Illustration: Ahu Dural

Wenn du in Not gerätst, so geh zu dem Wald und rufe „Eisenhans“, dann will ich kommen und dir helfen ...

Eigentlich hatte ich ein Konzept für das Mittagessen und überhaupt auch alles für die Woche schon vorausgeplant. Aber dann kam die Tafel, und ich konnte die nicht ignorieren. Die Verteilerstellen waren geschlossen, also wurden die Bedürftigsten beliefert. Und es blieb immer noch so viel übrig, dass wir beim DRK als indirekte Verteilerstelle für Abnahme sorgten und Lebensmittel herumschleppten. Es leuchtet nicht ein, warum Verteilung von Essen für Arme einen Infektionsherd bedeutet, der Verkauf in Supermärkten aber nicht.

„Hallo, Frau Fellien, darf ich ein Glas Wasser trinken?“ Durch meine fragile Avocado-Möhren-Pfirsich-Käse-Pyramide in meinen Armen rempelt sich Fred. Dass der immer fragt! Wenn er ein Glas nimmt, ob da Wasser rein darf, wohin mit dem leeren Glas ...

Kinder sind ja so verdammt abhängig von sämtlichen Leistungen: Zuwendung, Liebe, Kindergeld, Bildung, Zeit. Die produzieren nichts, wollen aber immer haben. Jedes dritte Kind ist arm in Berlin. Also brauchen die jetzt auch noch die Tafel und psychologische Betreuung, Lerntherapien, Streitschlichter, Streetworker, Familienhelfer. Mann, kriegen die denn nie den Hals voll?

Fred hat es geschafft, meine Futterkonstruktion auf dem Boden zu verteilen. „Oh“, ruft er erschrocken und verschwindet. Klar, helfen ist auch nicht drin. Nee, die subventionierten Halbstarken fangen an, sich zu organisieren! In Freitagsdemos, Anti-Waffen-Demos, Anti-Rassismus-Demos, Gleichberechtigungsdemos, Antikapitalismusdemos ...

„Könnten Sie mal aus dem Weg gehen“, sagt Fred. Da ist der ja schon wieder. Ich sammle grad die letzte Möhre vom Boden. „Was soll das, Fred?“ Er sieht mich mit angstgeweiteten Augen an: „Ich hab doch den Führerschein für die Carrera-Rennbahn gemacht“. Ein Argument! Ich bin bewaffnet mit einer Möhre. Er hat nichts. Wir sehen uns an.

„Die anderen haben den Führerschein nicht. Deshalb helfe ich doch. Ich passe auf, damit die anderen trotzdem spielen können“, erklärt er verzweifelt. „Und du hast dir immer noch kein Glas Wasser genommen?“, frage ich drohend. Jetzt ist er weg.

Fred ist einer, der einem auf die Schulter klopft und du fühlst dich je nach Fußuntergrund diverse Zentimeter in den Boden gerammt. Er hat Kraft! Er wird gehänselt, weil die nicht zu seiner Sanftheit passt. In die Enge getrieben, schubst er jeden drei Meter weit, gongt einen ins K. o. Aggressives Verhalten! Aber so stark, wie er anatomisch ist, so kraftvoll ist er in seiner Gutmütigkeit und seinem Gerechtigkeitssinn.

Ich gehe ins Spielzimmer und sehe, wie Fred das Formel-1-Rennen beaufsichtigt. Komplett ausgetrocknet, aber nun nicht mehr wegzubewegen von Timo und Joker, die sich da duellieren. Fred passt auf, damit eine abgesprochene Spielregel erhalten bleibt. Es muss jeder einen Führerschein für die Rennbahn haben oder einer ist dabei, der den schon hat und über die Einhaltung der Regeln wacht. Fred würde jetzt lieber verdursten, bevor er seine Position verlässt. Hier, Fred, hast du ein Fass Wasser! Hau mir alle Essenvorräte aus den Armen, wenn’s der Sache dient! Mach dich stark für die anderen!

„Ich bin der Eisenhans und war in einen wilden Mann verwünscht, aber du hast mich erlöst.“