„Mit der Entscheidung, Waffen zu liefern, habe ich erst gehadert“

Mit zehn Jahren ist Kassem Taher Saleh mit seiner Familie aus dem Irak geflohen. Seit einem Jahr sitzt er für die Grünen im Bundestag. Wie ist ihm das gelungen?

Taher Kassem Saleh, ein aufstrebender Bundestagsabgeordneter der Grünen, der mit zehn Jahren aus dem Irak nach Sachsen geflüchtet ist
Taher Kassem Saleh, ein aufstrebender Bundestagsabgeordneter der Grünen, der mit zehn Jahren aus dem Irak nach Sachsen geflüchtet istBenjamin Pritzkuleit

Vor zwanzig Jahren wurde die Start-Stiftung gegründet mit dem Ziel, herausragende Schülerinnen und Schüler mit Einwanderungsgeschichte zu fördern. Inzwischen gibt es ein Netzwerk von über 3000 Alumni, die auf beeindruckende Weise ihren Weg gehen und sich für eine bessere Welt engagieren. Einer von ihnen ist der 29-jährige Kassem Taher Saleh, der 2021 in den Bundestag eingezogen ist.

Herr Taher Saleh, wie sind Sie auf die Start-Stiftung aufmerksam geworden?

Zwei Freundinnen in meiner Heimatstadt Plauen haben mir davon erzählt. Als ich in der zehnten Klasse war, habe ich mich beworben und bin drei Jahre lang gefördert worden.

In welchem Alter sind Sie nach Deutschland gekommen?

Ich bin 1993 im Irak geboren, in der Großstadt Zaxo, und im Alter von zehn Jahren mit meiner Familie nach Deutschland gekommen. Wir haben im sächsischen Plauen eine neue Heimat gefunden. Und weil ich nach der vierten Klasse noch nicht so gut Deutsch sprechen konnte, bin ich erst einmal auf die Realschule gegangen und habe mein Abitur auf dem zweiten Bildungsweg gemacht.

Haben Ihre Eltern Ihnen in schulischen Dingen helfen können?

Im Irak hat mein Vater als Volkswirt gearbeitet und meine Mutter als Lehrerin. Aber leider wurden ihre Abschlüsse in Deutschland nicht anerkannt. Mein Vater hat zunächst als Pizzafahrer gearbeitet, später ein Bistro mit Dönerverkauf und einen kleinen Supermarkt betrieben. In der Schule konnten sie mir wegen der fehlenden Deutschkenntnisse nur wenig helfen. Trotzdem haben sie mich unterstützt, wo sie nur konnten. Als ältester von vier Brüdern habe ich früh gelernt, Verantwortung zu übernehmen. Erst in der Familie, später als Schiedsrichter beim Fußball, als Schülersprecher oder als Stipendiaten-Sprecher für die neuen Bundesländer.

Was hat die Start-Stiftung für Sie und Ihren Weg bedeutet?

Ohne Start wäre ich nicht, was ich heute bin. Als Stipendiaten hatten wir ja die Möglichkeit, an vielen Treffen, Seminaren und Studienreisen in ganz Deutschland teilzunehmen. Der Austausch und die Vernetzung mit den anderen Stipendiaten haben meinen Horizont extrem erweitert. Ich habe gelernt, anders über bestimmte Probleme nachzudenken, habe Freunde gefunden, die in Oxford studiert haben oder an der LSE in London, andere, die als selbstständige Tischler oder Filialleiter ihren Weg gehen. All das wäre sicher nicht passiert, wenn ich die ganze Zeit in meiner Bubble im Vogtland geblieben wäre.

Hat auch die finanzielle Förderung für Sie eine Rolle gespielt?

Für mich war es nicht unwichtig, dass wir eine Erstausstattung für einen digitalen Arbeitsplatz bekommen haben, einen Laptop und einen Drucker – und außerdem 100 Euro Bildungsgeld pro Monat. Davon konnte ich mir Bücher kaufen und einen guten Schreibtischstuhl. Aber viel wichtiger waren die Freundschaften, die Expertise, die ich durch die Seminare gewonnen habe, das bessere Selbstbewusstsein.

Nach dem Studium des Bauingenieurswesens in Dresden haben Sie ein halbes Jahr als Bauleiter gearbeitet und sind dann 2021 in den Bundestag eingezogen. Wie kam das?

Am Anfang des Studiums habe ich mich nach Stipendiengebern umgeschaut – und habe mich mithilfe der Start-Mitarbeiter bei der Heinrich-Böll-Stiftung beworben. Nur dort, weil ich das Gefühl hatte: Deren Ausrichtung auf Menschenrechte, Asylpolitik und ökologische Nachhaltigkeit passt zu mir. Die Zeit bei der Böll-Stiftung hat mich weiter politisiert und „begrünt“. Im Jahr 2018 habe ich die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten, 2019  bin ich in die Partei eingetreten und 2021 – bei meiner ersten Bundestagswahl überhaupt – für den Wahlkreis Dresden-Süd in den Bundestag eingezogen.

