„Sachlichkeit muss von Herzen kommen“, sagt Mark Benecke.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

BerlinEr redet über Forensik wie übers Wetter und ist von Kopf bis Fuß tätowiert. Der Kriminalbiologe, Autor und Radiokolumnist Mark Benecke hat Spurensuche populär gemacht: Insekten auf Leichen sind sein Spezialgebiet. Sein Interesse für Kriminalfälle führte ihn unter anderem nach Kolumbien in die Zelle des 140-fachen Kindermörders Garavito und nach Moskau, wo er Hitlers Schädel untersuchte. Über seine Fälle hat der Kölner zahlreiche Bücher veröffentlicht, zuletzt die Autobiografie „Mein Leben nach dem Tod“. Zum Interview verabreden wir uns im Naturkundemuseum Berlin. Dort ist Benecke Pate einer Mückenart, der Bibio marci, die zu Deutsch Markusfliege heißt. Kurz vorm Gespräch steht er mit einer früheren kolumbianischen Studentin in der Saurierhalle und dreht ein Video für seinen Facebook-Kanal. Während des Interviews arbeitet seine Frau neben ihm am Laptop.

Wer sind Sie und wenn ja, wie viele?

Kriminalbiologe. Sehr viele.

Wer wären Sie gern, wenn Sie nicht Sie wären?

Kann ich nicht sagen. Ich mache die Sachen so, wie ich sie gerne machen möchte. Wenn ich sie nicht machen möchte, lasse ich sie bleiben.

Sie bewundern den Gerichtsmediziner Otto Prokop, der in den 50er-Jahren die Gerichtsmedizin in Ost-Berlin übernahm und sie bis 1987 führte.

Er war naturwissenschaftlicher Kriminalist und Rechtsmediziner. Was an ihm ungewöhnlich war: Er hat immer zu allem Experimente gemacht. Naturwissenschaftliche Kriminalistik gab es zu seiner Zeit nicht mehr. Biologen wurden als Hilfswissenschaftler von Medizinern betrachtet. Er hat die Naturwissenschaften vom Denken her einbezogen und hat auch historische Fälle rausgekramt. Das mache ich auch. In den Büchern hat Prokop sehr sauber gearbeitet. Das finde ich vorbildlich. In der Rechtsmedizin hast du das Problem: Es gibt viele Zusatzinformationen. Schlechte Sachverständige nehmen unbewusst Informationen auf, die eigentlich mit ihrem Auftrag nichts zu tun haben.

Was meinen Sie?

Zum Beispiel: Du hast jemanden, der einräumt, dass er ein wildes Leben führt, auf sexueller Ebene, von mir aus handelt er mit Drogen und Waffen. Er räumt auch ein, dass er ein Lude ist. Nur die Tat hat er nicht begangen, obwohl er die Gelegenheit und ein Motiv gehabt hätte. Und da muss man bei den Spuren bleiben. Umgekehrt ist es oft so: Du hast aufgeregte Eltern, die super-anstrengend sind. Andere sagen vielleicht aus einem Reflex heraus, dass sie mit dieser gefühlsbetonten Situation nicht umgehen können. Nur sind diese Eltern dummerweise die Einzigen, die sich den Tatort angeguckt haben, bevor er renoviert oder umgebaut wurde. Sie sind die Einzigen, die Wahrnehmungen haben, die ich mit Spuren abgleichen kann. Da muss ich eben durch die ganzen Emotionen durch. Sie bewirken, dass Spuren nicht für sich alleine, aber trotzdem im richtigen Zusammenhang stehen.

Das heißt doch, dass Zusatzinformationen mal schlecht, mal gut sein können.

Wer als Sachverständiger die innere Ruhe bewahrt und nicht gut von böse, sondern Sperma von Blut unterscheidet, der kann mit Zusatzinformationen vielleicht leben. Wer zum Denken, Meinen, Glauben und zu festen Überzeugungen neigt, wird von Zusatzinformationen in die Irre geleitet wie von Sumpflichtern.

Die Art, wie Sie über Ihre Arbeit reden, hat vielen Menschen einen neuen Blick auf die Forensik verschafft.

Ich würde sagen, einen neuen Blick aufs Leben. Bei Veranstaltungen gebe ich den Menschen immer Folgendes mit auf den Weg: Man kann Dinge prüfen, solange es Spuren gibt. Wenn es keine Spuren gibt, können Sie nichts prüfen. Vielleicht können Sie darüber diskutieren oder Meinungen austauschen, aber es gibt daneben eine echte Welt, die stellt das Fundament von allem dar. Das ist die Welt der echten Spuren, der messbaren, wertfreien Dinge.

