Leider müssen Kitas Eltern darauf hinweisen: „Ein krankes Kind gehört nicht in die Kita“. 
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Ein krankes Kind gehört nicht in die Kita. Das ist ein Satz, dem jede Mutter, jeder Vater zustimmen würde. Es ist eine Selbstverständlichkeit. Trotzdem muss man Eltern offenbar extra darauf hinweisen. „Ein krankes Kind gehört nicht in die Kita“, steht auf dem Schild, das im Flur unserer Kita hängt. Und in jedem einzelnen Gruppenraum. Darauf sieht man ein Kind, das schwitzt und sich unwohl fühlt. Daneben ist aufgelistet, was „Kranksein“ bedeutet, offenbar gibt es da gelegentlich Missverständnisse: Fieber, juckender Ausschlag, eitrige Augen, Durchfall, Magenschmerzen, Übelkeit.

Kinder zugunsten der Karriere wegorganisieren

Eine Freundin schickte mir kürzlich einen Text aus einem Magazin, dessen Autorin die These aufstellte, dass der gesellschaftliche Konsens heute darin bestehe, Kinder zugunsten der Karriere wegzuorganisieren. „Das Kind muss weg“, hieß der Text. Ich blieb an einem Satz hängen: „In einem Kindergarten liegt ein Kind mit über 40 Grad Fieber neben der Erzieherin auf der Matratze und statt dass es zu Hause bleibt, landet es am nächsten Morgen wieder krank mit Medikamenten auf der Matratze.“

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Meine Freundin ist Erzieherin, hat viele Jahre in einer Kita gearbeitet. „Das ist bei uns auch passiert. Wir haben die Eltern angerufen, sie haben Ewigkeiten gebraucht, waren genervt. Am nächsten Tag war das Kind wieder da, ab Mittag wieder Fieber“, sagt sie. Es waren nicht nur Vollzeit-Eltern, die ihre Kinder krank in die Kita brachten. Auch Mütter, die tagsüber zu Hause waren, hätten ihre Kinder abgeliefert.

Neulich hing in der Kita ein neues Schild: „Aus aktuellem Anlass“, wie es hieß, wies die Leitung drauf hin, dass Erbrechen und Durchfall ernsthafte Symptome seien. Kinder, die darunter leiden, gehörten nach Hause und nicht in die Einrichtung. Wer seine Kinder trotzdem schicke, gefährde andere Kinder und das Personal. „Und bitte stiften Sie Ihre Kinder nicht zum Lügen an.“ Niemand würde das öffentlich zugeben, dass sie (oder er) seinem Kind schon einmal Fiebersaft gegeben hat, um es zu dopen, weil der Terminkalender so vollgestopft war. Das sagt man höchstens schamhaft abends beim Wein, unter Müttern.

Drei K.O.-Tage für Kinder wie bei Angestellten?

Warum denken offenbar viele, die Arbeit sei wichtiger als ein krankes Kind? Ich weiß, wie nervig es sein kann, wenn wieder alle Planungen über den Haufen geworfen werden. Wenn man einen Termin absagen und sich dumme Sprüche anhören muss („Haben Sie keinen Babysitter?“). Dann murrt man, hat ein schlechtes Gewissen – und bleibt zu Hause.

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Ich hätte Ideen, wie man es Eltern einfacher machen könnte, mit dem Kind zu Hause zu bleiben, Kleinigkeiten, die den Alltag vereinfachen würden, zum Beispiel, wenn es Gesundheitskarten für jedes Elternteil gebe, damit man nicht immer suchen muss, wer nun grad das Teil hat. Angestellte haben oft drei K.O.-Tage, bei denen man ohne Krankschreibung zu Hause bleiben kann. Warum gibt es das nicht auch bei kranken Kindern?

Für die Betreuung kranker Kinder braucht man eine Krankschreibung ab dem ersten Tag. Das Kinderkrankengeld zahlt die Krankenkasse – und ist oft geringer als das Gehalt. Warum gibt es keine volle Lohnfortzahlung? Das wären Verbesserungen, aber entscheiden muss am Ende jeder selbst. Und Kinder zum Lügen anzustiften, scheint mir generell keine gute Idee.

Sabine Rennefanz liest am 22. Januar um 20 Uhr im Pfefferberg Theater aus ihren Kolumnen.