Bei der Hochschul-Lehre kommt es auf eine Mischung aus Kontinuität und Experiment an.
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BerlinEin Vorurteil geht um. Es besagt, dass die Lehre an deutschen Hochschulen vernachlässigt werde. Für Jahrzehnte war dieser Befund zutreffend. Heute aber wäre er allzu vereinfachend und pauschal. Viel hat sich getan im Bereich des akademischen Unterrichts.

Rückenwind gab es durch den Qualitätspakt Lehre, der vom Bund aufgelegt wurde. Seit 2011 flossen rund zwei Milliarden Euro in dieses Programm. Es diente dem Aufbau innovativer Formate der Lehrqualifizierung, dem Einsatz digitaler Techniken im Unterricht, der Etablierung von Orientierungskursen und einer verbesserten Betreuung.

Inspirationen durch innovative Ideen sind notwendig

Im Juni 2019 wurde das Nachfolgeprogramm „Innovation in der Hochschullehre“ beschlossen, das 2021 startet. Kritisch anzumerken bleibt, dass sein jährliches Fördervolumen von maximal 150 Millionen Euro eine 25-prozentige Kürzung gegenüber dem auslaufenden Qualitätspakt bedeutet. Positiv ist dagegen die langfristige Förderung, die für Nachhaltigkeit sorgt.

Die gemeinsame Wissenschaftskonferenz des Bundes und der Länder (GWK) entschied am 6. Dezember auf der Grundlage von fünf Bewerbungen, dass die Alfred-Toepfer-Stiftung als Trägereinrichtung die Administration des neuen Programms übernimmt. Zu ihren Aufgaben wird die Durchführung von Wettbewerben zur Erprobung neuer Unterrichtsformate gehören.

Daneben soll eine Plattform für den Erfahrungsaustausch geschaffen und ein wissenschaftlicher Beirat eingerichtet werden, der aktuelle Standards der Forschung zur Hochschullehre diskutiert. Im Idealfall erfährt das Förderprogramm auf diese Weise die nötigen Inspirationen durch innovative Ideen im Bereich akademischer Lehre.

Wie sieht eine gute Lehre aus?

Genau das ist auch nötig, wenn man nicht beim Status quo stehenbleiben möchte. Zum Kulturwandel, der sich seit einigen Jahren vollzieht, gehört die Frage, wie die Lehre weiter aufgewertet werden kann.

Noch immer zählt bei akademischen Karrieren die Forschungsleistung mehr als das, was Bewerber im Bereich des Unterrichts leisten. Dies kann sich nur ändern, wenn die Lehrqualifizierung an allen Hochschulen ein tragendes Element der akademischen Laufbahn wird. Weiterbildende Kurse zur wissenschaftlichen Lehrtätigkeit müssen verbindlich für alle Karrierestufen sein.

Wichtig ist zu klären, was anspruchsvoller Unterricht im hochschulischen Bereich wirklich bedeutet. Es wäre falsch, den Innovationsbegriff der Forschung auf die Lehre zu übertragen. Gute Lehre besteht nicht aus permanenten Neuerungen und Innovationsschüben. Entscheidend ist die richtige Mischung aus Kontinuität und Experiment, ohne die Veränderungen nicht abgesichert werden können.

Innovationen erhöhen im Normalfall die Kosten

Aus diesem Grundsatz lassen sich zwei wichtige Folgerungen für die Zukunft der Lehre ableiten. Erstens: Es wäre gefährlich, allein auf den treibenden Faktor der Digitalisierung zu setzen. An Hochschulen können Online-Kurse die Präsenzlehre ergänzen, aber niemals komplett ersetzen. Gute Lehre stützt sich auf persönliche Wirkung und individuellen Austausch – beides darf nicht einem rein technischen Begriff des Unterrichts geopfert werden.

Zweitens: Wer Innovationen im Lehrsystem verankern will, benötigt regelmäßig zusätzliches Geld. Innovationen in der Lehre unterscheiden sich von denen des industriellen Systems dadurch, dass sie Kosten nicht senken, sondern häufig erhöhen. Das muss jeder wissen, der besseren Unterricht an unseren Hochschulen fordert.