Wanderer zwischen den Welten der Bildungsfernen und Bildungsnahen: der 19-jährige Jeremias Thiel.
Foto: Andreas Hornoff

Jeremias Thiel war elf Jahre alt, als er zum Jugendamt ging und sagte: „Ich will weg von zu Hause, weg von meinen Eltern!“ Ein kleiner, schmächtiger Elfjähriger, der mit zitternden Knien dastand und kaum noch wahrnahm, was um ihn herum geschah. Zum Glück verstand der Mitarbeiter des Jugendamtes sofort, dass es ernst wahr – so zerzaust und übernächtigt, wie der Junge aussah. Er sorgte dafür, dass Jeremias die nächsten fünf Jahre in einem SOS-Kinderdorf verbringen konnte, wo er zur Ruhe kam und zum ersten Mal so etwas wie verlässliche Fürsorge durch Erwachsene erfuhr.

Schon früh fing Jeremias Thiel an, sich politisch zu engagieren. Mit 14 Jahren trat er in die SPD ein, als Junior-Botschafter der UNICEF kämpfte er für Kinderrechte. 2018 wurde er einer breiteren Öffentlichkeit bekannt: Als er bei Sandra Maischberger als „Betroffener“ über neue Armut diskutierte. Damals war er schon Stipendiat eines United-World-College in Freiburg, wo er im vergangenen Jahr sein internationales Abitur ablegte. Heute studiert er an einer amerikanischen Eliteuniversität.

Der Weg dahin war lang und voller Widerstände. Als ich Jeremias Thiel auf Skype erreiche, sitzt er gerade in einem schmucklosen Hotelzimmer in Istanbul. Nach 14 Tagen Quarantäne darf er morgen zurückkehren in die USA. Aber vorher will ich noch mit ihm über sein Buch sprechen: „Kein Pausenbrot, keine Kindheit, keine Chance. Wie sich Armut in Deutschland anfühlt und was sich ändern muss“.

Dass sein Schicksal so außergewöhnlich ist – ein „Armutszeugnis“ für die deutsche Gesellschaft, findet Jeremias Thiel. Zu selten gelingt es, dass arme Kinder den Aufstieg durch Bildung schaffen. Der Medienrummel um seine Person ist ihm ein wenig unangenehm. Er will keine „One-man-Show, sondern sprechen für die, die sonst keine Stimme haben.“

Aufgewachsen ist er in Kaiserslautern, auf dem Kotten, einem Arbeiterviertel, wo heute viele Arbeitslose leben. Die Eltern von Jeremias beziehen Hartz IV, haben nie richtig gearbeitet. Zu sehr kämpfen sie mit ihrem chaotischen Alltag und den Geistern der Vergangenheit. Der Vater ist manisch-depressiv, liegt oft tagelang im abgedunkelten Zimmer und kann nicht aufstehen. Die Mutter ist spielsüchtig und reagiert oft impulsiv. Beim Zwillingsbruder wird kurz nach der Einschulung ADHS diagnostiziert.

Die Mutter wird gesteuert von der Fantasie, dass ein Sechser im Lotto sie von allen ihren Problemen erlösen könnte. Manchmal schließt sie ihre Kinder in der Wohnung ein und fährt zu einer Lotto-Annahmestelle ans andere Ende der Stadt. Einmal steckt Jeremias seiner Mutter 50 Euro zu, Geld, das er von seiner Patentante bekommen und gespart hatte, in seinen Augen ein unermesslicher Schatz. Seine Mutter sollte Lebensmittel kaufen, der Kühlschrank war mal wieder leer, die Mägen der Kinder knurrten – doch als die Mutter spätabends zurückkommt, hat sie die 50 Euro und den Rest des Haushaltsgeldes verspielt.

Es sind Momente wie dieser, in denen der Plan in dem Jungen heranreift, von zu Hause wegzugehen.  Jahrelang hat er versucht, so etwas wie ein Familienleben aufrechtzuerhalten. Morgens hat er alle geweckt, seinen Bruder für die Schule fertig gemacht, den Frühstückstisch gedeckt. Nachmittags hat er dann eingekauft, Geld vom Automaten geholt und Anträge ausgefüllt für das Amt – kaum, dass er selbst lesen und schreiben konnte.

„Parentifizierung“ nennen die Fachleute das, wenn Kinder in die Rolle der Erwachsenen schlüpfen und viel zu früh Verantwortung übernehmen müssen – und so ihrer Kindheit beraubt werden. Jeremias war überfordert und hatte panische Angst, in diesem irrsinnigen Leben stecken zu bleiben.

