In die Kita trotz chronischem Asthma? Tausende Berliner Familien stehen momentan vor schwierigen Abwägungen.
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BerlinDas Berliner Kitabündnis fordert die Senatsschulverwaltung auf, endlich Lösungen für Familien zu präsentieren, die ihre Kinder nicht in die Kita schicken, weil sie selbst, Eltern oder Geschwister zur Corona-Risikogruppe gehören. Bislang müssen diese Eltern, kurz formuliert, selbst sehen, wo sie bleiben. Denn finanzielle Hilfen für eine private Betreuung sind nicht vorgesehen, wenn das Kind eigentlich einen Kitaplatz hat. 

Dagegen protestiert das Kitabündnis. „Auch für diese Kinder gilt uneingeschränkt der Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz“, betonte der 2008 gegründete Zusammenschluss aus Eltern, Kitaträgern, Verbänden und Gewerkschaften. „Inklusion darf nicht nur in ‚normalen‘ Zeiten ein wichtiges Ziel für alle Verantwortlichen sein, sondern ist auch dann zu garantieren, wenn die Gruppe betroffener Kinder und Familien kleiner ist und die Umstände außergewöhnlich sind.“ 

Ein Problem: Wie groß die Zahl der betroffenen Kinder ist, weiß keiner. Die Vorsitzende des Landeselternausschusses Kita Corinna Balkow, ebenfalls Teil des Bündnisses, vermutet aufgrund einer von ihr durchgeführten Umfrage, dass fünf bis zehn Prozent der Familien in Berlin ihre Kleinen momentan nicht in die Kita schicken. Fünf Prozent, das wären bei 170.000 Kitakindern schon 8500 Kinder – mögliche Geschwisterkinder, die ebenfalls die Kita besuchen, noch nicht eingerechnet. Auch die Familienverwaltung von Sandra Scheeres (SPD) kann zur Zahl der betroffenen Kinder keine Auskunft geben. Sie ist momentan auch noch nicht dabei, die Risikofamilien zu zählen, sondern laut Auskunft einer Sprecherin noch mit der Prüfung beschäftigt, wie diese Zahl überhaupt datenschutzkonform erhoben werden könnte.

Das Kitabündnis fordert von der Verwaltung aber nicht nur die Erhebung dieser Zahl, sondern auch, zu verhindern, dass die betroffenen Kinder aus den Kitas „verdrängt“ werden, weil sie ihren Platz nicht in Anspruch nehmen. Die Initiative schlägt die Einrichtung von neuen Tagespflegestellen speziell für Risikokinder und die Bildung von festen Gruppen vor, möglicherweise einrichtungs- oder sogar trägerübergreifend, extra für Risikokinder. Die Familienzentren könnten feste Spielgruppenkreise einrichten. Doch die wichtigste Forderung ist eine Finanzierung von Betreuung durch Dritte – nach dem Vorbild der „Nannypauschale“, die Familien bekommen, wenn sie keinen Kita- oder Tagespflegeplatz ergattern konnten.

Die wichtigste Forderung ist auch die potentiell teuerste. Das weiß auch die Verwaltung, die deshalb am Dienstag auf Anfrage sicherheitshalber darauf hinwies, dass der Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz aus Sicht des Landes auch dann als erfüllt gilt, wenn er aus gesundheitlichen Gründen nicht in Anspruch genommen werden kann. Dennoch sei „dies alles weniger eine juristische Frage“, sagte die Sprecherin. „Uns geht es in diesem Zusammenhang vor allem darum, für betroffene Familien eine Lösung zu finden.“ Fragt man nach, fällt allerdings sehr schnell das Wort „Einzelfall-Lösungen“. Übersetzt heißt das, Familien und Kitaleitungen sollen solche Probleme unter sich ausmachen.

Laut Senatsverwaltung seien die Fälle jeweils zu unterschiedlich gelagert, um allgemeinere Regelungen zu treffen. „Kann das Kind überhaupt in einer Gruppe betreut werden? Wenn ja, ist dies vor Ort in der Kita möglich? Wie streng muss die Isolierung oder Quarantäne sein? Dürfen Personen von außen in die Haushalte kommen? Wie weit dürfen die Wege zu einer Einrichtung sein? Wie werden diese bewältigt?“, zählte die Sprecherin einige der Fragen auf, die in jedem Einzelfall aufträten.

Corinna Balkow würde es allerdings schon reichen, wenn überhaupt mal an diese Familien gedacht würde: „Seit Beginn der Pandemie weisen wir auf die Notlage der Risikofamilien hin, aber aus der Senatsschulverwaltung kommt dazu einfach nichts“, kritisiert sie. Und egal, wie unterschiedlich die Fälle gelagert sein mögen, es gibt mit Sicherheit derzeit mehrere Tausende Haushalte in Berlin, die vor der Wahl stehen: Entweder ihre Kinder in die Kita schicken und das Risiko in Kauf nehmen. Oder empfindliche finanzielle Einbußen akzeptieren, weil entweder eine private Betreuung organisiert werden muss oder ein Elternteil nicht mehr voll berufstätig sein kann – eine Option, die gerade ärmeren Familien von vornherein nicht offen steht.

„Ich weiß von vielen Familien, die ihre Kinder in die Kita schicken, obwohl es für ein Familienmitglied zu Hause eigentlich zu gefährlich ist“, sagte Balkow der Berliner Zeitung – weil sie es sich nicht leisten können oder weil ihre Kinderkrankentage aufgebraucht sind. Die will die Bundesregierung zwar aufstocken, allerdings nur von zehn auf 15 pro Kopf für Paare und von 20 auf 30 im Jahr für Alleinerziehende. Balkow winkt ab: „Wenn mein Kind chronisches Asthma hat und deshalb zu Hause bleiben muss, ist das ein Tropfen auf dem heißen Stein.“ Weiterhin ungeklärt sind auch die Rechte von Eltern gegenüber ihrem Arbeitgeber, wenn ihre Kinder wegen Kontakts zu einem Ansteckungsfall in Quarantäne oder Isolation müssen – krank sind sie ja dann nicht.

Auch hier muss derzeit alles individuell ausgehandelt werden – genau wie die Umstände, unter denen Risikogruppenkinder vielleicht doch von der Kita betreut werden. Stefanie Schubert ist Geschäftsführerin der „Spieltraum“-Kitas und im Vorstand des Verbands der Kleinen und Mittelgroßen Kitaträger (VKMK) und heilfroh, dass in ihren Einrichtungen nur zwei Kinder von zu Hause aus versorgt werden müssen, weil sie gefährdete Eltern haben. Beide nehmen einmal pro Woche per Zoom am Morgenkreis teil, und eins wird von einer Erzieherin zu Hause besucht – vom Hof aus.

Im anderen Fall habe sich die ganze Kita umorganisiert, damit das Kind einmal die Woche, wenn der Vater im Spätdienst sei, vormittags seine Freunde auf dem Spielplatz treffen könne, erzählt Schubert. „Aber wenn das mehr wären, wäre auch ganz schnell wieder Schluss mit solchen Extra-Angeboten“, sagte Schubert, „spätestens, wenn die erste Erkältungswelle kommt und auch Erzieherinnen wieder ausfallen.“ Eine Betreuung für Risikokinder, deren Eltern Vollzeit arbeiten müssen oder wollen, aus den bestehenden Mitteln und Strukturen der Kitas? „Ausgeschlossen“, sagt Schubert.