Coworking wird immer beliebter. Inklusiv sind aber nur die wenigsten Orte.
Foto: imago images/Westend61

Berlin-WeddingZu Besuch in Deutschlands einzigem inklusiven Coworking Space Tuechtig lädt Gründerin Stefanie Trzecinski ein, sich auf dem Anpass-Bar-Hocker niederzulassen und einen Kaffee zu trinken. Es ist ein Hocker der besonderen Art. 

Wie der Name sagt, anpassbar. Bestehend aus einem System von aufeinander gestapelten Boxen, die auch als Tritt funktionieren, macht er es Menschen jeder Größe möglich, auf Augenhöhe mit am Tisch zu sitzen – so zum Beispiel auch Kleinwüchsigen. Entworfen wurde er in Kooperation mit dem Produkt-Designer Moritz Balzer.

Behinderte und nicht behinderte Menschen arbeiten hier auf 760 barrierefreien Quadratmetern zusammen. Es gibt vier Besprechungsräume, einen Raum der Stille, ein Großraumbüro und ein Filmstudio mit Greenscreen, der auch Rollstuhlfahrern zugänglich ist. Hier werden Videos zu Themen inklusiven Lebens produziert. Außerdem gibt es Konferenzräume, die vermietet werden.

Tuechtig ist die Zentrale der Inklusions-Ideen

2012 hat Stefanie Trzecinski Tuechtig eröffnet. Zusätzlich steuert sie auch die Projekte von „Kopf, Hand & Fuß“, einer gemeinnützigen Gesellschaft für Bildung, die sie 2010 ins Leben gerufen hat und deren Anliegen es ist, das Leben behinderter Menschen leichter zu machen und das Zusammenleben selbstverständlicher.

Die Entwicklung einer App, mit der Jobcenter-Formulare in deutscher Gebärdensprache erklärt werden, gehörte zu den ersten Projekten von „Kopf, Hand & Fuß“, ein anderes war die Entwicklung von „Irmgard“: Mit dieser App können Menschen, die nicht schreiben und lesen können, es lernen. Der Coworking Space Tuechtig ist quasi die Zentrale, das Labor für diese Ideen.

Inklusion muss schon anfangs auf dem Plan stehen

Hier geht es aber auch darum zu zeigen, wie Behinderte und nicht behinderte Menschen gut zusammenarbeiten können und was dazu gehört. „Es gibt viel zu bedenken, wenn man barrierefrei arbeiten und das Zusammenleben von Behinderten und Nicht-Behinderten möglichst einfach gestalten möchte“, sagt Trzecinski.

Oft werden die Bedürfnisse erst in Betracht gezogen, wenn die Planungen schon abgeschlossen sind.

Stefanie Trzecinski, Gründerin des Coworking Spaces "Tuechtig"

Deshalb bildet sie Inklusionsberater aus, die von Anfang an unterstützend zur Seite stehen können, wenn ein Büro eingerichtet oder vielleicht auch eine Ausstellung konzipiert wird. „Oft werden die Bedürfnisse Behinderter erst in Betracht gezogen, wenn die Planungen schon abgeschlossen sind. Viel besser wäre es, sie von Anfang an mitzudenken. Wer wäre dafür besser geeignet als Menschen, die aus eigener Erfahrung wissen, was eine Behinderung bedeutet.“

Sichtbar für Sehbehinderte

Die Säulen in der ehemaligen Industriehalle, in der Tuechtig betrieben wird, sind etwa von der Klebebande, einem Tape Art Kollektiv, verschönert worden. Das sieht cool aus, macht sie aber auch sehbehinderten Coworkern sichtbar. Dagegen laufen ausgeschlossen. Die Türen zu den Toiletten sind grau gestrichen, die zu den Meetingräumen gelb. So werden sie besser unterscheidbar. Brailleschrift ist selbstverständlich.

Gerne entwickeln würde Trzecinski noch eine Funktion, die es tauben Menschen ermöglicht zu erfahren, ob sie eintreten können, wenn sie an eine Tür geklopft haben. Ein freundliches „Herein“, können sie schließlich nicht hören.

Wie steht es in Deutschland um die Inklusion?
Grafik: Isabella Galanty

Von gelebter Inklusion kann noch lange keine Rede sein

Von einem selbstverständlichen Zusammenleben und -arbeiten behinderter und nicht behinderter Menschen sei man leider noch weit entfernt, meint auch Dominik Peter, Vorsitzender des Berliner Behindertenverbands „Für Selbstbestimmung und Würde“. Längst nicht genug Betriebe erreichen die Pflichtquote von fünf Prozent behinderter Mitarbeiter. Auch die Arbeitslosenzahlen Behinderter sind immer noch höher, als die nicht behinderter Menschen.

Aus dem aktuellen Jahresbericht der Bundesarbeitsgemeinschaft der Integrationsämter und Hauptfürsorgestellen geht hervor, dass die Arbeitslosigkeit bundesweit von 2017 auf 2018 bei schwerbehinderten Menschen um minus vier Prozent gesunken ist, bei Menschen ohne Schwerbehinderung aber um minus acht Prozent. „Selbst wenn die Statistik mal ein paar Vermittlungen mehr angibt, sind die Probleme seit Jahren die gleichen“, sagt Peter.

Oft ist die deutsche Bürokratie ein Hindernis

In Berlin würden die bürokratischen Mühlen des Landesamtes für Gesundheit und Soziales (Lageso) zu langsam arbeiten, wenn es darum gehe, Anträge auf Förderungen zu bearbeiten, so seine Erfahrung. „Die Freie Wirtschaft kann nicht monatelang warten, bis eine Unterstützung gewährt oder auch eben nicht gewährt wird“, sagt er.

Peter ist selbst Rollstuhlfahrer und arbeitet freiberuflich als Journalist. Freiberuflichkeit sei für viele Menschen mit Behinderung bislang eher keine Option. „Ein inklusiver Coworking Space wie Tuechtig hat da eine Vorreiterrolle. Er zeigt, dass das möglich ist, und zwar nicht nur vom eigenen Wohnzimmer aus“, sagt Peter. „Die Zusammenarbeit an so einem Ort macht Mut zur Unabhängigkeit, auch von offiziellen Stellen.“

Das Tuechtig lebt ganz ohne institutionelle Unterstützung. Der bürokratische Aufwand sei dafür zu groß. Stefanie Trzecinski arbeitet dafür mit Universitäten zusammen, etwa der Kunsthochschule Weißensee oder der Humboldt-Universität.

Schon räumliche Nähe kann Unterschied ausmachen

Bruno Ziebell, der gerade sein Studium als Designer abgeschlossen hat, ist über eine Kooperation der Kunsthochschule Weißensee auf Tuechtig aufmerksam geworden. Er selbst ist nicht behindert. Für Ziebell ist seine jetzige Arbeit eine ganz neue Art, Design zu denken. Er kann die Möbel von Anfang an mit den Menschen entwickeln, die sie später auch nutzen werden.

Zurzeit entwickelt er eine Türklinke, die sich nach unten verlängert und es kleinwüchsigen Menschen und Rollstuhlfahrern leichter macht, Türen zu öffnen. „Das Tollste an Tuechtig ist für mich, dass ich sofort Feedback für meine Ideen bekomme“, sagt Ziebell. „Ich kann einfach etwas in den Raum stellen und finde sofort ganz unterschiedliche Menschen, die sich interessieren und Anregungen geben.“