Kinderarzt Jakob Maske: Auf keinen Fall eine Impfpflicht für Kinder

Die Angst vor Corona bei Kindern ist irrational, sagt Maske. Es gebe in Deutschland im Grunde keine schweren Covid-Verläufe bei Kindern und Jugendlichen.

Jakob Maske ist Kinderarzt und Sprecher des Bundesverbands der Kinder- und Jugendärzte.
Jakob Maske ist Kinderarzt und Sprecher des Bundesverbands der Kinder- und Jugendärzte.Volkmar Otto

Ein volles Wartezimmer in Berlin Schöneberg. Kinder und ihre Eltern warten darauf, dass Jakob Maske sich für sie Zeit nimmt. Er ist Kinderarzt und Sprecher des Bundesverbands der Kinder- und Jugendärzte (bvkj). In einer Behandlungspause nimmt er sein Mobiltelefon, um der Berliner Zeitung zu schildern, wie er die jüngste Stiko-Empfehlung aufnimmt.

Von vielen sehnlichst erwartet, hat die Stiko am Donnerstag die Corona-Impfung für Kinder zwischen fünf und elf Jahren empfohlen – allerdings mit Einschränkung. Die Empfehlung gilt zunächst nur für Kinder mit Vorerkrankungen und Kontakt zu Risikopatienten. Finden Sie die Einschränkung richtig?

Natürlich wäre es erfreulich gewesen, wenn die Stiko schon eine Empfehlung für alle Kinder gegeben hätte. Aber ich finde es wichtig, dass sich die Kommission nicht von der Politik unter Druck setzen lässt. Die Datenlage ist anscheinend noch nicht ausreichend. Und dann warten wir lieber noch ein paar Wochen, bevor wir allen Eltern eine wirklich sichere Impfung anbieten können.

Werden Sie jetzt anfangen, in Ihrer eigenen Praxis Kinder unter zwölf Jahren zu impfen?

Wir haben noch gar keinen Impfstoff! Erst hieß es, dass wir ihn am 20. November bekommen, am 30. November, am 16. Dezember. Wir sind in der Schwebe, nichts Genaues weiß man nicht. Aber auch wenn wir den Impfstoff schon hätten, steht unsere Praxis für eine Flächenimpfung von gesunden Kindern nicht zur Verfügung, solange die Stiko noch keine finale Empfehlung erteilt. Dafür bestünde nicht der nötige Handlungsdruck, da Kinder und Jugendliche im Grunde fast keine schweren Corona-Verläufe erleben.

Also werden Sie zunächst nur Kinder impfen, die eine medizinische Indikation haben?

Es gibt noch andere gute Gründe, die in individuellen Fällen dafür sprechen, Kinder zu impfen.

Welche denn zum Beispiel?

Soziale Gründe. Also nehmen Sie den Fall eines Kindes, das nicht mehr in die Schule gehen darf, weil die Eltern panische Angst haben, ihr Nachwuchs könnte sich anstecken und dann furchtbar unter Corona leiden. Diese Angst ist irrational. Aber manche Menschen sind in ihrem Handeln nun einmal irrational, und ich muss als Arzt damit umgehen. Also würde ich in diesem Fall das Kind impfen, damit es wieder in die Schule gehen darf und nicht länger unter dem Mangel an sozialen Kontakten leidet. Oder stellen Sie sich Kinder vor, die ihre schwerstkranken Großeltern besuchen wollen und den Eindruck haben: Dieser Besuch könnte der letzte sein, bevor sie sterben. Auch in solche Fällen würde ich natürlich impfen.

Kennen Sie Kollegen, die Off-Label-Impfungen vornehmen – und ohne den zugelassenen Kinder-Impfstoff von Biontech einfach ein Drittel der Erwachsenen-Dosis an Kinder verabreichen?

Nein, in meinem persönlichen Umkreis kenne ich niemanden. Aber es gibt durchaus welche, die sich über das Internet-Portal u12schutz.de organisieren und ihre Dienste anbieten. Aber ich glaube, die sind bisher nicht sehr presseaffin.

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Privat
Zur Person
Jakob Maske ist Kinderarzt und betreibt mit zwei Kollegen eine Praxis in Berlin-Schöneberg. Außerdem ist er Sprecher des Bundesverbandes der Kinder- und Jugendärzte (bvkj), einem mächtigen Verband mit ca. 12.000 Mitgliedern. In den vergangenen Lockdowns hatte der Verband eindringlich vor den negativen Folgen der Schulschließungen gewarnt.

Sie selbst haben bisher noch keine Off-Label-Impfungen durchgeführt?

Ich habe es versucht zu vermeiden. Und das ist fast immer gelungen.

Und in den Fällen, in welchen es Ihnen nicht gelungen ist, haben Sie da auch ein Drittel des Erwachsenen-Impfstoffs von Biontech verwendet?

Ja, aber nur in zwei Fällen – was nicht viel ist für eine Praxis unserer Größe, in der zwei bis drei Ärzte beschäftigt sind.

In den USA wurden seit Anfang November mindestens 2,6 Millionen Kinder unter zwölf Jahren geimpft – und bisher hat man dort keine ernsthaften und unerwünschten Nebenwirkungen feststellen können. Warum spricht die Stiko trotzdem davon, dass die Datenlage nicht ausreicht?

2,6 Millionen ist keine große Zahl, wenn man auf der Suche nach seltenen Nebenwirkungen ist. Die Fälle von Hirnvenenthrombose, die bei Astrazeneca vereinzelt auftreten können, hat man auch erst nach 20 Millionen Impfungen entdeckt.

Die Herzmuskelentzündung ist die einzige ernsthafte Nebenwirkung, die bei Jugendlichen zwischen zwölf und 17 Jahren auftreten kann. Mit welcher Häufigkeit tut sie das?

Bei Jungen mit einer Häufigkeit von 1:168.000 und bei Mädchen in einer Häufigkeit von 1:1,1 Millionen – also wirklich selten. Und bisher sind diese Entzündungen gut ausgeheilt.

Die ersten Analysen aus den USA legen nahe, dass es bei den jüngeren Kindern keine oder noch einmal deutlich weniger Fälle von Herzmuskelentzündung gibt.

Das stimmt. Aber es ist noch zu früh, um das medizinisch abschließend zu beurteilen. Aber wir sind ja nicht in Eile. Da es in Deutschland im Grunde keine schweren Covid-Verläufe bei Kindern und Jugendlichen gibt.

Aber eine rasche Impfung der Kinder könnte die Gefahr verringern, dass man in der Politik wieder findet, die Schulen müssten geschlossen werden.

Wir sollten diese beiden Fragen trennen. Auf keinen Fall sollten wir Kinder für den Gesundheitsschutz von Erwachsenen heranziehen. Das haben wir schon lange genug getan. Und mit katastrophalen Folgen: Durch die Schulschließungen haben sie massive psychische Schäden davongetragen. Deshalb dürfen wir nicht zulassen, dass die Schulen erneut geschlossen werden. Stattdessen müssen wir darauf dringen, dass die Erwachsenen sich impfen lassen. Ich bin ein großer Fan der Impfpflicht für Erwachsene. Und zum Glück hat sich unser Verband auch ganz klar dafür ausgesprochen.

Eine Impfpflicht für Kinder würden Sie aber nicht befürworten?

Auf keinen Fall. Denn hier ist die Risiko-Nutzen-Abwägung eine ganz andere.