Sie meinen, man soll nur über Dinge nachdenken, die beweisbar sind?

Ja. Mancher probiert das aus und untersucht damit Alltagsfragen. Zum Beispiel geht jemand fremd. Da kannst du lange überlegen: Würde der das machen? Kann das wahr sein? Oder du prüfst es räumlich und zeitlich, gibt es Sperma, Haare oder solche Dinge? Die Leute finden das weniger faszinierend als erleichternd.

Mit Menschen gehen Sie sachlich um, schreiben Sie.

Ich kann mit jedem ein gutes Gespräch führen. Es ist egal, ob das ein Serientäter, jemand aus dem Organisierten Verbrechen oder eine superberühmte Person ist; jemand, der sich nie vor die Tür bewegt oder jemand, der glaubt, er sei ein Engel mit unsichtbaren Flügeln. Du kannst mit jedem immer gleich reden, solange du auf der Sachebene bleibst und jemanden nicht sozial, politisch oder sonst wie bewertest. Das ist total abgefahren. Nur bewerten die meisten Menschen eben doch oder versuchen, es krampfhaft zu unterdrücken. Aber das funktioniert nicht, weil das Gegenüber ja nicht blöd ist. Die Sachlichkeit muss von Herzen kommen.

Haben Sie sich so auch Garavito in Kolumbien genähert? Er soll der größte Serienmörder aller Zeiten sein. Er hat die Ermordung von 140 Kindern gestanden, könnte aber bis zu 300 Kinder getötet haben. Wie kam es, dass Sie ihn getroffen haben?

Ich habe in Bogotá ein Training gegeben, und plötzlich sagten mir die Leute von der Rechtsmedizin: Morgen hast du frei. Ich antwortete, dass ich keinen freien Tag haben möchte. Ich kann ja noch nicht mal über die Straße gehen, weil ich sonst erschossen werde. Dann sah ich eine Zeitung, auf der die Schlagzeile „72 tote Kinder“ stand. Das war Garavito. In Kolumbien wollte keiner mit ihm reden, keiner wollte ihm Blut abnehmen. Jetzt hackt’s ja wohl, habe ich gesagt. Der Staatsanwalt hat meinen Besuch erlaubt.

Was haben Sie zu ihm gesagt? Guten Tag, Herr Garavito, wie geht es Ihnen?

Wie es ihm geht, interessiert mich nicht. Ich habe gesagt: Passen Sie auf, ich habe hier ein paar alte Fälle aus Deutschland, den Bartsch, den Kürten und den Haarmann. Haben Sie davon gehört? Aber anstatt zu fragen, wann war das, sind die hingerichtet worden, sagte er einfach nur: Wie viele Opfer? Ich sagte: Keine Ahnung, muss ich mal nachgucken. Bei Haarmann waren es, glaube ich, über 20 Oberschenkelknochen. Sagt Garavito: Haben Sie von dem Flugzeugabsturz neulich gehört? Da merkte ich so langsam, dass es ihm um viele Todesopfer geht. Er ist so narzisstisch, dass er die höchste Anzahl von Opfern haben will. Du denkst am Anfang, das kann doch nicht sein. Aber Täter wie er sind so, weil sie nicht wissen, dass es sozial unangemessen ist. Ich meine, Menschen, die im strengen Sinne Psychopathen sind, sind ganz offene und ehrliche Gesprächspartner, wenn du keine Wertungen einfließen lässt. Ich habe kein Trainingsprogramm gemacht, um so mit ihm zu reden. Ich bin einfach so. Die Achillesferse, die echte Psychopathen haben, ist: Sie wissen, nicht, warum sie so sind. Sie wüssten es aber gerne. Das musst du gar nicht ansprechen, sie sprechen das früher oder später selbst an.

Wie kamen Sie dazu, Hitlers Schädel zu untersuchen?

