Judith Poznan mit ihrem Logbuch.
Foto: Privat

„Ich finde, Du solltest, wenn du es nicht ohnehin schon tust, tägliche Aufzeichnungen zu deinem Kind machen, denn es ist wirklich amüsant, so etwas zu haben.“ Dies schrieb Astrid Lindgren an ihre Schwägerin Gullan in einem Neujahrbrief 1934. Entdeckt in der Biografie von Jens Andersen „Astrid Lindgren. Ihr Leben“, auf die ich zufällig letzten Sommer stieß. Astrid Lindgren und Gullan waren zur selben Zeit schwanger. Lindgren entschied, eine Art Logbuch über die Entwicklung ihres zweiten Kindes zu führen, das die Tochter lesen sollte, wenn sie erwachsen sein würde. Außerdem schickte sie der Schwägerin einen Auszug daraus. Auch 86 Jahre später halte ich diese Idee für genial.

In meinem ersten Jahr mit Kind habe ich schnell gelernt, dass mein Leben nun fortan zwischen der grässlichsten Langeweile und den größten Glücksmomenten hin- und her schwingt. Oft war der Weg zu Rossmann mein einziges Highlight am Tag. Derselbe Weg, dieselbe Einkaufsliste, das immer selbe Würstchen von der Frischetheke beim Fleischer. Aber wie so vieles im Leben, wenn nicht sogar alles, ist es eine Frage der Betrachtung. Wie viel Aufmerksamkeit wir den Details darin geben. Klingt ein bisschen wie ein schwülstiges Wand-Tattoo, aber da ist nun mal was dran.

Zwar laufen wir den immer selben Weg, aber wir machen dabei immer neue Erfahrungen. Mal regnet es in Strömen und mal scheint die Sonne so schön auf den Kanal, dass das Wasser glitzert. Mal riecht es aus dem Dönerladen nach gebratenem Fett und mal sehe ich ein Paar an der Ampel streiten. Mein zweijähriger Sohn freut sich über einen Hund, den er entdeckt, er zeigt auf Bäume und Vögel. Er sagt zum ersten Mal Auto. Ich explodiere vor Momenten.

Sich dieser Momente bewusst zu werden, ist wichtig. Das muss auch schon Astrid Lindgren gewusst haben, die Schöpferin von Pippi Langstrumpf, die begnadete Lektorin und schwedische Nationalheldin. Aber eben auch Astrid Lindgren, die ganz normale Mutter mit verdammten Milchstaus und kranken Kindern zuhause. Erschöpfung, ja viel davon und Zufriedenheit, mindestens genauso.

Die Vergänglichkeit ein kleines bisschen aufhalten

Schon lange war ich auf der Suche nach einer Möglichkeit, das Leben mit meinem Sohn festzuhalten. Eigentlich handelt mein ganzes Leben von den Momenten des Glücks und Unglücks und den Versuchen, sie festzuhalten. Schreiben, fotografieren, Eintrittskarten-Sammeln, so halte ich die Vergänglichkeit ein kleines bisschen auf. Die Tage konserviert wie ein Glas Marmelade.

Deswegen schmeißen die meisten Eltern auch das Namensschildchen aus dem Krankenhaus nicht weg oder laminieren aufwendig die erste Haarlocke. Wir wollen alle Marmelade machen. Nun schreibe ich gerne und packe in meine Gläser Worte und Zettel, denn das hat Tradition.

Schon als Kind klebte ich alles Mögliche in ein Sammelalbum. Eine Quittung aus der Bibliothek, eine Kinoeintrittskarte oder den Zettel meiner Mutter, auf dem steht, dass mein Essen in der Mikrowelle ist und sie mich lieb hat. Ich presste Blätter und schnitt meine Lieblingssendungen in der Fernsehzeitschrift aus. Die Freude am Sammeln und Basteln hält sich bis heute.

Ich beschloss den Beginn meines Logbuchs auf den 1.1.2020 zu legen und plante meine Dokumentation für ein Jahr. Wie bei Lindgren sollten meine Ereignisse vom Tag kurz zusammengefasst werden. Als Hommage an mein jüngeres Ich entschied ich, am Ende jeden Monats eine Collage aus Zetteln und Quittungen anzufertigen. Um an meinen Collagen besser arbeiten zu können, besuchte ich sogar einen Workshop für Collagen-Kunst.

Collage mit Queen aus dem Logbuch.
Foto: Privat.

Außerdem brachte ich mir mit Vorlagen aus einem Buch das Handlettering bei, wobei mein Schwung immer noch viel Übung bedarf. Außerdem schenkte mir mein Freund zu Weihnachten eine Polaroid-Kamera und auch diese Bilder nutze ich als Ergänzung. Alle paar Seiten schreibe ich längere Texte darüber, was unser Familienleben ausmacht. Es gibt das Kapitel „Ein typischer Sonntag“ und die Beschreibung unserer ollen Wohnung. Wir leben nämlich in friedlicher Co-Existenz mit einigen Spinnen.

Schon bald merkte ich, wie gut es mir tat, abends die Schublade mit dem Logbuch aufzuziehen. Woran erinnere ich mich vom Tag? Welcher Moment mit meinem Kind hat mich begeistert und welcher betrübt? Ein Ritual war geboren.

