Lehrerin Anne Kuhnert mit den Kindern Magda und Konrad.
Foto: Andreas Klug

BerlinWeil für gut zehn Millionen Schüler in Deutschland und 400.000 in Berlin der Unterricht sechs Wochen zu Hause stattgefunden hat, machen sich Sozialarbeiter, Lehrer und Politiker weiterhin Sorgen. Aber bei allem Schrecken, den das Virus immer noch verbreitet, haben die Schulen sich in der Krise digitalisiert – und zwar rasend schnell.

Lehrer unterrichten die Schüler vom heimischen Schreibtisch flächendeckend über Lernprogramme im Internet. Nicht, weil sie es können. Weil sie es jetzt müssen. Es gibt Videokonferenzen, Echtzeit-Lernen in digitalen  Klassenzimmern und den Austausch über Hausaufgaben in Chatrooms.

Ohne Corona wäre dieser Fortschritt nicht möglich gewesen. Lehrer, Wissenschaftler und Gewerkschafter, mit denen die Berliner Zeitung sprach, sind sich in diesem Punkt einig. „Unsere Lehrer haben in den letzten Wochen mehr erreicht als jede Expertenkommission in den letzten fünf Jahren“, sagt Tom Erdmann, Berliner Landeschef der Gewerkschaft GEW.

Lernprogramme wie „Moodle“, „Iserv“, „Itslearning“ oder  „Webweaver“ machen es möglich.  Die meisten berichten, dass sich etwa 30 Prozent mehr Schulen angemeldet haben als vor der Corona-Krise.  Bei Iserv, einem Anbieter aus Braunschweig, haben sich die Nutzerzahlen  verzehnfacht, auf 1, 5 Millionen pro Tag. Wegen der Krise sei Iserv aktuell kostenfrei, sagt Geschäftsführer Benjamin Heindl. Wann es wieder Geld kostet (jährlich 4 Euro pro Schüler) ist noch unklar.

In Deutschland gilt das kostenfreie Moodle aus Australien  als Marktführer. Tausende Schulen nutzen das Programm, auch die HU in Berlin. Nachdem Mitte März alle Einrichtungen schließen mussten, waren einige Server überlastet. „Wir mussten sie nachrüsten. Die Zugriffszahlen hatten sich verzwanzigfacht, in einigen Fällen vervierzigfacht“, so Moodles Deutschland-Chef Ralf Hilgenstock. Er versichert: Auch Moodle soll weiter kostenlos bleiben. Partnerfirmen übernehmen die Finanzierung des Angebots.

In Berlin bietet der Senat das Programm „Lernraum“ an, das wiederum auf der Moodle-Plattform basiert. Vor der Krise hatte der „Lernraum“ 50.000 Zugriffe am Tag. In der Krise sind es 1,5 Millionen.

Bayern greift ebenso auf Moodle zurück. Webweaver versorgt wiederum die meisten Schulen in Sachsen.

Am John-Lennon-Gymnasium in Zehlendorf hatte man Itslearning, ein Programm aus Norwegen, schon vor Corona eingeführt. Was früher nur etwas für technikaffine Pädagogen war, sei jetzt  verpflichtend für alle, lobt die stellvertretende Schulleiterin Atoneta Breisha. „Alle müssen jetzt durch die Digitalisierung“, sagt sie. Fünf Milliarden Euro hatte die Bundesregierung 2018 für die Digitalisierung der Schulen insgesamt bereitgestellt. Wenig  war davon bisher zu spüren. Bis jetzt.

„Die meisten Schulleiter sehen die jetzige Zeit als Chance, digitale Konzepte weiterzuentwickeln“, sagt Martin Klesmann, Sprecher von Berlin Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD). Scheeres will jedem Schüler, der kein Endgerät zu Hause hat, Laptops oder Tablets zu Verfügung stellen, um den Schub auch nach Corona zu nutzen.

Anne Kuhnert ist Lehrerin in der Erwachsenenbildung und selbst Mutter von vier Kindern. Sie freut sich über die Entwicklung, ob für den eigenen Nachwuchs oder ihre Schüler. Die Kreuzbergerin macht alles online: „Die  bisherige  Schule war altbacken und träge. Das, was jetzt passiert, ist eigentlich ein Segen.“

Ihre Kinder lernen aktuell Mengenlehre mit Kochrezepten, Biologie wird anhand von Zimmerpflanzen erklärt, und die Diskussion über Ethik und Religion geht beim Abendessen weiter.

„Meine Kinder freuen sich über den Austausch mit den Klassenkameraden am Rechner und sind jetzt viel motivierter, sie arbeiten projektbezogen“, sagt sie. Sie findet es gut, dass Schulstoff nicht in ein Korsett aus 45 Minuten gepresst wird. „Die Kinder können sich die Zeit besser einteilen. Nicht jedem Kind liegt ein volles Klassenzimmer.“

Kuhnert ist nicht die einzige Lehrerin, die das so sieht. Der Unterricht von zu Hause sei auch ein Modell für Zukunft nach Corona, sagen mehrere Pädagogen. Erkrankte Schüler, die beispielsweise wegen eines Beinbruchs nicht in die Schule können, nehmen dann einfach online an der Stunde teil.

Natürlich kennt Anne Kuhnert auch die Nachteile des Unterrichts zu Hause. „Als die Krise ausbrach, habe ich Computer und Druckerpatronen gekauft. Andere Eltern können das nicht.“ Ihre Kinder erzählen ihr von Klassenkameraden, die jetzt einfach vorm Fernseher hängen. Die Lehrergewerkschaft GEW schätzt, dass rund 30 Prozent der Schüler während der Schließung nicht gelernt haben. Sie müssen zuhause zum Beispiel jüngere Geschwisterkinder betreuen.

Und nicht jede Schule wollte auf online umstellen. Ein Sohn von Anne Kuhnert geht auf die Reinhardswaldschule in Berlin-Kreuzberg. Dort verschicken Lehrer Arbeitsmaterialien per Post – und das hat einen Grund: Solche Lernplattformen könnten missbraucht werden, finden sie. Nicht immer sei klar, auf welchen Servern die Daten von Schülern und Lehrern landen.

Deshalb verbieten die meisten Bundesländer die Standard-Nutzung der Tools von  amerikanischen Anbietern wie Microsoft, Facebook, Skype oder der Facebook-Tochter WhatsApp. Zu unsicher und zu viel preisgegebene Privatsphäre, so die Begründung mehrere Länder. Auch in Berlin ist man dagegen.

Mecklenburg-Vorpommern strebt eine einheitliche Lernplattform an. Die Accounts sollen dann vom Bildungsministerium zur Verfügung gestellt werden. „Wir müssen sicherstellen, dass hinter jedem Lehrer oder Schüler online auch ein Lehrer oder Schüler ist“, sagt Kai Riedel. Er ist für die IT der Schulen in Schwerin zuständig.

Lehrer, mit denen die Berliner Zeitung sprach, sagen: Endlich können wir neue Formate entwickeln, die Kinder lernen übergreifend und wenden den Stoff im Alltag an. Einer von ihnen fasst zusammen: „Nach Corona werden wir nie wieder Probleme haben, neue Technik in der Schule anzuschaffen.“ Das Klischee vom Lehrer, der den Videorekorder nicht bedienen kann, sei dann überholt. „Aber letztendlich weißt du nie, was die Kinder wirklich machen. Ob nicht doch die Eltern bei den Aufgaben helfen, und was zu Hause passiert. Es ist schon besser, sie persönlich zu sehen.“