Der militärische Geheimdienst der Sowjetunion, SMERSch, hat den Schädel und die Zähne nach dem Zweiten Weltkrieg nach Russland gebracht. In den 70er-Jahren wurden die Überreste von Hitler in Magdeburg verbrannt. Das war Andropow, der später Staatspräsident der Sowjetunion war. Das war alles superpolitisch und geheim. So ist das Wissen verrieselt. Später, in den Neunzigern, gab es mal eine kurze Zeit der Öffnung in Russland. Hitlers möglicher Schädel lag im öffentlichen Staatsarchiv und ich wurde angesprochen, ob ich Schädel und Zähne identifizieren könnte. Die Zähne sind auf jeden Fall von Hitler. Ich sage immer als Witz: Wenn Hitler noch lebt, läuft er ohne Ober- und Unterkiefer rum. Der Rest wird sich auch noch klären. Manche Sachen dauern.

Könnte man denn keinen DNA-Vergleich machen?

Könnte man schon, aber in der Wissenschaft sind viele unglaublich eitel. Das ist die Pest. Manche können einfach nicht kooperieren. Wenn einer eine gute Idee hat, dann nur sie. Die den DNA-Vergleich gemacht haben, sagten, die DNA stammt von einer Frau, doch ich meine, das war die DNA der Bibliothekarin im Staatsarchiv, die daran gearbeitet hat. Jetzt sind sie beleidigt.

Was haben die Wissenschaftler gesagt?

Sie konnten nicht zugeben, dass sie einen Fehler gemacht hatten. Auch ein Riesenfehler ist in der Naturwissenschaft aber sehr gut. Denn so wissen wir, was sachlich falsch ist und können es richtig machen. Das ist der Vorteil bei mir. Wenn ich den Schädel von Hitler in der Hand halte und sage „This is the Führer and these are the Führer’s teeth“, dann lachen sie über meinen Wahnsinns-Akzent, wissen aber, dass es mir nicht um mich geht. Für die bin ich der nette, harmlose Typ. Den kannste mögen oder nicht, aber er tut dir nichts. Das ist wohl der Grund, warum sie mich immer zu solchen Einsätzen schicken. Ich bin der kleinste gemeinsame Nenner.

Mark Benecke.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter
Mark Benecke ...

... wurde 1970 in Rosenheim geboren, lebt aber von früher Kindheit an in Köln. Dort studierte er Biologie, mit einer Spezialisierung auf forensischer Biologie. Später arbeitete er am Institut für Rechtsmedizin in New York und nahm an vielen Weiterbildungen teil, unter anderem an der FBI-Academy. Er ist öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für biologische Spuren.
... lebt vegan und liebt Filme wie „Blade Runner“ und Comics wie „Popeye“ oder „Batman“. Er hat rund 20 Bücher geschrieben, in denen er über seine Arbeit berichtet, Kinder zum Forschen animiert oder, wie zuletzt in „Mein Leben nach dem Tod. Wie alles begann“, sein Leben schildert. Auf Radioeins kann man jeden Sonnabendmorgen sein Radioprogramm „Der Benecke“ zu Kuriositäten aus der Wissenschaft hören.
... ist seit 2010 Landesvorsitzender NRW der PARTEI und Mitglied des Komitees für den Spaß-Nobelpreis für kuriose wissenschaftliche Forschungen in Havard. Als Präsident des Vereins Pro Tattoo klärt er über Tätowierungen auf, als Präsident der Transylvanian Society of Dracula über alle Formen des Vampirismus.

Wie viel Zeit bleibt Ihnen noch für forensische Arbeit?

Ich habe ein Team, wir arbeiten zusammen. Ich bearbeite die Primäranfragen. Davon kriege ich jede Menge. Im Stil: Jemand hat im Suff auf mein Portemonnaie uriniert, und ich möchte wissen, wer. Darauf ich: Wie viel ist Ihnen das denn wert? – So 50 Euro … – Allein die Laboruntersuchungen kosten aber etwa 750 Euro und dann haben wir noch kein Gutachten geschrieben. – Ach so, ja dann nicht. Einige DDR-Bürger suchen auch nach ihren Kindern, denn viele Kinder sind in der DDR verschwunden, wenn Eltern zum Beispiel als nicht sozial verträglich galten. Diesen Eltern wurde beispielsweise gesagt, dass die Kinder im Krankenhaus gestorben sind. In Wirklichkeit wurden sie zwangsadoptiert. Und jetzt kommen die Frauen und wollen wissen, ist mein Kind wirklich gestorben. Und dann muss man sagen: Gucken Sie mal, wir sind Spurenkundler. Die MfS-Leute lügen, wenn sie den Mund aufmachen. Das macht jeder Geheimdienstler auf der Erde nach außen hin so, das ist der Job. Wenn es keine Akten gibt, keine internen Fotos und keine Grabstelle, was soll ich jetzt da machen?

