Corona-Zeit erschwerend hinzukam, dass auch noch die Bibliotheken geschlossen waren. „Dort gibt es Computer-Arbeitsplätze, die gerade Schüler aus kinderreichen Familien gern nutzen, wenn sie zu Hause keine Ruhe haben.“ Sie erzählt auch, dass nicht nur Eltern aus eher bildungsfernen Schichten meist gar nicht die didaktischen Fähigkeiten von Lehrer haben. „Bei vielen türkischstämmigen oder arabischen Familien kommt hinzu, dass sie eher unter sich bleiben. Sie leben oft recht selbstisoliert von der deutschen Gesellschaft und wissen oft gar nichts über die vielen kostenlosen Hilfen oder Bildungsangebote.“ Sie erzählt, dass sie bei einer Familie zwei Jahre lang dafür kämpfen musste, bis alle Kinder einen Bibliotheksausweis hatten.

All diese alltäglichen Probleme haben sich in den vergangenen Monaten verschärft. Und Berliner Eltern trifft es besonders hart. Denn nach dem Lockdown gab es keinen klassischen Unterricht in Schulen. In Sachsen haben die Schulen nun acht Wochen lang bis zu den Ferien weitgehend regulären Unterricht. Dort können alle die altbekannte Schulrealität wieder ein wenig einüben. Auch in Bayern beginnen die Ferien erst Ende Juli.

Doch in Berlin sind jetzt Ferien. Und wenn die Schule am 10. August wieder beginnen sollte, wird es ganze 22 Wochen keinen regulären Unterricht gegeben haben. Das abgelaufene Schuljahr hatte 40 Wochen.

Die zehnjährige Shola springt auf und geht zu ihrer kleinen Schwester, die im Flur quengelt. Als sie zurückkommt, zeigt sie stolz ihr Zeugnis. „Vorher stand ich 2,3, jetzt 2,1. Und die Fahrradprüfung habe ich auch bestanden.“ Sie sagt auch, dass sie weiter fleißig lernen will. „Denn ich will Tierärztin werden oder richtige Ärztin oder Zahnärztin. Aber auch dann will ich noch einen Nebenjob als Getränkelieferantin machen.“

Sie hat große Träume, und noch ist unklar, ob das recht schularme Corona-Halbjahr ihr dabei zum Nachteil geraten wird. Das kann niemand beurteilen, denn die Corona-bedingten Schulschließungen machten die Bildung lange Zeit zu einer Privatsache unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Es war eine komplette Abkehr vom Grundkonzept der modernen Schule: also vom gemeinsamen Unterricht für alle. Einem Unterricht, in dem Fachleute das Wissen einheitlich vermitteln und die Kinder mit anderen Kindern eine soziale Gruppe von Gleichgesinnten bilden.

Stattdessen wurde Wissen monatelang nur hinter verschlossenen Türen weitergegeben. Entweder von engagierten Eltern oder per Video durch Lehrer – oder die Bildung fiel einfach aus. Niemand weiß das. Niemand weiß, ob hinter den verschlossenen Türen der Spaß an diesem Abenteuer überwog oder der Frust. Und niemand weiß, wie brutal in manchen Familien Konflikte ausgetragen wurden.

Roswitha Spanknebel-Betz zieht ein recht klares Fazit für den Bildungsbereich. „Durchschnittsfamilien werden die Defizite mit der Zeit wohl aufholen“, sagt sie, „aber für sozial schwache Familien ist diese Zeit in ganz vielen Fällen wie ein ausgefallenes Schulhalbjahr und damit ein ganz klarer Nachteil.“

Die zehnjährige Shola sagt: „Bei uns in der Familie lief es wirklich ganz gut. Es gab auch Streit und Zank, aber wir haben auch viel gespielt und uns geholfen und sind jetzt eine viel bessere Truppe.“ Mandy, ihre Mutter, nickt. Aber sie sagt auch gleich: „Noch so ein Schulhalbjahr und ich bin am Ende.“ Sie freut sich nun auf den Urlaub: Mit sieben Kindern fliegt sie in die Türkei. Shola sagt ganz begeistert: „Es geht ans Meer, und wir haben auch ein Hotel mit Pool.“

Und Vero, die 15-Jährige, erzählt, dass sie davor, also in den ersten zwei Ferienwochen, zur Sommerschule gehen wird, die nun wegen des massiven Schulausfalls angeboten wird. „Wenn mir jemand vor einem halben Jahr gesagt hätte, dass ich in den Ferien freiwillig zur Schule gehe, dem hätte ich einen Vogel gezeigt“, sagt sie. „Aber nach dem Sommer komme ich in die zehnte Klasse, da brauche ich gute Noten. Es geht ums Abi. Es geht um meine Zukunft.“