Ich berichtete auf Instagram über Lindgrens Idee und wie ich sie für mich umsetzen wollte. Sofort fanden sich andere Mütter, die sich mir anschlossen und wir tauschten uns leidenschaftlich über Notizbücher und Stifte aus. Ich zeigte ein paar meiner Auszüge und bekam Fotos mit den wunderschönsten Einträgen zurück. Mit der Zeit wurden wir ein kleiner virtueller Club. Der Club der schreibenden Mütter.

Die eigene Stimme zwischen all diesen kindlichen Bedürfnissen

Eine schrieb mir, sie schaffe es nicht täglich zu schreiben, sondern nur zweimal in der Woche, dafür sprudelten dann aber locker zehn Seiten aus ihr heraus. Ich persönlich mache lieber jeden Tag eine kurze Aufzeichnung. Denn zwischen Windelwechseln, Spielen, Füttern, Trösten, Verhandeln und wieder Trösten bleibt kaum Zeit für mich selbst. Umso schöner, kontinuierlich die eigene Stimme zu hören.

Ich schreibe am liebsten mit der Hand. Meine Handschrift ist Teil meiner Persönlichkeit, ein Selfie aus Buchstaben sozusagen. Es ist spannend, die auf Papier geschriebenen Sätze mit der digitalen Welt zu kombinieren. Der Beweis, dass beides nicht nur nebeneinander, sondern auch miteinander existieren kann. Ein Therapeut würde vermutlich sagen: Ich kompensiere. Na, das ist doch was!

Sprechenüben mit dem Kind. Und sich im Handlettering versuchen...
Foto: Privat

Seit ich das Logbuch begonnen habe, fällt mir auf, wie viel Schönheit in einem einzigen Tag liegen kann. Wenn mein Sohn leidenschaftlich eine Mandarine isst, dabei lächelt und sie hastig aufsaugt wie ich an manchen Tagen seine Stimmung, dann halte ich das abends fest und ahne da bereits, was es mir in 30 Jahren bedeuten könnte.

Im Januar war er sehr krank; auch das das habe ich aufgeschrieben und bei Instagram geteilt. „Ich weiß gar nicht, warum die bei ‚Game of Thrones‘ so rumheulen von wegen ‚winter is coming!‘Die hatten ja keine Ahnung von Kita-Viren“, kommentierte eine Leserin und half mir, meine Müdigkeit wegzulachen.

Denke ich an Lindgren und ihre Notiz vom 27. Mai: „Karin schrie am Muttertag ununterbrochen“, weiß ich weiß ich genau, wie sie sich gefühlt hat, wie anstrengend weinende Kinder sind und wie erlösend der erste gesunde, gute Morgen nach einer langen Krankheit sein kann.

Obwohl unsere Abläufe sich wiederholen, spüre ich, dass dennoch viel Neues passiert. Ich notiere, dass ich mich mit Peter gestritten habe. Wegen Wurst. Ein paar Tage später liegen wir zu dritt im Bett und kuscheln alle miteinander. Das ist mein Leben.

Logbuch schreiben - ein tröstendes Ritual 

Und zurzeit spielt mein Leben hinter Fenstern. So wie das vieler andere auch. Eigentlich wie das von allen weltweit. Die Corona-Krise hat unseren Alltag ausgehebelt, nichts ist mehr, wie es war. Ein paar meiner wichtigsten Aufträge sind weggefallen, die Kita ist immer noch geschlossen. Was mir abends Trost schenkt, in all der Trauer um die Situation, ist mein Logbuch.

Dort klebe ich nun Zeitungsartikel ein, mit der Absicht, mir selbst einen kleinen Überblick über die Lage zu verschaffen. Ich merke, was die Nachrichten mit uns als Familie machen, wie die Einschränkungen unseren Lebensradius noch kleiner werden lassen. Am 21. März schreibe ich: „Wir halten durch, wir halten durch, wir halten durch. Was bleibt uns auch anderes übrig?“.

Wenn ich mich weiter auf die kleinen Dinge in unserem Familienalltag konzentriere, so wie schon zu Beginn des Logbuchs, dann verliere ich die Angst vor der Seuche. Und natürlich ist der Austausch mit meinen Leserinnen genauso wichtig. Wir rücken virtuell noch näher zusammen, weil wir es draußen nicht mehr dürfen.

Collage mit Polaroid und Einkaufsliste
Foto: Privat

Vor ein paar Tagen postete ich ein Foto von meinem fast leeren Muji-Stift - das ist ein bestimmter Fineliner made in Japan. Prompt reagierte eine Leserin namens Alexandra, sie habe zwar kein Klopapier und kein Mehl mehr, dafür aber noch drei volle Muji-Stifte. Sie helfe mir gerne aus, damit ich mein Logbuch wie gewohnt weiterschreiben kann. Für meinen Sohn.

Mein Sohn, mit dem ich lerne, alles auf der Welt neugierig zur Kenntnis zu nehmen: Das rot-weiße Band, dass um die abgesperrten Spielplätze flattert, und die Schwäne auf dem Kanal, die vorbildlich 1,5 Meter Sicherheitsabstand halten. So bewahre ich mir nicht nur ein Stück Kindheit meines Sohnes, sondern auch ein Stück meiner Erfahrung als Mutter. Das Logbuch ist mein Archiv, mein Regal voller Marmeladengläser. Danke Astrid Lindgren für den kleinen Tipp.