Berlin - Als Kind wollte er Hollywood-Regisseur werden – heute ist Stephan Bayer ein Visionär der digitalen Wissensvermittlung. 2008 gegründet, ist sein Unternehmen sofatutor heute eines der führenden EdTech-Unternehmen in Europa. Wer sich bei sofatutor anmeldet, hat Zugang zu 11.000 Lernvideos und zu mehr als 40.000 interaktiven Übungen, hübsch sortiert nach Fächern und Klassenstufen. In den Nöten des Corona-Homeschoolings griff und greift jede vierte deutsche Lehrkraft auf diesen großen Fundus zurück. Was bedeutet diese erstaunliche Entwicklung für die Zukunft des traditionellen Schulbuchs? Bevor Stephan Bayer antwortet, hängt er sein Jackett über den Drehstuhl. Jetzt aber los.

Ist das Schulbuch tot, Herr Bayer?

Ja, jedenfalls als alleiniges Leitmedium ist es tot. Man wird es noch weiter benutzen, aber es hat gute Gesellschaft bekommen.

Sie meinen die Gesellschaft der digitalen Bildungsmedien?

Ja, früher hatte nur das Schulbuch die Funktion, den Lehrplan für die Lehrkräfte herunterzubrechen – in einzelne Kapitel, Aufgaben und Übungsreihen. Aber heute gibt es da noch ganz andere Möglichkeiten. Haben Sie schon von dem dynamischen Curriculum gehört? Das ist ein Projekt des Bremer Senats: Eine Gruppe von Lehrkräften einer Bremer Schule bildet das ganze Curriculum digital ab. Dazu vereint sie den Bremer Lehrplan, das Schulcurriculum und die Fachkompetenzen – das wird dann in das Bremer Lernmanagementsystem itslearning eingebaut und durch Materialien der Lehrkräfte ergänzt. Und dann können alle anderen Lehrkräfte von anderen Schulen auf diese Ressourcen zurückgreifen und sie für ihre eigene Schule anpassen. Großartig: eine größere Anzahl Unterrichtsentwürfe samt Links zu den digitalen Ressourcen. In Amerika gibt es so etwas schon in großem Stil, zum Beispiel bei dem Unternehmen Betterlesson.

Ist das Leben dann nicht anstrengender für die Lehrkräfte, wenn sie ihre Content-Früchtchen von vielen verschiedenen Bäumen und Sträuchern pflücken müssen?

Nein, das glaube ich nicht. Zwar gibt es die Mär vom Orientierungswunsch der Lehrkräfte, die mit der Heterogenität der Materialien überfordert sein könnten. Aber ich halte das für überzogen. Wenn ich zum Beispiel Mathelehrer bin in der fünften Klasse, dann weiß ich doch nach kürzester Zeit: Auf diesen zwei bis drei Portalen finde ich gute Übungen für meine Schüler. Im Lockdown hat jede vierte Lehrkraft mithilfe von sofatutor den Digitalunterricht bestritten. Also ist in meiner Wahrnehmung das Auffinden und Navigieren nicht das Problem, sondern die Frage, wie kann ich das Gefundene lizenzieren und an meine Schule bringen?

Der deutsche Markt wird beherrscht vom Triumvirat der drei großen Schulbuchverlage – Westermann, Cornelsen und Klett – was können die, was andere nicht können?

Sie sind sehr gut mit den Kultusministerien vernetzt und wissen daher früh, wann sich der Lehrplan ändert – dann stellen sie ein Buch zusammen, geben es zur Kontrolle und packen es rechtzeitig zur Didacta-Bildungsmesse auf den Stand. Dann fahren die Schulbuch-Vertriebler durchs Land und sprechen mit den einzelnen Schulen. Ziel ist immer: Schaffe ich es, die jeweilige Fachschaft vom Konkurrenten zu meinem Verlagshaus zu ziehen? Das ist ein permanenter Kampf um Marktanteile, um große Marktanteile. Denn für so eine normale Schule gibt der Staat jedes Jahr eine fünf- bis sechsstellige Summe für Schulbücher aus – und bisher null Euro für digitale Bildungsmedien. Dafür gibt es noch keinen Markt, zwar Nachfrage ohne Ende und Angebot – aber kein öffentliches Geld und keine Einkaufsprozesse.

