Zwei Jungen, die sich ein Staffelholz übergeben. 

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Karlsruhe Swantje Scharenberg denkt hauptberuflich darüber nach, wie man gegen die Bewegungsarmut moderner Kindheiten kämpfen kann. Sie ist Professorin und leitet das Forschungszentrum für den Sport von Kindern und Jugendlichen in Karlsruhe.  Unser Gespräch findet leider im Sitzen und via Skype statt, – trotz den ernsten Themas lächelt Swantje Scharenberg gerne und oft. 

Frau Scharenberg, Kinder haben einen natürlichen Bewegungsdrang. Was können Eltern tun, um diesen zu fördern?

Kinder erobern sich ihre Welt durch ihre Bewegung, zumal sie das Sprechen ja erst später erlernen. Daher sollten vielfältige Bewegungsgelegenheiten geschaffen werden. Eltern haben da eine Vorbildfunktion. Wenn die den ganzen Tag nur auf der Couch sitzen, werden die Kinder das irgendwann kopieren. Lernen die Kinder durch ihre Eltern wiederum eine möglichst große Bewegungsvielfalt kennen, dann sind sie optimal auf ein gesundes Leben vorbereitet.

Inwiefern?

Die Sportwissenschaft sagt: Kinder brauchen eine vielfältige motorische Grundausbildung – spielerisch und freudebetont. So werden im Gehirn Spuren gebahnt, auf die ein Leben lang zugegriffen werden kann. Vielfältig deshalb, weil die Entwicklung und die Interessen nicht vorhersagbar sind und so sämtliche Optionen offengehalten werden. Ein interessegeleitetes Tun ist natürlich viel sinnvoller, als wenn ich das von außen aufgedrückt bekomme. Beobachtet euer Kind, sprecht mit ihm und lasst es Vieles erproben!

Stimmt es, dass Kinderturnen die beste Förderung ist?  

Ja, aber das hat nichts mit Schwebebalken oder Barren zu tun. Kinderturnen bedeutet, die Grundtätigkeiten des Bewegens kennenzulernen: Klettern, Hangeln, Stützen, Rollen, Werfen, Fangen etc. An circa 60 Standorten in Deutschland gibt es so genannte Kindersportschulen (KiSS). Hier können die Kinder eine vielfältige motorische Grundausbildung erlangen und viele Sportarten ausprobieren: Sportspiele, Klettern, Schwimmen, manchmal auch Tennis oder Reiten. Die Kinder können dabei zwischen ganz vielen Angeboten hin- und herhüpfen und dadurch feststellen, was ihnen Freude bereitet.

Gibt es denn Sportarten, die Sie besonders sinnvoll finden?

Sportarten, bei denen die Bewegungsvielfalt größer ist als bei anderen: Beim Geräteturnen gibt es beispielsweise eine sehr starke körperliche Beanspruchung in allen möglichen Muskeln. Das Schwimmen wiederum bietet eine zyklische, immer wiederkehrende Bewegung, die die Ausdauer schult und bis ins hohe Alter ausgeübt werden kann. Diese naturnahe Sportart gehört fast schon zu den Alltagsbewegungen – und ich persönlich finde es sehr wichtig, dass Menschen schon im Kindesalter mit dem Element Wasser vertraut werden und auch die Gefahren richtig einschätzen können.

Aber die perfekte Kindersportart gibt es nicht, oder?

Bei jeder Sportart gibt es ein Für und Wider. Deswegen ist die bereits erwähnte vielseitige motorische Grundausbildung sinnvoll – gerade, weil sich Kinder im Alter zwischen sechs und zwölf Jahren besonders schnell entwickeln, in dieser Phase viel Kraft, Schnelligkeit, Ausdauer und Koordinationsfähigkeit entwickeln. Dabei befeuern sich die motorische Entwicklung und die Entwicklung des Gehirns gegenseitig.

Was lernen die Kinder denn in der Grundschule?

In der Grundschule wird Sport leider zu 80 Prozent von Lehrerinnen und Lehrern unterrichtet, die das Fach gar nicht studiert haben. Das liegt am Ein-Lehrer-Prinzip, das in Deutschland immer noch praktiziert wird: In der Grundschule gibt es für die Kinder nur eine einzige Bezugsperson. Das bedeutet motorisch aber: In einem Alter, in dem die Kinder ungeheuer viel lernen könnten, wird durch Unkenntnis viel Bewegungspotenzial verschenkt. Deshalb sollte es mehr AGs geben und Kooperationen mit Vereinen, die mehr Bewegung in die Grundschule bringen.

