BerlinNach Ansicht der meisten Experten wird es noch mindestens ein halbes Jahr dauern, ehe ein effektiver Impfschutz gegen Covid-19 verfügbar ist. Derzeit arbeiten knapp 200 For­schungsprojekte weltweit an der Entwicklung zuverlässiger Verfahren. Darunter sind drei deutsche Vorhaben, die als besonders vielversprechend gelten und daher vom Bund mit 741 Millionen Euro unterstützt werden. Selbst wenn der Einsatz eines ge­eigneten Stoffs früher möglich wäre, erfordert die Organisation der nötigen Massen­im­pfun­gen einige Zeit. Wir müssen also den kommenden Win­ter gut überstehen, ehe sich das Leben wieder normalisieren kann.

Angesichts dieser Prognose war es richtig, dass die Nationale Akademie der Wissen­schaften - die Leo­pol­dina in Halle - in der letzten Woche klare Worte zur halbherzigen Corona-Strategie der 16 Bundesländer fand. Kritisch merkte Leo­pol­dina-Präsident Gerald Haug an, dass die Empfehlungen der Bund-Länder-Runde zu schwach formuliert und die Obergrenzen nicht strikt genug de­finiert seien. Bereits ab 35 und nicht erst ab 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner müssten strengere Maßnahmen ergriffen werden. Dazu gehört die Verpflichtung zum Mund­-Nasen-Schutz auch im Freien und die deutliche Beschränkung der Teilnehmer­zahlen bei Treffen in ge­schlos­senen Räumen.

Darf sich die Wissenschaft bei Fragen der Corona-Strategie überhaupt so pointiert zu Wort melden? In den letzten Monaten hat sie ihre Rolle beratend, informierend und bewusst abwägend wahrgenommen. Das gilt für die großen Forschungseinrichtungen des Landes - Hochschulen und außeruniversitäre Institutionen -, aber auch für die indi­viduellen Stellungnahmen der mei­sten Expertinnen und Experten. Inzwischen ist die Lage allerdings so ernst, dass bloße Empfehlungen wenig helfen. Was exponentielles Wachstum bedeutet, kann jeder er­ken­nen, der die Zahlen der Covid-Neuinfektionen in den letzten Tagen verfolgt. Deutschland, das im Sommer noch so gut dastand, ist auf dem Weg in einen Krisenzustand, wie er die meisten europäischen Nach­barländer schon seit September beherrscht. In diesem Moment muss die Wis­senschaft klare Worte fin­den.

Die Bundesländer haben in der letzten Woche mit Beschlüssen, die insgesamt zu schwach und inkonsequent sind, auf die krisenhafte Lage reagiert. Nötig wäre jedoch eine Kette von Maßnahmen, die mehr Prävention und nicht nur Reaktion ermöglichen. Auch deshalb übrigens, weil es uns als Gesellschaft insgesamt gelingen muss, die in­di­vi­duelle Verantwortung für den Gesundheitsschutz fest im Bewusstsein zu verankern.

Das bleibt gerade im Blick nach vorn ein wichtiges Ziel. Denn eine permanente Viren-Immunität wird es angesichts der Veränderlichkeit der Erreger auch mit einer Impfung nicht geben. Wir müssen uns darauf einstellen, dass die Gesundheitslage trotz Impfschutz schnell wieder unsicher werden kann. Die Maskenpflicht dürfte zu einem dauerhaften Element des öffentlichen Lebens werden. Wir sollten selbst dann, wenn die akute Ge­fahr abgewendet und die Impfung regelhaft eingesetzt wird, unser Gespür für indi­vi­du­elle Risiken nicht verlieren. Darauf sich frühzeitig vorzubereiten, ist ein Gebot des Realismus. Auch das gehört zu jener präventiven Strategie, auf deren Not­wen­dig­keit die Wissenschaft in schwierigen Zeiten hinzuweisen hat.

Der Autor ist Präsident der Hochschulrektorenkonferenz.