Und?

Oder man hebt das betreffende Kinds-Grab aus – dann fragen die Mütter: Wie schnell würde sich ein Kind zersetzen? Dann fragen wir: Ja, wie alt war es denn? War es frisch geboren? Dann zersetzt es sich superschnell. Oder wir müssen die Erde untersuchen, ist das Lehm, ist es noch mal verfüllt worden? Ist es Sand, wo die Kinderleiche zum Beispiel vertrocknen würde? In dem Fall würde es nicht zerfallen. In Lehm würde sich vielleicht Fettwachs bilden, in normaler Erde aber superschnell zersetzen. Wissen Sie etwas über den Sarg? War es Kiefer? War es überhaupt ein echter Sarg, hat jemand etwas gesehen? Bevor du anfängst zu arbeiten, musst du das erst mal klären und nach Fotos und Dokumenten suchen.

Wenn man auf Facebook guckt, hat man den Eindruck, Sie sind ständig unterwegs.

Das sind oft nur Schnappschüsse. Das ist auch Fiktion. Die Zeitkurve, die Sie da sehen, stimmt nicht. Manche Sachen passieren in einem halben Tag und wir pusten sie über drei Tage raus. Es ist nicht so, dass ich immer das poste, was gerade passiert. Das kann mal sein, aber eher nicht.

Die forensische Arbeit geht weiter.

Muss ja auch. Ich bin öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger und werde dauernd geprüft. Wenn du die Tätigkeit nicht mehr ausübst, hast du keine Zulassung mehr. Aber das ist nicht der Grund, warum ich es mache. Ich mache es, weil ich es gerne mache.

Glauben Sie, mehr Fälle könnten gelöst werden, wenn die Polizei Spuren besser sicherte?

Besser nicht, nur mehr. In den USA, wo ich gearbeitet habe, sind die Behörden weniger krämerisch als in Deutschland. Wenn man dort von einem Schuh fünf genetische Abdrücke nehmen will, sagen die: Mach das. Bei Sexualdelikten hat ein Kollege in meinem alten Labor in New York jeden Fingernagel zehnmal gespalten. Wir hatten also 100 Abschnitte, auf denen die Erbsubstanz des Täters oder der Täterin potenziell auftauchen konnte. Es geht also nicht um ein blindes Mehr. Es geht um eine qualitative Steigerung der Quantität, wenn das geht.

Welche Rolle spielt Ihre öffentliche Arbeit?

In Deutschland unterscheidet man stärker. Wenn du einen Vortrag hältst, ist das öffentlich. Wenn du im Labor sitzt, dann nicht. Das Öffentliche oder Halböffentliche stellt oft eine extreme Abkürzung dar, um Netze zu schaffen. Ich kann zum Beispiel mit dem Finger schnippen und Leute aus zehn bis zwanzig Ländern zusammenbringen, die sich nicht kennen, aber was Ähnliches machen. Oder wenn ich hier im Museum die Menschen treffe. Das funktioniert dadurch, dass wir uns mögen und wissen, dass wir echte Arbeit machen. Das ist der Vorteil an den öffentlichen Vorträgen. Du triffst immer Leute, die aus Fachgebieten kommen, von denen du nichts geahnt hast. So entstehen dichtere Informationsnetze.

Die Abkürzung liegt Ihnen.

Ich habe keine Zeit für Bullshit. Ich gehe nicht auf künstlich geplante Vernetzungsabende. Das ist eine fürchterliche Zeitverschwendung für echte Arbeiterinnen und Arbeiter. Das nützt Leuten, die wie Fettaugen obendrauf schwimmen. Dort können sich die Fettaugen zum Riesenfettauge verbinden und finden das geil. Aber meine Kolleginnen, Kollegen und ich sind da drunter. Ich bin in der Krümelschicht. Ich brauche auch keine Anträge zu schreiben. Wenn ich einen Antrag schreibe, landet der direkt im Müll.

Wieso das denn?

Weil die Leute, die in der Ölschicht sitzen, durch mich keinen Vorteil erhalten. Anträge werden genehmigt, wenn irgendwer was davon hat – politisch, sozial, kulturell. Bei mir haben aber nur normale Menschen was davon. Ich kritisiere das nicht. Ich kenne ja auch die Sichtweise von Politikerinnen und Politikern. Die sagen das auch ganz ehrlich, wenn du mit denen im Hintergrundgespräch bist.

