Amili Targowniks neues Buch heißt „Hat keine Flügel, kann aber fliegen“.
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Amili Targownik, 24, lebt lieber in Israel, auch wenn dort die Wege für Menschen, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind, nicht so gut ausgebaut sind wie in Deutschland. Die Beziehungen zwischen Menschen gehen tiefer, sind näher, ermöglichen ein seelisch reicheres In-der-Welt-sein. Anders gesagt: Die Barrieren für Menschen mit Handicap in Deutschland finden sich nicht im Technischen, sie liegen nicht in Wegen, die mit dem Rollstuhl nicht zu befahren wären oder an fehlenden Aufzügen, sie liegen als Hindernisse, Vorurteile, Widerstände und ja – auch Sadismen in den Köpfen von Ärzten, Psychologen, Lehrern und Erziehern.

Obschon jung an Jahren, ist Amili Targowniks Leben reich an Erfahrungen und Erkenntnissen, das sollte uns interessieren, und zwar in dreifacher Hinsicht: Ihre Geschichte gibt Einsicht in die Seele eines heranwachsenden Menschen, der mit einer körperlichen Behinderung auf die Welt gekommen ist, erzählt von Dynamiken und Strukturen in Erziehungs- und Bildungssystemen, von elterlichem Engagement und Offenheit, neue Wege zu gehen. Das, was Amili in ihrem jüngst erschienen Buch „Hat keine Flügel, kann aber fliegen“ erzählt, betrifft uns alle, und das, was sie über viele Jahre zu Papier gebracht hat, ist harte Arbeit gewesen, Kulturarbeit im besten Sinne.

Amili Targownik spricht vier Sprachen. Sie wohnt in Givat Schmuel, in der Nähe von Tel Aviv, wo sie Psychologie an der Bar Ilan University studiert. An einem Vormittag spreche ich mit ihr über die Kamera meines Smartphones. Amili trägt ein T-Shirt mit Punkten während ich mich in hier in Potsdam in eine Wolljacke gewickelt habe. Sie wohnt im vierten Stock, der Aufzug ist schmal, wenn sie nach draußen geht, dann nicht nur für fünf Minuten. Während des Lockdowns hat sie anderthalb Monate in der Wohnung verbracht, weil man, zu ihrem Unmut, mit Menschen, die eine Behinderung haben, übervorsichtig ist.

Amili sitzt im Rollstuhl. Aufgrund von Sauerstoffmangel im Mutterbauch, kam es zu einer Zerebralparese, einer teilweisen Lähmung im Bewegungsapparat. Für vieles, was andere allein können, braucht sie Hilfe. Vor unserem Gespräch ertappe ich mich dabei, wie ich sie im Geist duze und mit ihr Englisch spreche, die Stimme in meinem Kopf ruckelt mich zurecht, ich weiß, dass sie fließend Deutsch spricht, neben Hebräisch, Portugiesisch und Englisch.

Mit fünf hört sie fast auf zu sprechen

Auf meine Frage, mir mehr über die Zeit zu erzählen als sie fünf Jahre alt war und beschloss, nicht mehr mit allen Menschen zu sprechen, fragt sie mich, ob wir nicht vielleicht Englisch sprechen könnten. Klar. Sie spricht dann doch auf Deutsch weiter, erzählt über die Kränkung, die sie erfährt, als sie bemerkt, wie ihre kleine Schwester Annabel, kaum auf der Welt, anfängt zu krabbeln, zu laufen. Amili hatte vorgehabt, ihr ihren alten Rollstuhl abzutreten, den Kindergarten zu zeigen.  Die Targowniks wohnen zu der Zeit in München.

„Mama, warum kann ich das nicht?“

Schweigen.