Berliner Zeitung/ Isabella Galanty
Klassenzimmer, flieg!

Gespräche über die Zukunft der Bildung. Wie können wir die Erfahrungen der Corona-Zeit nutzen, um unsere Schulen wirklich voranzubringen? Wir fragen Menschen aus verschiedenen Generationen und Berufen – von der Bildungsministerin bis zum Brennpunktschüler. Eine Serie der Berliner Zeitung.

Haben die großen Schulbuchverlage versäumt, rechtzeitig auf den Zug der Digitalisierung aufzuspringen?

Man kann ihnen nicht vorwerfen, dass sie es nicht probiert hätten. Denn da wurden Millionen in hauseigene Digitalisierungsprojekte gesteckt, die teilweise gefloppt sind. Zum Beispiel haben diese drei Verlage all ihre Bücher als PDF rausgebracht und digitale Unterrichtsassistenten gebaut. Leider brauchten die Lehrkräfte das nicht, und der Use-Case war auch nicht so sexy, die Materialien aus dem Printbuch noch mal in digital. Außerdem haben einige Verlage gemerkt, dass sie in ein großes Copyright-Problem hineinlaufen. Weil sie für ihre Fotos, Grafiken bisher nur die Printrechte haben und nicht die Online-Rechte oder gar die mobilen Rechte.

Sie sagen, die Schulbuchverlage stecken in einer Art „Innovator’s Dilemma“. Wieso?

Weil sie wie die deutsche Automobilindustrie auf jeder Menge alter Innovation sitzen. Auf der einen Seite haben sie ein noch relativ gut laufendes Kerngeschäft im Print – auf der anderen Seite müssten sie sich eigenhändig disrupten, um in den nächsten zwanzig Jahren nicht an Relevanz zu verlieren.

Hätten diese Verlage denn das nötige technische und kulturelle Know-how, um den Kampf um diese Relevanz gewinnen zu können?

Neue Lernmedien benötigen auch neue Kompetenzen in den Redaktionen: Online-Texte sind anders geschrieben als Printtexte. Lernvideos und Lernspiele muss man anders konzipieren als Übungsaufgaben in einem Arbeitsheft. Und zum ersten Mal kann ich als didaktischer Mitarbeiter anhand von Nutzerdaten live beobachten, ob meine Erklärungen auch bei den Schülern und Schülerinnen ankommen. Hier gilt es, viel neues Wissen in die Häuser zu holen. Im Moment habe ich den Eindruck, dass die Verlage noch etwas zögern. Alle warten ab, ob es an deutschen Schulen nach der Pandemie wirklich einen Digitalisierungsruck geben wird – und somit zum ersten Mal extra Budgets für digitale Inhalte.

Berliner Zeitung/Markus Wächter
Zur Person: 

Stephan Bayer wurde in Rehain geboren, einem Dorf in Sachsen-Anhalt. Er studierte Soziologie und BWL an der Humboldt-Universität zu Berlin. Bei einer Prüfungsvorbereitung für eine Mathematik-Klausur drehte er sein erstes Lernvideo über „Das totale Differential“. 2009 gegründet, ist sofatutor mit über 11.000 Lernvideos und 40.000 Übungen die umfangsreichste Online-Lernplattform im deutschsprachigen Raum.

Ist Dänemark der Alptraum des Triumvirats? Dort ist das Schulbuch ja sozusagen über Nacht untergegangen.

Vielleicht zumindest ein interessantes Lehrstück, weil die dänische Regierung gesagt hat: Erstens, unser Ziel ist, dass in wenigen Jahren alles in der Schule digital ist. Und zweitens, wir subventionieren als Bund 50 Prozent aller schulischen Ausgaben für digitalen Content. So hat der Staat eine wichtige Finanzierungsbrücke für die Kommunen gebaut, um die Transformation voranzutreiben. Die Schulbuchverlage hatten das Nachsehen, und ein kleines Start-up namens Clio, das zur richtigen Zeit am richtigen Ort war, hat den Markt erobert. Heute gibt es in Dänemark ein sehr vielfältiges Ökosystem, wo kleinere und größere Player nebeneinanderstehen – und wo auch der Student, der in seinem Studierzimmer eine tolle Lernapp entwickelt, eine Chance hat, sie auf den Markt zu bringen und davon zu leben. Denn es gibt staatlich geschaffene Rahmenbedingungen für Qualitätssicherung, Zulassung, Einkauf und Finanzierung von digitalen Bildungsmedien.