Schreiben Sie Ihre Bücher, um Ihre andere Arbeit zu finanzieren?

Es würde auch ohne Bücher gehen. Wir sind bei uns im Labor auf Subsistenzwirtschaft eingestellt. An den Büchern verdienst du fast überhaupt nichts. Man sagte mir mal, ich solle mir besser einen Agenten nehmen. Aber die Leute von meinem Verlag guckten mich an, so mit Schweißperlen wie bei dem Emoji, und sagten: nein, nein, nein. Vielleicht mache ich irgendwas falsch. Aber mir ist das egal. Es ist angenehm, wenn mal Geld da ist. Wir haben beispielsweise sehr viele Rechner im Umlauf – sieben. (Guckt auf den Rechner seiner Frau.) Ihrer nicht, den hat sie sich selber gekauft. Aber die sieben Rechner sind alle Macs, die sind ständig kaputt, weil wir die mitschleppen.

Sie schwimmen noch nicht im Geld?

Nein, das werde ich auch niemals tun. Es ist noch nie passiert, dass wir eine echte Strukturförderung, Erbschaft oder so was bekommen haben. Aber was viel wichtiger ist: Uns ist es scheißegal, weil wir wissen, dass wir so nicht angreifbar sind. Wir können mit jedem reden. Normalerweise geht der Spurenkundler oder die Spurenkundlerin niemals in den Knast und redet mit dem Typen vom Organisierten Verbrechen. Du bist nur dann unabhängig, wenn du finanziell unabhängig bist, und zwar auf der Seite mit wenig Geld. Ich habe zum Beispiel jahrelang in einem Feldbett und davor auf einem Brett im Labor gepennt. Würde ich auch jederzeit wieder tun.

Und Sie gehen in den Waschsalon, habe ich auf Instagram gesehen.

Nur auf Tour. Im Labor haben wir eine Waschmaschine.

Apropos Tour. Sie haben einen unglaublichen Fanclub. Die Fans lassen sich Ihre Unterschrift tätowieren und nennen sich dieMARKierten. Die MARKierten versprechen sich gegenseitige Hilfe.

Ich find die gut. Das Fan-Ding ist aber untergeordnet. Die können machen, was sie wollen. Ich mische mich da nicht ein.

Die Fans haben mir ein paar Fragen für Sie mitgegeben. Erstens: Wie viele Kilometer legen Sie im Jahr in der Bahn zurück? Haben Sie eine Bahncard 100?

Die Kilometer kannst du nicht zählen. Bahncard 100? Ja. Wir wohnen quasi im Zug.

Zweite Frage: Wann schlafen Sie?

Nachts. Seit zwei Monaten schlafe ich nur so sieben Stunden pro Nacht. Das ist zu wenig. Vor 24 Uhr zu Bett zu gehen, ist für meine Frau und mich der größte Luxus.

Dritte Frage: Würden Sie eine Datenbank befürworten, in der jeder Mensch mit seiner DNA registriert ist?

Das ist eine politische Frage. Kriminalbiologisch wäre das gut. Ich kenne aber die Kölner Kriminalakten aus der Zeit des Dritten Reichs. Die zu sehen, war ein Schock. Erst hat die Kripo Zigeunerarchive gemacht. Außerdem gab es interne Homosexuellenregister. Als es dann politisch wünschenswert schien, konnte man extrem schnell auf die Leute zugreifen, natürlich auch auf Juden. Ich kann die Frage deshalb nicht beantworten.

Noch eine letzte Frage von einem Fan: Welches von Ihren Tattoos hat eine extreme Bedeutung?

Alle dieselbe.

Wie viele sind es?

Mehr als 150. Keine Ahnung, wie viele. Ich finde die alle gut.

Die Tattoos vergleichen Sie mit Souvenirs. Was, wenn sich Ihre Haltung gegenüber etwas mal verändert? Das steht dann auf Ihrer Haut.

Was meinen Sie damit? Das sind keine Haltungen. Das sind Tattoos.

Auf Ihren Armen haben Sie zum Beispiel die Unterschrift von Gunther von Hagens, für den Sie gearbeitet haben. Keine unumstrittene Person, ist er doch mit der Plastination und der Ausstellung „Körperwelten“ emotional diskutiert worden.

