Kultusministerkonferenz: Wie die großen Krisen in die Schulen hineinregieren

Bei der Kultusministerkonferenz in Berlin ging es um Corona, Ukraine und Energiekrise – und um die Frage, auf was man in Zeiten der Knappheit verzichtet.

Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine kommen am Berliner Hauptbahnhof an. Fast 200.000 ukrainische Schüler gehen inzwischen auf deutsche Schulen, fast 6000 sind es allein in Berlin.
Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine kommen am Berliner Hauptbahnhof an. Fast 200.000 ukrainische Schüler gehen inzwischen auf deutsche Schulen, fast 6000 sind es allein in Berlin.imago-images

Berlin-Die großen Krisen, die die Welt derzeit in Atem halten, wirken immer mehr hinein in den Alltag der Schulen. Und auch hier wird es immer schwerer, den Anschein von Normalität aufrecht zu erhalten und die heitere Sorglosigkeit, an die man sich in einer langen Phase des Friedens und gesicherten Wohlstands gewöhnt hatte.

Das zeigte sich deutlich bei der 379. Sitzung der Kultusministerkonferenz, die gerade in Berlin stattgefunden hat. Dort wurde viel gestritten über die Auswirkungen der Corona-Krise, des Ukraine-Kriegs und Energie-Preisschocks.

Im Blick auf den kommenden Corona-Herbst präsentierten sich die Kultusminister optimistisch, dass das Virus auf eine durch Impfungen und frühere Infektionen immunisierte Bevölkerung treffe. Auch hätten die Länder inzwischen einen Instrumentenkasten zur Verfügung, der je nach Infektionsgeschehen und Risikolage angepasst werden könne. Zugleich bekannten sie sich zum Offenhalten der Schulen; erneute Schulschließungen wegen Corona oder um Energie einzusparen, könne man den Schülern nicht mehr zumuten.

Denn sie alle sehen klar, wie stark die Schüler noch mit den Lernrückständen und den psychischen Turbulenzen der Corona-Zeit zu kämpfen haben. Die Ergebnisse der Vergleichsarbeiten in den Jahrgangsstufen 3 bis 8 („Vera“) und der letzte Bericht des Instituts für Qualität im Bildungswesen (IQB) führen vor Augen, dass es den Schulen in diesen herausfordernden Zeiten nicht mehr wirklich gelingt, den Schülern die nötigen Grundqualifikationen zu vermitteln. Die Fähigkeiten beim Lesen, Schreiben und Rechnen sind seit einigen Jahren rückläufig, eine gefährliche Tendenz, die die betroffenen Schüler ihrer Zukunftschancen beraubt.

Seit Beginn des Ukraine-Kriegs ist es gelungen, fast 200.000 Schüler aus dem Kriegsgebiet an deutschen Schulen aufzunehmen. Das ist eine beachtliche Leistung, die man gar nicht genug würdigen kann. Politik, Verwaltung, Schulleitungen, Lehrer, Schüler und Eltern haben an einem Strang gezogen, um das möglich zu machen.

Fast 200.000 ukrainische Schüler zu integrieren, ist eine Herkulesaufgabe

Zugleich muss man wissen, dass das auch in Zukunft eine Herkulesaufgabe darstellt – vor allem für die Lehrer, die ohnehin mit zunehmend heterogenen Klassen umgehen müssen, mit Klassen, in denen die Kinder von deutsch-deutschen Elternpaaren schon deutlich in der Minderheit sind und selbst die Fachlehrer stets aufgefordert bleiben, „nebenbei“ noch Sprachförderung und Integration zu betreiben für zugewanderte Kinder aus allen Teilen der Welt.

Eine Krisenzeit zwingt die Menschen, sich auf das Wesentliche zu besinnen und zu überlegen, wofür man die knapper werdenden Kräfte und Ressourcen einsetzt. In den letzten Wochen wurde in Berlin viel darüber diskutiert, dass durch die explodierenden Baukosten nicht genug Gelder für die Schulbauoffensive da sind, dass etliche Schulen länger auf ihre Sanierung warten müssen als gedacht, dass die Schüler in den Klassen zusammenrücken müssen, dass man an weiterführenden Schulen weniger heizen wird als früher.

All das sind Einschränkungen, mit denen man in den Zeiten der Krise leben lernen kann. Aber ein Thema wurde auf der Kultusministerkonferenz sträflich vernachlässigt – und das ist der Lehrermangel. Manche Schulleiter sind längst an dem Punkt, dass sie nicht mehr wissen, wen sie morgens vor ihre Klassen stellen sollen. Wenn chronische Unterbesetzung auf eine Grippewelle trifft, und wenn die Grundbelastung so hoch ist, dass immer mehr Lehrkräfte ihrem geliebten Beruf den Rücken kehren.

Damit kann und soll  man in der Krise nicht leben lernen. Hier muss die Kultusministerkonferenz fantasievoller werden, sich etwas ausdenken und schnell handeln.