Zur Person

2001 in Kaiserslautern geboren, auf dem Kotten aufgewachsen, als Kind von Langzeitarbeitslosen. Der letzte Abend, den er in seiner Familie verbrachte, war der 10. September 2012. Danach lebte er fünf Jahre in einem SOS-Kinderdorf. Er bekam ein Stipendium für das angesehene Robert Bosch College in Freiburg, wo er 2019 sein internationales Abitur ablegte. Inzwischen studiert er Politikwissenschaften an einer amerikanischen Eliteuniversität. Er ist Mitglied der SPD und engagiert sich für Kinderrechte im Grundgesetz und für soziale Gerechtigkeit. Vor kurzem ist sein erstes Buch im Piper-Verlag erschienen: „Kein Pausenbrot, keine Kindheit, keine Chance“. 

Er war ein neugieriges Kind und blühte auf, als er endlich in die Schule gehen durfte. Trotz seiner guten Noten bekam er am Ende der vierten Klasse keine Gymnasialempfehlung. Das Urteil der Lehrer: schlaues Bürschchen, aber keine Unterstützung von zu Hause! Oft hatte Jeremias das Gefühl, nach Armut zu riechen – und zwar nicht nur im übertragenen Sinne. Er besaß nämlich nur ein einziges Paar billiger Turnschuhe. Und wenn er sich seinen Klassenkameraden näherte, schämte er sich, weil sie gleich merken würden, wie seine Füße müffelten.

Außerdem schämte er sich für sein Pausenbrot. Eine Scheibe Fleischwurst vom Discounter lieblos zwischen zwei Toastscheiben geknallt. Dieses Ekelpaket schmiss Jeremias in der großen Pause sofort in den Mülleimer und schaute dann sehnsüchtig in die Brotdosen der anderen: Auf die Vollkornbrote, die Nüsse, das geschnittene Obst. Solche Brotdosen waren für ihn ein Sinnbild für das Glück einer normalen Kindheit, für das, was für die meisten anderen Kinder selbstverständlich war: Eltern, die sich kümmerten, Ferienreisen, Sportkurse, hin und wieder mal ein Schwimmbadbesuch oder eine Geburtstagsfeier.

Die Zeit nach der Schule verbrachten Jeremias und sein Bruder im Wesentlichen allein in ihrem Kinderzimmer. Sie wurden nicht eingeladen von Klassenkameraden und durften selbst auch keine Klassenkameraden einladen, weil die Mutter nicht wollte, dass andere zu Gesicht bekommen, wie sie lebten.

Der erste große Auftritt von Jeremias Thiel, die Prominenten hören staunend zu. Diskussion bei Sandra Maischberger über die „Neue Armut“ im Jahr 2018.

Vidoe: Youtube

Keine Chance zu haben auf „gesellschaftliche Teilhabe“ – dieser Ausdruck ist für Jeremias Thiel der Schlüssel zu dem, was Kinderarmut in Deutschland heute bedeutet. Es ist weniger der materielle Mangel, unter dem sie leiden, als die fehlende Elternkompetenz oder das Know-how, wie man gut und günstig kocht, den Tag sinnvoll strukturiert und die Kinder freihält von den eigenen Launen. Arme Mütter und Väter haben oft ein Gefühl von Isolation und Perspektivlosigkeit, das abfärbt auf die nachwachsende Generation.

Nach seriösen Schätzungen des Deutschen Kinderhilfswerkes leben 14 Prozent der Kinder in Armut. Ein Drittel aller Eltern, die Kindergeld beziehen, haben kein existenzsicherndes Jahreseinkommen. Unter ihnen viele Alleinerziehende und Personen, die keinen Schul- und Berufsabschluss haben – und Familien, wo die Armut sozusagen von einer Familie zur nächsten weitergereicht wird.

