Nur ein Drittel der in den vergangenen Jahren in Berlin neu angestellten Lehrkräfte hatte eine abgeschlossene Lehrerausbildung.
Foto: dpa/Marijan Murat

BerlinZum neuen Schuljahr, das am 10. August beginnt, sind noch viele Fragen offen. Eine der wichtigsten: Sind genug Lehrkräfte da? Die Einstellung neuer Lehrerinnen und Lehrer war schon in den vergangenen Jahren jedes Mal ein Wettlauf gegen die Zeit bis zum letzten Ferientag. Doch dieses Mal könnte die Bildungsverwaltung das Rennen verlieren. Wie eine Anfrage der Abgeordneten Regina Kittler (Die Linke) ergab, muss die Senatsschulverwaltung berlinweit 2366 Stellen neu besetzen. Eingegangene Bewerbungen bis 20. Juli: knapp 3000. In der 27. Kalenderwoche, also Anfang Juli, seien circa 1600 Verträge abgeschlossen worden – also war zu dem Zeitpunkt noch ein Drittel der Stellen unbesetzt.

Wie es zwölf Tage vor Schulbeginn aussieht, will Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) nicht öffentlich bekannt geben. Sprecher Martin Klesmann sagte: „Wir wollen keine Unsicherheiten schaffen. Die Einstellungen laufen noch.“ Die Zahlen würden kommenden Mittwoch bei der Schuleingangs-Pressekonferenz mitgeteilt. Als Hauptgrund für die Verzögerung nannte Klesmann die Corona-Pandemie. Durch sie hätten wochenlang keine Einstellungsgespräche stattfinden können.

Der Gesamtpersonalrat geht davon aus, dass noch „mehrere Hundert“ Stellen unbesetzt sind – und dass außerdem etwa 450 Stellen nur deshalb offen seien, weil ausgebildete Lehrkräfte zum neuen Schuljahr in andere Bundesländer gewechselt sind. Das berichtete der Tagesspiegel am Dienstag. Damit flackert ein Dauerbrenner der Berliner Bildungspolitik erneut auf: die Wiedereinführung der 2004 abgeschafften Verbeamtung der Lehrkräfte. Berlin ist inzwischen das einzige deutsche Bundesland, das nicht verbeamtet – „ein massiver Wettbewerbsnachteil“, glaubt nicht nur Hanno Rüther, Berliner Sprecher des Verbands für Bildung und Erziehung (VBE). Der Verband drängt seit Jahren auf die Wiedereinführung des Staatsdienerstatus für Lehrkräfte.

Auch die regierende SPD ist bereits im vergangenen Jahr zu dieser Einsicht gekommen. Bildungssenatorin Scheeres plädiert ausdrücklich für die Verbeamtung. Doch die Koalitionspartner sperren sich, trotz des ständig steigenden Anteils an Quer- und Seiteneinsteigern unter den Neuangestellten – nur ein Drittel der in den vergangenen Jahren neu angestellten Lehrkräfte hatte eine abgeschlossene Lehrerausbildung. Für Grüne und Linke ist das Unterrichten keine „hoheitliche Aufgabe“ – eine Position, von der sie trotz des gravierenden Mangels an qualifizierten Lehrkräften auch aktuell nicht abrücken. „Von unserer Seite gibt es dazu erst mal nichts Neues“, sagte die bildungspolitische Sprecherin der Grünen, Marianne Burkert-Eulitz, der Berliner Zeitung am Mittwoch. Und Ressortkollegin Kittler antwortete auf die Frage, ob die Linke offen wäre, das Gespräch über die Verbeamtung wieder aufzunehmen, mit einem schlichten „Nein“.

Es gebe keinen guten Grund für die Verbeamtung, sagte Kittler – und  verwies auf das mit 5600 Euro brutto hohe Berliner Einstiegsgehalt für angestellte Lehrer. „Und auch die Unkündbarkeit kann ja wohl nicht das Thema sein“, sagte sie der Berliner Zeitung. „Keiner will Lehrkräften kündigen, und das ist in den vergangenen Jahren meines Wissens nach auch fast nie passiert.“ Die Ungleichheit zwischen der Beamtenpension und der Rente sei allerdings ein Problem. Es müsse das Ziel sein, das anzugleichen. Doch für Verbandssprecher Rüther gibt es noch andere Gründe: „Bessere Altersversorgung, bessere Versorgung im Krankheitsfall, wesentlich mehr Netto vom Brutto. Da fällt gerade jungen Leuten, die vielleicht kurz vor der Familiengründung stehen, die Wahl leicht, wohin sie gehen sollen.“

Zum Beispiel nach Brandenburg, das gelobte verbeamtende Land, in das frustrierte Berliner Schulleiter seit Jahren ihre gut ausgebildeten jungen Lehrkräfte verabschieden. Einer, der geht, ist Jan Piekarski: Der 38-jährige Deutsch- und Politiklehrer wechselt zum kommenden Schuljahr ans Luise-Henriette-Gymnasium in Oranienburg. Mit mindestens einem weinenden Auge: Piekarski ist Berliner. Aufgewachsen in Reinickendorf, ausgebildet an der Freien Universität, Traumjob an der Sophie-Scholl-Schule, einer von Berlins Vorzeige-Sekundarschulen. „Ich wollte nicht weg“, sagt er. Doch die Fakten sprachen für ihn eine klare Sprache: eine Stunde weniger pro Woche, Verbeamtung zum August, 400 Euro netto im Monat mehr durch die höhere Kinderzulage. Und so kehrt er Berlin auch aus Überzeugung den Rücken. „Natürlich tut es mir leid um meine Schüler. Aber ich habe so lange gewartet, dass sich in Berlin etwas ändert, für mich ist das jetzt auch Prinzipienfrage.“

In Oranienburg wird er auch gleich jemanden haben, mit dem er sich auf einen Kaffee treffen kann: Eine Kollegin, mit der Piekarski im vergangenen Schuljahr gemeinsam eine Klasse geleitet hat, wechselt im August ebenfalls dorthin.