Sollten Eltern ihre Kinder auch außerhalb der Schule fördern?

Auf jeden Fall. Denn die Grundschule allein kann den Bewegungshunger der Kinder nicht stillen.

Foto: privat
Zur Person

Swantje Scharenberg, 1965 geboren, ist Sportwissenschaftlerin und Sporthistorikerin. Sie habilitierte am KIT und leitet heute das Forschungszentrum für Schulsport und den Sport von Kindern und Jugendlichen in Karlsruhe. Ziel ihrer Arbeit ist es, Impulse für die Ausbildung von Sportlehrern zu geben sowie gegen die Bewegungsarmut moderner Kindheiten zu kämpfen.

Muss die Sportart zur Persönlichkeit des Kindes passen? Wenn mein Kind gerne rauft, dann wähle ich einen Kampfsport?

Der Sportprofessor Reinhard Stelter sagte: „Du bist wie dein Sport.“ Denn einerseits suche ich mir eine Sportart, die mich motiviert, andererseits werde ich durch diese Sportart dann geprägt. Aber wenn ich diese These auf den Fußball übertrage: Haben Stürmer und Torhüter die gleiche Persönlichkeit? Wohl kaum. Trotzdem wird Teamfähigkeit durch Fußball sicherlich mehr gefördert als durch Radfahren. Und auch Aktivierung, auf Befehle konzentriert zu sein – so wie bei einem Wettkampf – das lernt man natürlich vor allem bei Wettkampfsportarten.  

Ist organisierter Sport immer sinnvoll oder reicht es auch, wenn man mit seinem Kind selbst ein bisschen spielerisch Sport treibt?

80 Prozent der deutschen Kinder sind bis zum 10. Lebensjahr als Mitglied in einem Sportverein angemeldet. Aber es gibt eine Studie vom Robert Koch Institut, die zeigt, dass Kinder heute motorisch ungeschickter sind als früher. Im Laufe einer 45-minütigen Sportstunde in der Schule bewegen sich die Kinder gerade mal 24 Minuten. Und die 60 Minuten, die sich Kinder laut Weltgesundheitsorganisation eigentlich jeden Tag bewegen sollten, schaffen gerade mal 18 Prozent der deutschen Kinder. Um diese 60 Minuten zu erreichen, braucht es nicht zwangsläufig organisierten Sport, aber es braucht Anreize. Da sind die Eltern gefragt. Auch durch die aktive Bewältigung des Schulwegs – zu Fuß oder mit dem Fahrrad – werden die Kinder dazu erzogen, dass Bewegung zum Alltag gehört.

Warum gibt es unter den Kindern heute so viele Bewegungsmuffel?

Ein Grund sind die Ganztagsschulen und die Tatsache, dass sich die Sitz-Zeit der Kinder so verlängert hat. Auch der Medienkonsum geschieht im Sitzen. Möglicherweise sollten wie uns eingestehen, dass der Verein von früher ausgedient hat und überlegen, wie wir Smartphones nutzen können, um mehr körperliche Aktivität herauszufordern. Die gesellschaftlichen Bedingungen, die wir haben, müssen wir nutzen, um gesundheitsbewusst zu leben. Das bedeutet, dass wir über andere Organisationsformen nachdenken müssen: Weniger Frontalunterricht, mehr Gruppenarbeit, mehr Versuche, manches im Laufen zu lernen – selbst in „normalen“ Deutsch- oder Mathestunden. In manchen Klassenräumen stehen Ergometer, die von Kindern während des Unterrichts genutzt werden dürfen.

Gibt es bei der Sportförderung von Kindern Dinge, die man falsch machen kann? Oder die häufig falsch gemacht werden?

Eine frühe Spezialisierung auf eine Sportart ist eher negativ, weil diese Einseitigkeit auch negativen Einfluss auf die Muskulatur haben kann. Auch alles, was erzwungen ist, ist falsch. Lasst dem Kind Freiräume! Es sollte die Chance haben, sich auszuprobieren.

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