Sollte Deutschland denselben Weg beschreiten wie Dänemark?

Für mich ist das die Blaupause für den Digitalpakt 2. Wenn alle Schulen in Deutschland endlich WLAN und Geräte haben, dann ist die nächste Frage: Was läuft auf den Geräten? Das dänische Modell sorgt dafür, dass die Schulträger beim Kauf digitaler Bildungsmedien entlastet werden – und zugleich gezwungen sind, einen Teil der Kosten selbst zu tragen. Dann müssen sie sich nämlich mit der Kaufentscheidung auseinandersetzen und dafür sorgen, dass gute Lösungen gekauft und schlechte nach einer Zeit des Ausprobierens wieder abgeschafft werden.

Die deutsche Politik hegt die romantische Hoffnung, dass alle digitalen Lerninhalte kostenlos sein werden – und die Lehrkräfte ihr selbst entwickeltes Unterrichtsmaterial teilen.

Das halte ich heute für naiv. Als ich mit sofatutor 2009 an den Start ging, war das auch unser Konzept: Alle Lehrkräfte können ihre Inhalte bei uns veröffentlichen. Wir haben schnell gelernt: Ein guter Lehrer ist nicht automatisch ein guter Autor für digitale Lerninhalte. Das sehe ich jeden Tag bei uns: Unsere besten Autoren und Autorinnen haben ein hohes Talent, sich in andere hineinzuversetzen und gute Drehbücher zu schreiben. Sie arbeiten interdisziplinär mit Illustratoren und Motion Artists zusammen und leisten eine ungeheuer anspruchsvolle und schöpferische Arbeit, die man nicht kostenlos von der Lehrer-Crowd gesourced bekommt. Auch in Dänemark hat sich bisher kein großes Open-Educational-Ressources-Wunder ereignet. Deshalb sollte der Staat Anreize setzen, um einen florierenden Markt zu schaffen.

Zugang zu kostenlosen, günstigen und teuren Bildungsmaterialien?

Ja, dann kann jeder Schulträger nämlich selbst entscheiden, wieviel Leitungswasser, gefiltertes Wasser oder Mineralwasser er seinen Schulen anbieten will.

Aber gibt es nicht das Problem der Qualitätskontrolle? Bisher werden ja alle Schulbücher sorgfältig auf Richtigkeit geprüft, bevor sie in den Druck gehen.

Das kann man natürlich nicht mehr leisten, wenn die Quellen sich so schnell vervielfältigen. Wer will sich noch hinsetzen, um die 11.000 Lernvideos und die 40.000 Arbeitsblätter von sofatutor prüfen? Das würde ja Tausende Stunden dauern. Das hat auch Saskia Esken verstanden: Auf dieser neuen nationalen Bildungsplattform, die sie schaffen möchte, möchte sie deshalb auf die Schwarmintelligenz von Lehrerrankings setzen. Außerdem braucht man schwarze Listen und eine Beschwerdestelle wie beim Jugendschutz: Also jeder darf alles veröffentlichen und seine Inhalte anbieten, aber sobald sich einer dran stößt, wird das aussortiert oder muss eine Ehrenrunde drehen. Natürlich wird es da auch den einen oder anderen kleinen didaktischen Skandal geben, weil jemand etwas falsch erklärt hat. Aber so ist das Internet nun mal – Digitalisierung bedeutet eben auch etwas Kontrollverlust. Die deutsche EdTech-Szene jedenfalls nimmt Qualitätssicherung und Datenschutz enorm ernst, keiner wird damit leichtfertig umgehen und riskieren, sich bei Lehrkräften den Namen zu ruinieren.

Aber wie können Lehrer in der Fülle der digitalen Angebote die besonders hochwertigen finden?

Jeder Schulträger braucht einen Chief Technology Officer (CTO), der einen guten Überblick hat über die Landschaft der Bildungsmedien und seinen fünf bis zehn Schulen dann die besten empfehlen kann. In den USA hat sich die Rolle des CTO in den letzten Jahren extrem gewandelt – früher hat diese Person sich vor allem darum gekümmert, dass das Wlan an den Schulen läuft und es überhaupt Geräte gibt. Heute sind das visionäre Anführer, die mit den Kollegien ein digitales Leitbild erarbeiten, Workshops veranstalten und beraten, wie man von der Traumphase in die Umsetzung kommt.

