Der kleine Distelfalter in unserem Garten.
Foto: privat

BerlinEs war an einem Tag kurz nach den Osterferien. Wir standen frühmorgens auf dem Schulhof. Vor dem Klassenzimmer hatte sich eine Schlange aus wartenden Eltern gebildet. Die Grundschullehrerin Frau Breüer stand am Fenster, hatte ihre selbst genähte Maske aufgesetzt und reichte uns eine durchsichtige Dose. In dieser Dose regte sich die kleine Raupe eines Distelfalters, gebettet auf einen Teppich aus zerkleinerten Nährstoffen.

Unsere Tochter war schon am Abend zuvor sehr aufgeregt gewesen und am Morgen aufgewacht mit dem Gedanken: Heute bekomme ich zum ersten Mal ein Lebewesen! Sie trug die Dose mit zärtlichen Händen nach Hause, betrachtete die Raupe durch eine Lupe, sah die feinen gelben Streifen auf dem dunkelbraunen Rumpf, sah, wie dieser sich langsam streckte und wieder zusammenzog.

Sie schrieb in ihr Schmetterlings-Tagebuch: „Als ich die Raupe im Becher sah, habe ich sofort an die beiden Wörter kreuchen und fleuchen gedacht und beschlossen, dass ich sie Kreuchifleuchi nennen werde. Und als ich das mit dem Namen noch mal durchdacht habe, hat Kreuchifleuchi sich kurz hingelegt, und als ich genauer hingesehen habe, sah es aus wie ein J wie Ja, als würde ihr der Name gefallen.“

Aber ach, am nächsten Morgen bewegte Kreuchifleuchi sich nicht mehr. Wir hatten Luftlöcher in den Deckel gestochen, aber waren die Löcher auch groß genug? Vielleicht hatte die Raupe nicht genug Luft bekommen und war erstickt. Wir umarmten uns, fühlten uns schuldig. Aber noch hofften wir – prüften wieder und wieder, ob Kreuchifleuchi sich bewegte. Doch sie lag reglos in der Dose.

Wir schrieben der Lehrerin, die uns tröstete und sagte, sie hätte noch eine andere Raupe, die sie uns schenken könnte. Doch Kreuchifleuchi einfach ersetzen, ging das? Unsere Tochter schlich mit traurigen Augen durch das Haus.

Doch am nächsten Tag notierte sie in ihrem Tagebuch: „Ich dachte lange Zeit, dass meine Raupe tot sei, doch heute Morgen wollte ich sie beerdigen, aber als ich den Behälter schüttelte, da geschah etwas Wunderbares. Die Raupe erwachte, und ich war so froh, dass ich sofort zu Mama gestürzt bin und es ihr erzählt habe.“ Nach ihrem Drei-Tage-Schlaf hatte Kreuchifleuchi plötzlich großen Hunger. Wir schrieben an Frau Breüer, die uns erleichtert antwortete: „Oh wie schön, eine Wunderheilung!“

In den nächsten Tagen sahen wir zu, wie die Raupe fraß und fraß und fraß, langsam dicker und länger wurde. Sie fing auch an, sich eine Art silbernes Sonnensegel zu spinnen, das ihr Schutz bot. Schließlich kroch sie nach oben und heftete sich an das Papiertuch, das wir zwischen den Deckel und den Dosenrand geklemmt hatten. Der Prozess der Verpuppung begann. Der Raupe verschwand im Kokon. 

Wir bauten einen Flugkäfig aus einem Umzugskarton und einem Fliegennetz, das es für 1,40 Euro in einer Drogerie zu kaufen gab. Wir errichteten ein Zelt aus gelbem Tonpapier und sahen ein Video von Frau Breüer, wie man das Tuch mit dem Kokon am Dach dieses Zeltes befestigen konnte. Dann warteten wir.

Unsere Tochter fand einen neuen Namen. In Erwartung der Verwandlung sprach sie jetzt nur noch von „Blütentänzerin“. In der Zwischenzeit füllte sie gewissenhaft ihre Arbeitsblätter in Sachkunde aus: Beschriftete die einzelnen Körperteile des Schmetterlings, las über Pflanzen, die ihm als Nahrung dienen, durfte dazulernen, dass Schmetterlinge den Nektar schon mit ihren Füßen schmecken.

Am vergangenen Wochenende war es dann so weit: Als wir von einem Spaziergang zurückkamen, war Blütentänzerin geschlüpft und saß – noch etwas erschöpft – auf dem gelben Zelt.  Unsere Tochter schnitt Kiwi- und Apfelscheiben und schob sie durch einen Schlitz in den Käfig.

Wir stellten ihn ans offene Fenster. Schon mit der Aussicht auf das, was der Sommer für ihn bereithalten würde. Drei Tage war der Distelfalter bei uns zu Gast. Von der Seite wirkte er wie mit dem Schwarz-Weiß-Film fotografiert. Von oben sah man das lodernde Orange auf seinen Flügeln.

Kurz vor dem Losfliegen: Unser Schmetterling stärkt sich mit dem Nektar einer Gänsedistel.
Foto: privat

Gestern haben wir ihn freigelassen. Unsere Tochter schlüpfte barfuß in ihre Gummistiefel und trug den Käfig hinunter in den Garten. „Blütentänzerin!“ – flötete unser Sohn mit der Ironie des Dreizehnjährigen. Doch dieses Schauspiel wollte er sich nicht entgehen lassen. Zusammen rissen wir das Fliegennetz vom Karton. Der Distelfalter hockte noch eine Weile benommen in seinem Innern. Dann wagte er ein paar Flügelschläge und saß vor uns im Gras. Die Kinder sammelten Löwenzahn und Gänsedistel für ihn. Und wirklich, er tauchte seinen feinen Rüssel in die Blüten, trank und stärkte sich.

Nach einer langen Viertelstunde flog er los. Und plötzlich war die Lockerung der Quarantäne überall zu spüren.