Jeremias wirkt bedrückt, wenn man ihn auf seinen Zwillingsbruder anspricht: Nach einer abgebrochenen Ausbildung lebt er wieder bei den Eltern auf dem Kotten und hat gerade einen Antrag auf Hartz IV gestellt. „Die Situation begünstigt es einfach nicht, dass er in einer halbwegs guten Struktur funktioniert. Und meine Mutter ist ihm leider überhaupt keine Hilfe. Mein Zwillingsbruder, am gleichen Tag geboren, aus der gleichen Familie entsprungen, in zwei verschiedenen Einrichtungen gelebt, er mit 16 zurück zur Familie, weil er einfach nicht dieselben Perspektiven hat wie ich … Und die Frage, wie wir so einen Menschen einfach verlieren können, spornt mich an, meine Arbeit zu machen.“

Und was begreift er als seine Arbeit?  Er ist ein Wanderer zwischen den Welten der Bildungsfernen und der Bildungsnahen. Und er sieht es als seine Aufgabe, eine Brücke zu schlagen.

Ich stehe für viele, viele Kinder und Jugendliche in Deutschland. 

Jeremias Thiel

In seinem Buch schreibt er, was sich in Deutschland ändern muss: Er fordert, dass die Kinderrechte endlich im Grundgesetz verankert werden. Und er macht sich stark für den Ausbau der Ganztagsangebote in Kindergärten und Schulen. Wichtig ist ihm dabei, dass die Kinder dort auch an sportlichen und kreativen Aktivitäten teilnehmen können – und dass sie eine soziale Durchmischung erleben, die er als Kind so nicht erlebt hat. Zwar war er auch in einer Tagesgruppe am Nachmittag, wo er seine Hausaufgaben machen konnte und Zuspruch erfuhr. Aber dort kam er nur mit „seinesgleichen“ zusammen, mit den anderen armen und vernachlässigten Kindern aus seinem Viertel.

Jeremias Thiel plädiert für eine Art Länderfinanzausgleich für die Sozialausgaben der Kommunen. Denn die einkommensschwachen Kommunen brauchen im Verhältnis natürlich mehr Geld, um Frühförderung und Familienhelfer bezahlen zu können. Auch möchte er Talentfonds einrichten und Mentoren ausbilden lassen, die Kinder aus armen Familien beim Übergang zwischen verschiedenen Schul- und Ausbildungsformen begleiten.

Nachdem er seine Familie verlassen hatte, gab es noch einmal zwei sehr schwierige Situationen für ihn: In der Jugendhilfe wollte man eigentlich nicht, dass er nach dem Abitur ein Studium aufnimmt. Nach einer Ausbildung sollte er schnell auf eigenen Beinen stehen.

Auch haben seine Eltern immer wieder darum gekämpft, dass er in den Schoß der Familie zurückkehrt. Aus materiellen Gründen und weil er derjenige war, der den Laden halbwegs zusammenhielt. Aber Jeremias stemmte sich gegen den Sog des schlechten Gewissens und blieb im Kinderdorf. Hielt aus, dass seine Eltern ihn für einen „Verräter“ hielten und seine Mutter ihn fast wie einen Fremden behandelte, immer wenn er sie besuchte. Schweigend saßen sie vor dem Fernseher und rauchten.

Immerhin: Sein Vater hat sich im letzten Jahr auf den Weg gemacht, um an den Abiturfeierlichkeiten in Freiburg teilzunehmen. Und beim Abschied entdeckte der Sohn einen Funken Stolz in seinen Augen.

Jeremias Thiel hat auf seinem Weg schon viele Menschen getroffen, die ihn unterstützt haben. Und doch: Durch Corona spürt er überdeutlich, was es bedeutet, keine engen familiären Bande zu haben. Seine Kommilitonen sind im Lockdown sämtlich und ganz selbstverständlich in ihre Elternhäuser zurückgekehrt.  Jeremias hatte diese Möglichkeit nicht, sondern praktizierte Coachsurfing bei Freunden und ehemaligen Lehrern. Es klingt tapfer und ein wenig traurig, wenn er sagt: „Familie ist dort, wo sie einen reinlassen müssen.“

Was wünscht er sich für seine Zukunft? Diese schöne Frage habe ich mir bis zum Schluss unseres Gesprächs aufgehoben. Ich sehe die Andeutung eines Lächelns auf dem Bildschirm mit dem Hintergrund eines schmucklosen Hotelzimmers in Istanbul. Jeremias Thiel antwortet, er habe politische Ambitionen und könnte sich vorstellen, ein Mandat zu tragen oder als Fachreferent für die SPD im Bundestag zu arbeiten. Außerdem wünscht er sich Kinder. „Ich hoffe, die Richtung meiner Familie ändern zu können. Ich möchte kulturelles Kapital weitergeben, ein liebevoller Vater sein. Mal sehen, ob mir das gelingt.“