Ich mag ihn sehr. Es it, wie es it, sagt man in Köln. Ich kann es nicht leiden, wenn Leute so tun, als ob sie etwas aus ihrem Leben ausradieren können. Meine Grundeinstellung ist, dass jede soziale Handlung förderlich ist. Deshalb finde ich die MARKierten auch gut, weil sie sich zusagen, sich gegenseitig zu unterstützen. Das ist kein Gelaber. Das ist auch nichts, wofür sie von Marki gelobt werden. Das bleibt untereinander, ohne dass ich es erfahre.

Aber wieso so viele Tattoos? So leicht fällt es Ihnen doch nicht, sich tätowieren zu lassen.

Ja, das stimmt. Aber alles, was man gut sehen kann, finde ich offen und fair, wie Tätowierungen eben. Seltsam ist eher das, was man nicht sehen kann. Ich mag es nicht, wenn etwas verborgen und unkontrollierbar ist. Das geht mir auf den Keks. Ich mag lieber sortierte, ordentliche und kontrollierte Sachen.

Die vielen Tätowierungen sind ungewöhnlich.

Ich finde mich nicht ungewöhnlich. Zum Beispiel bin ich demnächst wieder auf der Tattoomenta in Kassel. Da sind alle so. Man sieht eben immer nur sein Tortenstückchen. Ich bin einfach der vom anderen Tortenstück. Leute, die wie ich sind, sind genauso häufig und genauso da wie alle anderen. Viele von denen arbeiten in der Pflege oder Schicht. Was meinen Sie. wie viele Polizistinnen und Polizisten tätowiert sind? Das ist wahrscheinlich die meisttätowierte Berufsgruppe der Welt. Das ist wirklich nicht so ungewöhnlich, wie es wirkt. Ich schwöre!

Sie sind noch auf andere Art besonders: Sie sagen, Sie haben ein leichtes Asperger-Syndrom. Wie beeinflusst das Ihren Alltag?

Ich möchte einfach meine Ruhe haben. Insofern beeinflusst das den Alltag von meiner Frau und mir. Wir könnten zum Beispiel jetzt Party machen oder viele Leute besuchen. Aber wir gehen lieber ins Kino und gucken „Malificent 2“ in 3D in Originalversion. Und wir gehen gleich Klavierspielen am Potsdamer Platz, meine Frau spielt gerne Klavier. Außerdem bin ich gesichtsblind. Ich kann mir Gesichter nicht merken, ich erkenne sie nicht, nur die Frisur oder die Stimme. Gestern habe ich die Serie „Electric Dreams“ geguckt. Die Hauptdarstellerin einer Folge konnte ich nicht mehr erkennen, weil sie auf einmal ihren Pferdeschwanz geöffnet hatte. Daraufhin habe ich die Folge nicht mehr richtig verstanden. Meine Freundinnen und Freunde wissen das auch, alles gut. Meine kolumbianische Studentin wusste es auch. Und ich wusste, wer steht um Punkt 14 Uhr am Eingang des Naturkundemuseums, ist klein und hat dunkle Haut? Das musste sie sein.

Hätten Sie erwartet, dass Sie mal so ein Leben aus Spurensuche und öffentlichen Auftritten führen?

Ich hatte keine Erwartungen, habe ich auch jetzt nicht.

Gucken Sie nicht mal auf Ihr Leben und denken: Wow!

Nein. Ich frage mich immer nur in dem Moment: Mache ich jetzt gerade das, was ich gerne machen möchte? Das ist alles. Mehr nicht. Wenn du dir etwas anguckst, was du vor 20 Jahren gemacht hast, sagst du dir vielleicht manchmal: Ja, das war cool. Aber das und das hätte man vielleicht besser, schlechter, anders machen können. Man verändert sich ja die ganze Zeit und lernt. Jeder sollte ab und an einen Realitätscheck machen: Bin ich wirklich so, wie ich sein möchte? Oder bin ich ein Monster, ein Idiot, ein Arschloch geworden? Im Vergleich zu dem, was meine Maßstäbe sind. In Ruanda sind die zum Beispiel morgens aufgestanden und haben gesagt: Oh, schon wieder Leute umbringen. Dann haben sie das bis 16 Uhr gemacht, danach haben sie Fleisch gefressen und Bananenbier getrunken, und am nächsten Morgen ging’s wieder los.

Sie erleben aber im Moment schon einen Hype, oder?

Es gibt keinen Hype. Es gibt auch keine Hinweise dafür, dass irgendwas einen Peak erreicht. Zum Beispiel bei Facebook oder Instagram. Es geht immer langsam, ruhig und stetig hoch, da gibt es keine Wellen und keinen Hype. Bleibt immer gleich.