Der Rasen im Vorgarten wird auf genau fünf Zentimeter gestutzt. Die Bleistifte auf dem Bürotisch sind nach Farben sortiert. Ohne sorgfältiges Makeup und haargenau gestylte Frisur wird das Haus nicht verlassen. Und wenn der Chef nicht lobt, was man abgeliefert hat - dann ist der ganze Tag im Eimer (mindestens!). Kommt Ihnen das zum Teil bekannt vor? Dann sind Sie vielleicht auch Perfektionist.

„Perfektionismus ist modern. Er prägt den Zeitgeist, liegt unseren Wertvorstellungen zugrunde, dominiert unsere Köpfe. Fast niemand kann sich ihm entziehen“, sagt der Wiener Psychiater und systemische Psychotherapeut Raphael M. Bonelli. Auch wenn die Menschen unter dem Zwang leiden, alles richtig machen zu müssen, gilt Perfektionismus als ein „attraktives Laster“, vor allem im Berufsleben: „Diese Schwäche finden wir verzeihlich, wenn nicht sogar ehrenhaft.“

In seinem neuen Buch „Perfektionismus: Wenn das Soll zum Muss wird“ (Pattloch) macht Bonelli deutlich, woran man Perfektionismus erkennen und von gesundem Ehrgeiz unterscheiden kann. Anhand von 77 Fallbeispielen aus seiner Praxis analysiert Bonelli die Symptome zwanghaft perfektionistischer Charaktere. Er nimmt dabei auch unsere Leistungsgesellschaft unter die Lupe, die ohne den Drang zur Vollkommenheit gar nicht existieren könnte - und zeigt (therapeutische) Wege aus der Leistungsfalle auf.

Was ist Perfektionismus eigentlich?

Perfektionismus ist Bonelli zufolge ein Vermeidungsverhalten. Ein Perfektionist fordert von sich, dass er keine Fehler machen und sich keine Blöße geben darf. Der Perfektionist vergleicht sich gerne mit anderen, zerfleischt sich selbst dabei und möchte eigentlich unangreifbar sein: „Wer perfekt arbeitet, kann weder getadelt noch kann ihm gekündigt werden.“ Tatsächlich seien Betroffene unsichere und zutiefst ängstliche Menschen, und die Perfektion sei eine Maske, hinter der sie sich verstecken könnten.

Perfektionisten sind selbst ihre ärgsten Kritiker - die Frage: „Wie komme ich bei anderen an?“ lässt sie nie ganz los. Sie zeichnen sich durch Pflichtbewusstsein, Pedanterie und Strenge aus – und können sehr ungemütlich werden, wenn ihre Fehlerlosigkeit andeutungsweise in Frage gestellt wird, ob von Kollegen, Lebenspartnern oder Freunden.

„Perfektionismus reduziert den Menschen auf seine (fehlerlose) Funktion, auf seine (tadellose) Leistung“, fasst Bonelli zusammen. Das Missverhältnis zwischen dem Soll- und dem Ist-Zustand sei für zwanghafte Perfektionisten unerträglich.

Wann ist der Drang zur Perfektion krankhaft?

„Perfektionismus kann das Leben hemmen, es verklemmen und an seiner Entfaltung hindern“, weiß Psychotherapeut Bonelli aus seiner Praxis. Wenn das Gefühl der Überforderung und der fehlenden Anerkennung immer stärker werde, sei der Weg zur psychischen Krankheit nicht weit.

Für krankhafte Perfektionisten wird das Ideal, das Soll, zum Muss: Ein gesunder Mensch weiß, dass es immer Baustellen im Leben gibt und er kein „makelloser Heiliger“ ist - aber er kann gut damit leben. Ein krankhaft perfektionistischer Mensch hingegen leidet darunter - sein Leben wird unlustig, verbissen und unerträglich schwer.

Forschungsergebnisse zeigen außerdem, dass es einen Zusammenhang zwischen perfektionistischem Denken, Depressionen und Essstörungen gibt. Das verwundert nicht: Denn Stress, der „Mangel an Auszeit und Unfähigkeit zur Entspannung“ mache Perfektionisten psychisch labiler, hält Psychiater Bonelli fest. Manche werden zum Workaholic, leiden unter einem Grübelzwang und haben die Tendenz, den Fokus immer auf das zu legen, was nicht funktioniert.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, ob man sich übertriebenen Perfektionismus abgewöhnen kann.