„Ich weiß es nicht.“

Amili wartet auf eine Antwort, wartet und wartet, aber da ist nur Leere und in diese treten auf einmal Figuren: Winnie Puuh, Christopher Robin, die finden, dass Amili nicht mit allen Menschen reden muss. Mit den Eltern redet sie schon, aber mit den Großeltern zum Beispiel nicht, und auch nicht mit den Erzieherinnen. Im Kindergarten sagt sie nicht, wenn sie aufs Klo muss, kommt mit einer Tüte nasser Kleider zurück. So geht das anderthalb Jahre, bis ihre Erzieherinnen die Eltern anrufen und sagen, so geht das nicht mehr.

Adriana, eine Therapeutin, wird gefunden und Irene, eine Logopädin. In den Sitzungen mit Adriana kommt das Sprechen zurück: Während Amili zuhört, mit Puppen spielen darf, liest Adriana ihr Märchen vor. So entsteht ein Raum ohne Anspruch, eine Zone frei von Druck, frei besonders von erzieherischem Ehrgeiz.

Das Fließen der Sprache stellt sich auch mithilfe des „BIGmack“ wieder ein. Das ist eine Art Rekorder, den Irene einführt. Drückt Amili auf die rote Taste, erklingt Irenes Stimme: „Ich werde dir helfen, mit anderen zu reden.“ Mit der schwarzen Taste kann Amili ihr Anliegen aufnehmen. Fortan ist der BIGmack Übermittler von Amilis Anliegen. Irgendwann braucht ihn ein anderes Kind, und Amili braucht ihn nicht mehr. Sie spricht wieder.

Warum sie meint, dass Kinder diesen umständlichen Weg über ein Symptom gehen müssen, frage ich Amili. „Kinder wollen die Wahrheit wissen“, sagt sie. Als Kind hat sie sich gefragt, warum ihre Eltern nicht mit ihr reden, sich dann dieses teilweise Verstummen ausgedacht, sie selber oder ihr Unbewusstes.

Auf der Suche nach den richtigen Worten

Die Psychoanalyse weiß, dass es schon ganz kleinen Kindern helfen kann, wenn jemand die Wahrheit über ihr Schicksal ausspricht. Ihnen sagt, warum sie zum Beispiel von ihrer Mutter verlassen wurden. Wie jedoch für das traumatisch Erlebte die richtigen Worte finde, als Kind, aber auch als Mutter oder Vater? Es ist, als ob das, was uns als Menschen zutiefst verletzt, zur Sprachlosigkeit führt. Will man nicht stehenblieben, muss man sich auf die Suche machen.

Adriana fragt Amili, ob sie ihre Geschichte nicht aufschreiben will? Das will sie, es ist der Beginn von Amilis Erzählung, der Beginn eines Suchens und Findens, bis das, was sie und ihre Eltern zusammen erlebt haben, eine eigene Sprache und eine stimmige Form für die Öffentlichkeit gefunden hat. Damit das, was sich im Inneren eingeschrieben hat, sich nach Draußen schreibt. Es wird viele, viele Jahre dauern.

Amili Targownik liest aus dem Anfang ihres Buchs, aufgenommen 2014.

Video: Youtube

Inzwischen sind wir beim Du, ich lasse mir erklären, wie das mit den Sprachen in ihrer Familie läuft. Mit ihrer Mutter, einer Brasilianerin, spricht sie Portugiesisch, mit ihrem Vater Deutsch, und da die Eltern untereinander Hebräisch sprechen, spricht sie auch diese Sprache. Hebräisch ist auch die Sprache der erweiterten Familie, der Cousins und Cousinen, Onkel und Tanten. Weil das so viele Sprachen sind, findet man auf der Förderschule, die Amili nach dem Kindergarten besucht, die Mutter solle ihre Sprache weglassen. Die Muttersprache also. Kommt nicht infrage.

