BerlinEs gibt da nichts schönzureden: Ich neige zur Unordnung. Sie schleicht sich mit den kleinen, schlechten Gewohnheiten ein. Briefe erst einmal ungeöffnet in der Ablage auf dem Schreibtisch stapeln, Bücher angelesen zwischen Couch und Nachtbett liegenlassen. Eltern kleiner Kinder würden über solche Petitessen nur müde lächeln: Legosteine, Miniatur-Dinos oder Prinzessinnen und Plastiksteinchen aus unbrauchbar werdenden Brettspielen liegen in Millionen Haushalten verstreut auf dem Boden, versinken in Sofaritzen und tauchen irgendwann unverhofft wieder auf. Chaos frisst sich in unser Leben hinein.

Solange ich frühmorgens zur Arbeit gehe, schert mich das bisschen Unordnung nicht. Findet sich Zeit, wird aufgeräumt. Doch nun sitzen wir wieder im Lockdown. Vor mir drängt die nächste Teamsitzung im Homeoffice, hinter mir wartet die trocknende Wäsche, an die ich im Büro keinen Gedanken verschwendet hätte. Im ersten Lockdown haben wir irgendeine prekäre Balance gefunden zwischen unaufschiebbaren und weniger drängenden Dingen: Bei der Arbeit präsent sein, die Kinder bespaßen und den Abwasch irgendwann zwischendurch erledigen.

Wenn man Probleme nicht eigenhändig lösen kann

Doch plötzlich gerät meine Situation in Schieflage: Erst versagt das Deckenlicht im Wohnzimmer. Die Ersatz-Glühbirne bringt keine Abhilfe. Und dann leuchten zwei Warnlampen an der Spülmaschine rot auf, irgendein Problem mit Zufluss oder Abfluss. Der Hauswart fühlt sich nicht zuständig, mein handwerklich geschickter Freund Micha vertröstet mich auf - vielleicht - kommende Woche. Ein Klempner oder Elektriker, der früher vorbeischauen könnte, Fehlanzeige. Da meldet sich dieses Gefühl, dass mir die Situation entgleitet, genährt von der Ohnmacht, Probleme nicht eigenhändig lösen zu können und von anderen abhängig zu sein.

Zufällig bin ich heute mit dem Psychotherapeuten verabredet, der meine Transition zur Frau begleitet. Er strahlt vor Freude. Sonst habe ich ihm nicht viel zu bieten, weder abgrundtiefe Depressionen noch Borderline, auch keine Psychose. Endlich komme ich mal mit einem ergiebigen Gesprächsthema. Mit seiner beruhigenden Bass-Stimme erzählt er von seinem Bekannten, der nach einem Wasserrohrbruch durch seine überflutete Wohnung watete – und sich glücklich fühlte. Endlich spiegelte die unmittelbare Umgebung sein inneres Chaos. Aus dessen Sicht die perfekte Harmonie.

Bei der Vorstellung zucke ich innerlich zusammen. Chaos, das mich überwältigt, macht mir Angst. Mein Psychotherapeut schreibt mir die Fertigkeit zu, selbst mit mir ins Reine zu kommen - Self Management nennt er dies. Den Alltag bewältigen zu können, reicht aber nicht in Corona-Krisenzeiten, die wir weitgehend ohnmächtig durchstehen müssen. 

Ausgerechnet die Aufräum-Ikone Marie Kondo, über deren Hype ich früher die Nase gerümpft habe, hilft mir mit dem Gedanken, der ihren Ordnungs-Anleitungen zugrunde liegt. Denn eines habe ich in der Hand: mich ausschließlich mit Dingen zu umgeben, die mir Freude bereiten; auf alles zu verzichten, was mich nicht positiv stimmt. Wichtiger noch als wohlige Dinge ist im kontaktarmen Lockdown wohl, die Zeit nicht mit Menschen zu vergeuden, die uns ein schlechtes Gefühl geben. Stattdessen auch in Corona-Zeiten für die da zu sein, die uns Freude bereiten, und die uns dies zurückspiegeln.