Illustration: Ahu Dural

Es trug sich zu, dass er in eine Stadt kam, wo ein verwünschtes Schloss stand, in das sich nun und nimmermehr jemand wagte.

Heute wird es Backkartoffeln mit Gyros, Salat und Tzatziki zu essen geben. Es sind Ferien und nur wenige Kinder in der Tageseinrichtung. Vor einem Jahr hab ich ein Bassin für meine Kinder gekauft, das nie eingesetzt wurde. Nun steht es unten im Garten für meine „anderen“ Kinder. Ich höre ihr Gekreische. Bei mir in der Küche spielt das Radio und in der Musik meine Gedanken: an Jo! Den kleinen Neuankömmling damals. Unser Kochkalenderprojekt mit den Gören war in vollem Gang und dieser Neunmalkluge wusste angeblich alles übers Kochen. Ich hatte einen Antrag bei Aktion Mensch gestellt und alle Fördergelder erhalten, um einen Kochkalender plus Geschichten drum herum zu gestalten.

Bevor Jo kam, ging auch das Konzept auf: Jedes Kind konnte sich ein Gericht ausdenken, welches es mit mir kochen wollte, mit der Aufgabenstellung, sich eine eigene Zutat jeweils dazu auszudenken. Man muss wissen, dass diese Kinder selten vielseitig essen. Jo dachte, er hätte die gesamte kulinarische Welt bereits erobert. Er stand neben mir, bewaffnet mit Schürze, Kochlöffel und seinem wachen Stimmchen, um seine Nudelsuppe für den Kochkalender zu verteidigen. Er war der Chefkoch zuhause. Für seine Geschwister. Und er wusste genau, wie man die zubereitet. Wasser + Brühwürfel + Nudel. Meine kreative Strategie war für ihn nur Einschränkung seiner eigenen. Dieses Gör hing mir mit seiner Nudelsuppenstimme in den Ohren und besetzte die Küche.

Jo davon zu überzeugen, dass eine Gemüsebrühe aus echtem Gemüse zubereitet werden kann, war für ihn revolutionär. Dass es Gewürze und Kräuter gibt, die man auch frisch dazugeben kann – in echt sozusagen -, kam ihm vor wie eine Sabotage gegen seine kulinarische Integrität. Jo war immun gegen alles, was ich ihm vorschlug. „Niemals“ hieß sein Schwert, mit dem ich ihn zwang, die Petersilie kleinzuhacken. „Aufkeinenfall“ nannte sich seine Muskete, mit der ich ihn durch das Gemüsebeet jagte. Was wir dann aber letztendlich zusammengebraut haben, das konnte sich verdammt gut essen lassen, da verlangten alle Kinder Nachschlag! Jedes „Nein“, das hatte Jo inzwischen kapiert, erforderte eine gewaltige Auseinandersetzung mit mir in der Küche. Allen seinen Tütensuppen-Wasserkocher-Leidenschaften gab er unseren Auseinandersetzungen zuliebe nach. Und versuchte sich im Fenchel-Möhren-Sellerie-Wesen.

Und dann kamen die Sommerferien, und als die vorbei waren, war mein Jo nicht mehr da. Mein allerbester Gourmetspezi hatte sich abgesetzt. Er war geflüchtet. Hatte sich hinausgemacht, auf der Suche nach einem verwunschenen Schloss. „Wo ist das trillernde Stimmchen?“, fragten hohl die Töpfe. Und ich? Mist, Jo. Hab ich dir nicht gezeigt, dass man zwar eine Suppe kochen, aber sie sich nicht einbrocken sollte? Jo entschied sich für ein Heim, nur raus und weg von zu Hause. Ich hab ihn dort oft besucht, und zum Geburtstag und zu Weihnachten richtig fette Pakete gesendet. Und ich wollte noch mehr in unser gemeinsames Süppchen tun, aber dann kam Corona. Kein Kontakt, kein Jo, keine Lösungen. „Ach wenn es mich doch nicht so gruseln würde.“