Amili ist in Tel Aviv geboren. Als sich zeigte, dass sie ein Problem mit dem Laufen hat, rät man den Eltern nach Deutschland zu gehen, dort gäbe es eine spezielle Therapie: „Vojta“. Vojta ist anstrengend und schmerzhaft, aber hilft Amili. Die Familie zieht dauerhaft nach München, Geburtsstadt des Vaters, Wohnort der Großeltern, hier kommen auch die jüngeren Schwestern Annabel und Carmen auf die Welt.

„Alle sagten zu meinen Eltern: Ihr seid verrückt.“ In der zweiten Klasse der Förderschule finden Amilis Eltern, dass die Kinder etwas weiter sein könnten, als nur bei der Hälfte des Alphabets. Nein, wenden Erzieher ein, man darf sie nicht entmutigen durch Überforderung. Unterforderung aber ist genauso schlimm! Amilis Eltern sorgen dafür, dass sie auf eine Regelschule kommt, allen Kassandrarufen zum Trotz: Das wird nicht klappen, sie wird in Depressionen fallen … In ihrem Buch schreibt Amili, dass sie durch die zwei Jahre Regelschule erst richtig wach wurde.

Ihre rechte Hand ist gelähmt, mit der linken ist sie nicht so schnell, das Schreiben braucht Zeit, sie bekommt eine Begleitperson, die ihr beim Schreiben hilft. Die Lehrerin der dritten Klasse findet das „unfair“ den anderen Kindern gegenüber, deshalb sitzt die Schreibhilfe meist lesend im Flur. Und Fairness gegenüber Amili?, fragt die Mutter. Rechtsanspruch? Die Lehrerin ignoriert das.

Für den Wechsel auf das Gymnasium, in Bayern nach der vierten Klasse, braucht Amili einen Intelligenztest. Gefördert wird nur, wenn ein Kind intelligent ist. Und wer intelligent ist, bestimmt ein Test. Das ist ja dann objektiv, und ganz objektiv sagt der Test: „Schwere geistige Behinderung.“ Das Resultat ergab sich aus dem Mangel an Zeit, die Amili zur schriftlichen Beantwortung der Testfragen fehlte.

An dieser Stelle hilft es, sich an seine eigene Schulzeit zu erinnern, nur einmal das Gefühl des Drucks in sich aufkommen zu lassen, dann weiß man, dass Druck das Denken ausschaltet. In Hamburg macht Amili den Test noch einmal, unter anderen Bedingungen, sie darf die Antworten diktieren, den anderen lässt ihre Mutter verschwinden. Ein Test ist eben nur ein Test. Nun hat sie einen, aber keine Schule. Alle lehnen ab, Inklusion, aber … Sie muss weiter auf die Förderschule, wo das nächste traumatische Erlebnis auf sie wartet.

Amili wird es nie auf die Uni schaffen. Wenn sie wiederholt, hat sie wenigstens einen einigermaßen guten Hauptabschluss.

Eine Lehrerin in der neunten Klasse, im Buch „Frau Kristallkugel“ genannt. 

Die Klassenlehrerin hat Amilis Mutter zu sich bestellt, Amili wird aus dem Unterricht geholt. Die Lehrerin, im Buch „Frau Kristallkugel“ genannt, erklärt Amilis Mutter, dass Amili die neunte Klasse wiederholen sollte, trotz ausreichender Noten für den Übertritt in die zehnte Klasse. Die Mutter weigert sich. Die Lehrerin insistiert. Sie will nur das Beste. Die Mutter auch. Amili weint. Lehrerin: „Amili wird es nie auf die Uni schaffen. Wenn sie wiederholt, hat sie wenigstens einen einigermaßen guten Hauptabschluss.“ Amili wird aus dem Zimmer gebracht. „Ich habe mich in diesem Moment nicht mehr gespürt“, erzählt sie. Ihre Mutter ist wütend. Amili glaubt, was die Lehrerin sagt, sie muss es doch wissen.