Der Staat hat schon zwei nationale Bildungsplattformen geschaffen – Mundo und WirLernenOnline – die beide absolut keine Attraktion auf Lehrkräfte ausüben. Nun soll für 150 Millionen noch eine dritte Plattform gebaut werden und das Bundesforschungsministerium hat vor wenigen Wochen eine Art digitalen Architekturwettbewerb dafür ausgeschrieben.

Ich bin gespannt, wie sich das Projekt entwickeln wird. Bei einem analogen Architekturwettbewerb steht die Funktion des Gebäudes fest, bevor die Architekten nach der bestmöglichen Form suchen. Aber hier steht noch nicht genau die Funktion fest – okay, man möchte erstens alle kostenlosen Unterrichtsmaterialien irgendwie bündeln und zweitens mit einem einzigen Passwort auf Hunderte von Apps zugreifen können. Beides gibt es schon in diversen anderen Lösungen. Also ich glaube: Eigentlich brauchen wir gar nicht so eine monströse Meta-Plattform. Unser Problem ist doch ein anderes: Wir müssen uns um die Rahmenbedingungen kümmern: Qualität, Zulassung, Einkauf, Finanzierung und natürlich Datenschutz von Digitalem.

Könnte man sich das nicht von Dänemark abschauen?

Die dänischen Bildungsforscher und Forscherinnen sagen: „Wir haben etwas zu viel Geld ausgegeben und ein paar Fehler bei der Schuldigitalisierung gemacht, weil wir so digitalaffin waren.“ Aber das ist doch großartig! Politik und Verwaltung können also mit den Verantwortlichen in Dänemark sprechen, welche Fehler man nicht wieder machen würde – und das so bereinigte Konzept dann kraftvoll umsetzen. Dafür müssen wir uns aber erstmal auf die Vision einigen, dass wir in einer Transformation von Print zu Digital stecken.

sofatutor
Pyramide der digitalen Bedarfe von Schulen

Sie haben mal eine Pyramide für digitale Bedarfe an Schulen veröffentlicht – in Anlehnung an die Maslowssche Bedürfnispyramide.

Ja, das ist eine kleine „Theory of Change“, die Idee dazu basiert auf einer Inspiration von Jörg Dräger: zunächst brauchen die Schulen – ganz unten in der Pyramide – Wifi, dann kommen Geräte wie Tablets, als nächstes braucht jeder Schulträger ein einfaches ID-Management und ein gutes Lernmanagementsystem wie itslearning. Das sind die Bedarfe, die jetzt durch die Gelder des ersten Digitalpakts abgedeckt werden. Danach geht es in der Bedürfnishierarchie weiter nach oben und es wird Content benötigt: also Videos, Animationen, interaktive Übungen, Vokabeltrainer oder kleine Lernspiele.

Und danach werden mit der Zeit und dem Wandel der Unterrichtskultur mehr und mehr analytische und schließlich adaptive Funktionen nachgefragt? 

Ja, analytisch wird es, wenn das Programm der Lehrkraft in einem Monitoring zurückspielen kann, welche Aufgaben wie von der Schülerschaft gelöst wurden – und adaptiv, wenn ein Algorithmus die Arbeitsergebnisse automatisch ohne die Lehrkraft interpretieren kann, um individuelle Lernpfade zu erstellen. Dann spricht man von intelligenten tutoriellen Systemen (ITS), da sind wir aber aus meiner Sicht noch nicht. Nur drei Prozent der Lehrkräfte, die sich bei einer Umfrage von sofatutor beteiligt haben, wollen aktuell die individuelle Förderung ihrer Schüler und Schülerinnen automatisieren lassen. Der Wandel von Unterrichtskultur benötigt Zeit, da muss man nicht den dritten Schritt vor dem ersten machen. Was noch nötig ist und neben der digitalen Bedürfnispyramide der Schule steht, ist eine zeitgemäße Fortbildung der Lehrkräfte. Nur mit ihr kann Wandel verstetigt werden.