Das war ziemlich genau vor einem Jahr. Was haben Sie seitdem erlebt?

Mein Leben hat sich um 180 Grad gedreht. Kein Tag ist wie der andere, ich lerne viel dazu. Aber manchmal ist es auch schwer, der Verantwortung gerecht zu werden und sich richtig zu entscheiden. Im Angesicht des Ukraine-Kriegs, der Geflüchteten- und der Energiekrise. Als über das Sondervermögen abgestimmt wurde für die Aufrüstung und die Waffenlieferungen an die Ukraine, da habe ich gehadert. Denn ich selbst komme aus einem Kurdengebiet und weiß, welche Schäden diese Waffen anrichten und wie wenig man kontrollieren kann, wo die Waffen bleiben nach dem Krieg. Aber dann habe ich an die vielen Kinder, Frauen und Männer gedacht, die jetzt in der Ukraine sterben – und habe doch dafür gestimmt.

Infobox image
Benjamin Pritzkuleit
Zur Person
Kassem Taher Saleh wurde 1993 in Zaxo, Irak geboren. 2003 zog er mit seiner Familie ins sächsische Plauen. In der zehnten Klasse wurde er Start-Stipendiat, nach dem Abitur studierte er Bauingenieurwesen in Dresden und arbeitete in einem Dresdner Bauunternehmen.

Seit 2019 ist er Mitglied der Partei Bündnis 90/Die Grünen. Er war Co-Sprecher der Bundesarbeitsgemeinschaft Migration und Flucht. 2021 zog er über die Landesliste in den Deutschen Bundestag ein und engagiert sich dort für klimaneutrales Bauen, eine bessere Asylpolitik und Demokratieförderung in Sachsen.

Als studierter Bauingenieur engagieren Sie sich für klimafreundliche Baupolitik. Was möchten Sie erreichen?

Im Bausektor finden 33 Prozent der weltweiten CO₂-Emissionen statt. Das muss anders werden. Wir müssen darauf achten, dass wir so viel Wärme wie möglich in den Gebäuden halten, bei der Dämmung auf nachwachsende Rohstoffe setzen und nicht länger mit Styropor arbeiten. Wir brauchen mehr Solardächer und Wärmepumpen, müssen auf eine regionale Wertschöpfung achten. Denn bei all den weiten Transporten geht viel graue Energie verloren. Außerdem möchte ich mich für die Digitalisierung der Bauprozesse und für eine nationale Holzbau-Strategie einsetzen.

Sie plädieren auch für eine menschenwürdige Asylpolitik. Was bedeutet das in der gegenwärtigen Situation für Sie?

Wir müssen die Einbürgerung erleichtern und das Bleiberecht stärken. Deutschland braucht Zuwanderung. Denn es gibt den demografischen Wandel, die ostdeutsche Gesellschaft ist überaltert, überall fehlt es an Fachkräften. Und ohne Fachkräfte geht die deutsche Wirtschaft irgendwann in die Knie.

Sie setzen sich für eine nachhaltige Demokratieförderung ein in Dresden und Sachsen. Haben Sie in Ihrer Jugend selbst schlechte Erfahrungen mit Rassisten und Rechtsextremisten gemacht?

Die Nazi-Partei „Der Dritte Weg“ hat ihren Hauptsitz in meiner Heimatstadt Plauen. Und ich weiß nur zu gut, wie es sich anfühlt, wenn man auf der Straße oder auf dem Fußballplatz diesen Typen begegnet, die finden, man sei ein „krimineller Ausländer“. Wahrscheinlich könnte ich jetzt zwei Stunden lang über meine Erfahrungen mit Rassisten sprechen. Aber ich habe keine Lust, mich in die Opferrolle zu begeben. Lieber will ich nach vorne schauen und meinen Beitrag dafür leisten, dass wir in einer offenen Gesellschaft leben. Und ich hoffe, dass immer mehr Sachsen verstehen, dass man nicht in Sachsen geboren sein muss, um sich für sächsische Interessen einzusetzen.

Sind Ihre Eltern sehr stolz, dass ihr Sohn ein Mitglied des Bundestages ist?

Im Wahlkampf haben sie sich manchmal Sorgen gemacht. Weil es Leute gab, die handgreiflich geworden sind, und ich immer wieder Hate-Mails bekommen habe. Aber jetzt sind sie superstolz, die können es gar nicht fassen. Und ich bekomme ja nicht nur Hate-Mails, sondern auch ganz viele positive Reaktionen. Neulich hat mir ein Start-Stipendiat gesagt, dass er erst durch mich verstanden hat, dass man auch als junger Mann mit Migrationsgeschichte in Deutschland Politik machen kann.

Schön!

Ja, das ist schön zu hören. Aber manchmal fällt es mir nicht leicht, mit diesen großen Erwartungen von allen Seiten zu leben.