„Nicht hinnehmbar“: Berliner Grundschüler im Bildungstrend

Fast die Hälfte der Schüler erreicht nicht den Mindeststandard in Rechtschreibung. Sie bezahlen für die Nachlässigkeit der Berliner Schulpolitik mit ihren Chancen.

Lehrerinnen und Lehrer fühlen sich in Berlin mit der Anzahl an Schülern pro Klasse überfordert. Am Dienstag streikten sie erneut. Am Tag zuvor waren verheerende Daten über die Kompetenzen der Berliner Grundschüler bekannt geworden.
Lehrerinnen und Lehrer fühlen sich in Berlin mit der Anzahl an Schülern pro Klasse überfordert. Am Dienstag streikten sie erneut. Am Tag zuvor waren verheerende Daten über die Kompetenzen der Berliner Grundschüler bekannt geworden.dpa/Paul Zinken

Als „besorgniserregendes Bild“ bezeichnen die Autoren der IQB-Bildungstrendstudie 2021 ihr Ergebnis im Fazit. Jeder vierte deutsche Viertklässler hat Probleme mit der Rechtschreibung, jeder fünfte mit Lesen und Rechnen. Erfasst wurden die Kompetenzen in den Fächern Deutsch und Mathematik.

Für die Ergebnisse Berlins passt eher die Kategorisierung, die die Wissenschaftler ein paar Zeilen weiter vornehmen: „nicht hinnehmbar“. Fast ein Drittel der Schüler erreicht hier nicht den Mindeststandard im Lesen. Noch erschütternder fällt die Bilanz bei der Rechtschreibung aus: Beinahe die Hälfte der Schülerinnen und Schüler erreichte hier nicht den Mindeststandard. In der Orthografie sind wir Berliner bundesweit Schlusslicht.

Die schlechten Ergebnisse in Berlin waren erwartbar

Leider sind die dramatischen Ergebnisse der Hauptstadt vor allem eines: nicht überraschend. Dass Corona uns abgeschlagen hätte, kann keine Entschuldigung sein. Denn Hamburg hat es geschafft, sein Ergebnis von vor fünf Jahren trotz Corona zu halten. Wenn Bildungssenatorin Astrid-Sabine Busse (SPD) sagt, dass die Ergebnisse zeigen, „wie wichtig Präsenzunterricht ist“, klingt das eher wie ein schlechter Scherz. Die Ergebnisse zeigen doch vor allem eines: dass die Berliner Schulpolitik seit Jahrzehnten Bildungsverlierer produziert. Denn nichts anderes bedeuten diese verheerenden Zahlen zu einem für den späteren Lebensweg entscheidenden Zeitpunkt.

Eine der entscheidenden Ursachen: Viele Kinder kommen in die Schule, ohne richtig Deutsch zu sprechen. Denn die eigentlich verpflichtenden Sprachstandserhebungen in der Vorschule werden nicht eingehalten, und die sprachliche Förderung, die gegebenenfalls folgen sollte, wird nicht umgesetzt. Mit dieser Nachlässigkeit nimmt man nicht nur ihnen, sondern auch dem Rest der Klasse, der durch die zusätzliche Arbeit für die häufig quereingestiegenen Grundschullehrkräfte ebenfalls ausgebremst wird, die Chancen auf eine erfolgreiche Zukunft.

Die Lehrer streiken schon wieder für kleinere Klassen

Als wäre das alles nicht schlimm genug, lassen wir zu, dass jedes Jahr Hunderte Lehrkräfte aufgrund der schlechten Arbeitsbedingungen nach Brandenburg oder in andere Bundesländer abwandern. Zwar ist man inzwischen zumindest etwas zur Vernunft gekommen und verbeamtet Lehrkräfte wieder. Aber diejenigen, die uns nun fehlen, kommen auf absehbare Zeit nicht zurück.

Wie gewaltig der Lehrermangel inzwischen ist, zeigt, dass am Dienstag schon zum fünften Mal in diesem Schuljahr Tausende Lehrkräfte auf den Berliner Straßen für kleinere Klassen streikten. Wie nahe am Burn-out stehende Lehrkräfte die schon lädierte Bildungsbiografie jedes zweiten Schülers mit Rechtschreibung unter dem Mindeststandard geradebiegen sollen, kann man sich nicht vorstellen. Leider gewinnt man eher den Eindruck, dass das Kind bereits in den tiefen Berliner Bildungsbrunnen gefallen ist. Und das Seil, das ihm der Senat zuwirft, ist zu kurz.