Einige Zeit später weiß Amili nicht mehr, wer neben ihr steht, ihr Vater erschrickt. Kleiner Scherz. Aber der Scherz kommt wieder. Amili wird ins Krankenhaus gebracht, man vermutet epileptische Anfälle. Ein Arzt untersucht sie, fragt, was sie in letzter Zeit erlebt hat. Eins kommt zum anderen, aber als sie nach den Ferien ihrer Lehrerin wieder erblickt, zack, wieder Amnesie. Der Arzt sagt, sie darf auf keinen Fall zurück in dieselbe Klasse.

Das Schuljahr hat gerade begonnen, in Bayern findet sich keine Schule, in ganz Deutschland nicht. Amili und ihre Mutter besuchen eine internationale Recruiting-Messe, dann eben Ausland. Es wird New York. Zwar sind Amilis Noten nicht gut, doch ihre Mutter sagt: „Erzähl ihnen, dass du ein Buch schreibst.“ „Gut“, erwidert die amerikanische Lehrerin, „dann wird das dein Abschlussprojekt.“ So passiert es.

Amilis Vater hilft beim Umzug, sucht Betreuerinnen und eine Wohnung in der Nähe der Schule. Sie ist die Einzige an der Schule, die eine Behinderung hatte. Eines Tages liest Amili ihren Mitschülern einen Text von sich vor: „Als ich drei war, kam meine Schwester zur Welt … Dann begann sie zu laufen. / Und ich begann, sie zu hassen.“ Später liest sie die Zeilen vor Publikum, gewinnt einen Preis, macht ihren Abschluss.

Ich frage sie, was von der amerikanischen Schulkultur wir hier in Deutschland brauchen? „Geduld und Zeit. Die amerikanische Schule hat gefragt: Was brauchst du an Hilfe, um deine Ziele zu erreichen? In Deutschland schaut man auf die Dinge, die du nicht kannst, in den USA wirst du bestärkt.“

Am liebsten will sie in den USA studieren. „Wir können die Studiengebühren in Amerika nicht bezahlen“, sagt Amilis Mutter, dann fällt ihr ein: „Du wolltest doch immer zurück nach Israel. Vielleicht jetzt?“

Bald macht Amili ihren Bachelor, dann ihren Master in Rehabilitationspsychologie. Sie möchte Menschen helfen, die nicht die gleichen Chancen gehabt haben wie sie. Vielleicht kommt auch ein neues Buch. Ohne den tatkräftigen Einsatz ihrer Eltern, stünde Amili, sagt sie, nicht dort, wo sie jetzt steht. Aus ihrem Buch erahnt man wie viel Zeit, Tränen und Schweiß dieser Weg gegen die Institutionen gekostet hat. Nach Amilis Schulabschluss haben sich Mutter und Tochter zurückgezogen, um an ihrem Buch zu arbeiten. Ihre Mutter hat gefragt, kommentiert, nachgehakt, sie gelenkt. Mama … Mamāe auf Portugiesisch.

Amili Targownik, fotografiert von ihrer jüngeren Schwester. 
Foto:  Annabel Targownik

Amili erinnert uns mit ihrer Geschichte daran, wen wir als Menschen brauchen: den anderen. Auch wenn uns die Leistungsgesellschaft vom Gegenteil überzeugen möchte, sind wir aufeinander angewiesen. Und, weil wir in der Sprache leben, mitunter im Schweigen gefangen sind, braucht es zuweilen einen anderen, der uns wieder herauszieht mit frischen Wörtern und Vorstellungen über uns und das Leben, einen, der Fenster öffnet, damit die Brise wieder hineinwehen kann.

Es gibt Menschen, die uns kleinmachen wollen. Von denen sollte man sich fernhalten, das hat Amili früh verstanden. Andere Menschen können uns groß machen und in die Weite denken, dann können wir fliegen.


Amili Targownik: „Hat keine Flügel, kann aber fliegen. Meine Geschichte“. Übersetzt von Sophie Lindsey. Penguin-Verlag, 224 S., 20 Euro.