Nur ein Schnupfen oder doch etwas Schlimmeres? Eltern wissen dieser Tage oft nicht, ab wann der Nachwuchs daheim bleiben sollte.
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BerlinKinder mit Husten und Schnupfen dürfen von ihren Schulen und Kitas nicht einfach nach Hause geschickt werden: Das wird auf einem neuen Schaubild verdeutlicht, das die Senatsschulverwaltung in dieser Woche veröffentlicht hat. Das Flussdiagramm soll Eltern und Schulen bei der Einschätzung helfen, mit welchen Symptomen Kinder und Jugendliche noch in die Schule „dürfen“ – und mit welchen es besser zu Hause bleiben oder sogar zum Arzt gehen sollte, um abzuklären, ob es sich um eine Infektion mit dem Coronavirus handeln könnte.

Die Grafik kommt gut drei Wochen nach Beginn des neuen Schuljahres, nach Angaben der Senatsschulverwaltung, weil es viel Abstimmungsbedarf gegeben habe, unter anderem mit den Amtsärzten und der Gesundheitsverwaltung. Und sie ist überfällig, was Berliner Eltern und auch Kinder- und Jugendärzte betrifft. „Uns haben viele Berichte von Eltern erreicht, dass ihre Kinder nach Hause geschickt wurden, weil sie beispielsweise Schnupfen hatten“, sagte der Landeselternsprecher für die Schulen, Norman Heise, der Berliner Zeitung am Donnerstag.

Die Grafik der Senatsschulverwaltung finden Sie hier. >>>

Er ist froh, dass nun geklärt ist, dass nur die Eltern entscheiden dürfen, ob ihr Kind zum Arzt muss – niemals die Schule oder Kita. Einige haben extrem strenge Regeln erlassen: Heises Kollegin aus dem Kitabereich, Corinna Balkow, wurde von der Schule ihres älteren Kindes sogar mitgeteilt, es dürfe nicht mal in die Schule kommen, wenn sein Geschwisterchen erkältet sei. Mit solchen Versuchen, auf Nummer sicher zu gehen, dürfte nun Schluss sein. Zur Erleichterung vieler Eltern, denn angesichts der Befürchtungen, von denen die Rückkehr in den Vollbetrieb begleitet ist, sind solche Maßnahmen aus Sicht der Schul- und Kitaleitungen zwar verständlich. Doch die gesetzlich vorgesehenen Kinderkrankentage sind bei vielen Angestellten längst aufgebraucht.

Auch die Befürchtungen von Jakob Maske, dem Berliner Sprecher des Verbands der Kinder- und Jugendärzte, hatten sich zunächst bewahrheitet. „Wir haben seit Schulbeginn einen deutlichen Anstieg an Kindern und Jugendlichen, die mit Symptomen wie einem simplen Schnupfen vorstellig werden, weil die Schulen sie zum Arzt geschickt haben. In manchen Fällen wurde sogar gesagt, sie bräuchten ein negatives Testergebnis“, berichtete Maske der Berliner Zeitung. In seiner Charlottenburger Praxis versorgt er zusammen mit zwei Kollegen 150 Kinder und Jugendliche – pro Tag.

Die Grafik, an der sein Verband auch beratend mitgewirkt hat, hätte er sich noch etwas detaillierter gewünscht. „Wir hätten gerne noch expressis verbis drinstehen gehabt, dass es keine Atteste braucht“, sagte Maske, der sich wie alle Berliner Kinderärzte gerade täglich mit dem dringenden Wunsch vieler Eltern herumärgern muss, er möge ihr Kind für Schule oder Kita „gesundschreiben“. „Das machen wir einfach nicht“, sagt Maske schlicht. Gesundschreibungen sind nämlich nur nach der Genesung von bestimmten ansteckenden Krankheiten wie Keuchhusten, Masern und natürlich auch Covid-19 vorgesehen – nicht als „Bestätigung“, dass die Rotznase harmlos ist.

Warum der Kinderarzt den Vollbetrieb von Schulen und Kitas verteidigt

Vom Schaubild der Senatsschulverwaltung erhofft sich Maske deshalb trotz kleiner Kritikpunkte eine Entlastung für die Kinderarztpraxen – und ist voll des Lobes für die oft geschundene Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD): „Ich muss wirklich sagen, da hat sie ganze Arbeit geleistet. Sie hat sich fachkompetent beraten lassen und aus meiner Sicht einen guten Kompromiss gefunden.“

Ein Kompromiss sind die Anweisungen deshalb, weil auch ein Schnupfen ohne Fieber, der laut der Grafik noch „schulfähig“ ist, ein Symptom einer Corona-Infektion sein kann – aber nicht muss. Maske ist aber Verfechter des Vollbetriebs und sagt: „Wenn wir jegliches Infektionsrisiko ausschließen wollten, müsste sich jeder einzelne von uns alle paar Wochen in eine isolierte Zelle begeben. Das geht einfach nicht.“ Er hat das Gesamtwohl seiner jungen Patientinnen und Patienten im Blick, und behandelt in seiner Praxis auch die Folgen der Schul- und Kitaschließungen vor den Sommerferien. „Wir führen zwar keine Statistik, aber für unser Gefühl werden deutlich mehr Kinder mit Ängsten vorstellig als früher“, sagte Maske.

Auch viel zu viel Zeit vor dem Bildschirm und Adipositas seien zu größeren Problemen geworden, sagte Maske. Er habe Kinder behandelt, die während des Lockdowns zehn Kilo zugenommen hatten. Und die Langzeitfolgen sind für ihn noch gar nicht absehbar: „Die Kinder, die vorher schon abgehängt waren, sind jetzt noch stärker benachteiligt, weil sie es schwerer haben, die verpassten drei Monate aufzuholen.“ Für Maske ist klar: „Viele werden das nicht packen. Und wir müssen uns als Gesellschaft jetzt schon darum kümmern, das aufzufangen.“