In der modernen Arbeitswelt können Arbeitnehmer immer öfter selbst entscheiden, wann oder wo sie arbeiten. 
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WienDer Ausdruck „flexible Arbeitszeiten“ ist in aller Munde, wird aber trotzdem sehr oft missverstanden. Denn wer glaubt, in einem Job mit flexiblem Arbeitszeitmodell sein Glück zu finden, kann unter Umständen weit fehlen. Während einige den Wandel der Arbeitswelt als Chance begreifen, warnen andere vor den Gefahren der Überlastung. Ein Mittelweg muss her. Dr. Cornelia Gerdenitsch ist Psychologin und Rednerin zu diesem Thema. In ihrem Buch „Digitale Transformation der Arbeitswelt“ beschreibt sie Chancen und Gefahren der modernen Arbeitswelt. In einem Interview beantwortete sie uns die wichtigsten Fragen.

Die Arbeitswelt befindet sich im Wandel – woran spüren wir das am deutlichsten?

Der zentralste Wandel, den wir derzeit in der Arbeitswelt erleben, ist die Einkehr von digitalen Technologien in unseren Arbeitsalltag. Je nachdem, wie lange man bereits berufstätig ist, nimmt man dies als normalen Zustand oder als gravierende Veränderung wahr. Wenn man aber über Generationen hinweg – zum Beispiel mit seinen Großeltern oder Enkelkindern – über die verschiedenen Formen von Arbeit spricht, werden einem diese Unterschiede bewusst. Was aber klar sein muss: Die Konsequenzen, die durch die Nutzung digitaler Technologien in der Arbeitswelt entstehen, sind für die meisten direkt zu spüren: permanente Erreichbarkeit, digitale Unterbrechungen, die Möglichkeiten der virtuellen Kommunikation und Zusammenarbeit.

In der modernen Arbeitswelt ist Flexibilität zunehmend ein Thema. Bedeutet das für Arbeitnehmer Fluch oder Segen?

Das kommt ganz darauf an, was damit gemeint ist. Flexibilität kann einerseits mehr Freiheit für den Arbeitnehmer bedeuten. Oder sie meint mehr Freiheit für den Arbeitgeber. Meist ist aber in der Tat gemeint, dass Arbeitnehmer die Arbeitszeit oder den Arbeitsort mehr oder weniger frei wählen können. Das stärkt das Gefühl von Autonomie und Effizienz und damit auch das Kompetenzempfinden. Auch bei der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben spielt Flexibilität eine entscheidende Rolle. Aber wie immer im Leben ist auch hier nicht alles Gold was glänzt. Denn wer flexibel arbeitet, ist zwangsläufig permanent erreichbar. Das schürt auch Konflikte zwischen Beruf und Privatleben. Außerdem wird mit zunehmender Flexibilität auch die Arbeitsintensität größer.

Bedeuten flexiblere Arbeitszeitmodelle für Arbeitgeber auch, dass sie ihre Mitarbeiter verstärkt kontrollieren müssen?

Führungskräfte müssen ihre Kontrollmechanismen anpassen. Denn eine Kontrolle von Leistungen aufgrund von Anwesenheit ist bei einem flexiblen Arbeitsmodell kaum möglich. Das bedeutet eben auch, alte Vorstellungen über den Haufen zu werfen. Anwesenheit ist nicht mehr gleichzusetzen mit Arbeitsleistung und Arbeitgeber müssen überlegen, wie eine passende Leistungskontrolle der Mitarbeiter aussehen kann. Statt Anwesenheit kann das Arbeitsergebnis zum Kriterium werden. Die Herausforderung dabei ist es, diese Aufgaben zu definieren und fair zwischen den Mitarbeitern zu verteilen. Eine weitere Möglichkeit ist eine Führung nach Arbeitsnormen. Führungskräfte investieren dabei in die Vermittlung von Vorstellungen über die Arbeitsweise im Team. Dabei geht es zum Beispiel um Anwesenheit, Erreichbarkeit oder Erwartungen an Proaktivität bei der Projektarbeit.

Neigen Arbeitnehmer dazu, flexible Arbeitszeiten im eigenen Interesse auszunutzen?

Es gibt immer wieder Bedenken der Führungskräfte, dass Mitarbeiter weniger arbeiten, wenn die Arbeitszeiten flexibel sind. In einer Studie von Kelliher & Anderson konnte 2010 jedoch das Gegenteil gezeigt werden: Bei Telearbeit arbeiten Mitarbeiter sogar mehr.

Welche neuen Möglichkeiten ergeben sich aus den flexiblen Arbeitszeiten?

Auf der Arbeitgeberseite ermöglichen die neuen Arbeitszeitmodelle eine Anstellung von Mitarbeitern an verteilten Standorten. Allerdings müssen Führungskräfte entsprechend vorbereitet und geschult sein, um diese Herausforderung zu stemmen. Diese sind gefordert, neue Führungskompetenzen anzuwenden. Sie müssen besonders belastbar sein bei Themen wie Arbeitsplatzwechsel, Kommunikation bei Veränderungsprozessen oder Erreichbarkeit.

Wie gestalten sich die zukünftigen Arbeitsumgebungen und was bedeutet es für Menschen, die sich schwer mit Veränderungen tun?

Durch die Veränderungen in der Arbeitswelt gibt es viele Überlegungen dazu, wie man Arbeitsplätze passend gestalten kann. Trends wie flexible Arbeitsumgebungen oder neue Formen der Arbeitsorganisation werden erprobt. Arbeitnehmer sind gefordert, sich auf diese Ideen einzulassen. Natürlich ist es für Personen mit einem ausgeprägten Bedürfnis nach Stabilität schwieriger, wenn sie auf einmal keinen fixen Schreibtisch mehr haben. Arbeitgeber sind daher gut beraten, innerhalb eines Veränderungsprozesses das Bedürfnis nach Stabilität ernst zu nehmen und mit Maßnahmen gezielt zu unterstützen. Gerade in der digitalen, sich ständig verändernden Arbeitswelt ist das für das Wohlbefinden am Arbeitsplatz wesentlich. Dadurch kann man auch Personen mit ins Boot holen, die sich normalerweise mit Veränderungen etwas schwerer tun.