Viele Eltern müssen in der Corona-Krise zwei Jobs gleichzeitig erledigen.
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BerlinDie Berliner Schulen und Kitas sind geschlossen, und seit Freitag ist das Gefühl bei allen Eltern und Kindern angekommen: Berlin befindet sich im Ausnahmezustand. Auf unserem vorerst letzten Weg von der Grundschule nach Hause fragte mich unsere Tochter: Ob ich so eine Situation in meinem Leben schon einmal erlebt hätte? Ich musste sagen: Nein, noch nie. Diese Situation ist vollkommen neu.

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Doch nur Mut! Schon in anderen historischen Ausnahmezuständen ist diese Stadt über sich hinausgewachsen. In den Trümmerhaufen der Nachkriegszeit, im Jahr des Mauerfalls, in der Flüchtlingskrise. Auch diesmal besteht Hoffnung, dass die Berliner ihr kreatives Potenzial nutzen, um die Krise zu bewältigen. Viele Familien müssen sich gerade neu erfinden, wir sollten ihre einfallsreichen Lösungen sichtbar machen und uns trösten bei dem Gedanken, dass Corona eine Reihe von sozialen und technischen Innovationen bewirken kann. Den Abschied von der herrschenden Präsenzkultur in den Büros zum Beispiel, der ein Segen wäre für junge Eltern.

Homeoffice und Kinderbetreuung

Noch fühlt sich alles so unwirklich an. Draußen zwitschern die Vögel und die frühlingshafte Stimmung in den öffentlichen Gärten will so gar nicht passen zu dem inneren Alarmzustand, in dem wir uns befinden. Menschen werden sterben, andere trauern, vielleicht bricht unser Gesundheitssystem zusammen, es gibt wirtschaftliche Schäden in Milliardenhöhe.

Und viele Familien fragen sich pausenlos, wie sie es bloß schaffen sollen, gleichzeitig im Homeoffice produktiv zu arbeiten und „in Vollzeit“ ihre Kinder zu versorgen? Ohne die tätige Mithilfe der Lehrkräfte, der Erzieherinnen und der wackeren Großeltern, die sonst immer eingesprungen sind, stehen die modernen Vereinbarkeitskonzepte vor dem Aus.

Eine Art Corona-Knast

Noch weiß niemand, wie lange das dauert, ob wirklich nur bis zum Ende der Osterferien oder bis zum Sommer? Das heißt, Familien werden Wochen und Monate in ihren Wohnungen eingesperrt sein – in einer Art Corona-Knast. Weil alle anderen Kontakte inzwischen verdächtig scheinen, sind sie bald auf sich selbst zurückgeworfen.

Zwar sagt der Virologe Christian Drosten von der Charité, es sei noch unbedenklich, sich in kleinen Gruppen von Freunden und Nachbarn zusammenzutun. Aber wie lange gilt das noch? Wenn Freunde und Nachbarn auch noch wegbrechen, stehen viele Eltern erst recht vor der Wahl, ob sie ihre Kinder vernachlässigen oder ihre Arbeit. Wie glimpflich die Sache ausgeht, hängt vom Alter der Kinder ab, den Berufen, der Wohnsituation.

Hat man Gartenzugang oder ist man in einer winzigen Etagenwohnung gefangen, wo der kindliche Bewegungsdrang permanent frustriert wird? Können die Eltern es sich leisten, am Küchentisch den Laptop aufzuklappen? Oder gehen sie nur Zigaretten kaufen, während zu Hause ganztags der Fernseher läuft?

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Arbeitgeber müssen mit Produktivitätseinbußen rechnen

Wer kleine Kinder zu Hause hat, kann leider nicht damit rechnen, im Homeoffice Heldentaten zu vollbringen. Da müssen die Arbeitgeber einfach mit Produktivitätseinbußen rechnen. Punkt.

Grundschulkinder sind eher in der Lage, sich ein Weilchen selbst zu beschäftigen. Ob die Verordnung des Senats allerdings realistisch ist, dass sie drei Stunden pro Tag allein ihre Wochenpläne bearbeiten? Inzwischen haben sich die Lehrer in Stellung gebracht und konfrontieren Eltern mit einem ambitionierten Homeschooling-Programm, das nur wenige werden erfüllen können.

Jugendliche können Verantwortung übernehmen

Deshalb Punkt eins im Corona-Survival-Kurs: Wir sollten gelassen mit diesen überzogenen Erwartungen umgehen! Unsere Kinder werden durch Corona wichtigere Dinge lernen als die Groß- und Kleinschreibung. Wenn wir Glück haben, trainieren sie, sich solidarisch zu verhalten.

Die Jugendlichen haben jetzt die einmalige Chance, Verantwortung zu übernehmen und schneller erwachsen zu werden. Auch wir haben unseren fünfzehnjährigen Sohn gebeten, heute auf seine jüngeren Geschwister aufzupassen und das Einkaufen und Kochen zu übernehmen. Ihm diesen Auftrag zu erteilen, hätten wir uns letzte Woche sicherlich noch nicht getraut.