Lehrermangel: Öffnet unsere Schulen endlich für Ein-Fach-Lehrer!

Jedes Jahr vergraulen wir viele ausländische Lehrkräfte und fähige Quereinsteiger, weil sie gezwungen sind, ein zweites Fach nachzustudieren.

Ein Lehrer steht im Unterricht an der Tafel. (Symbolbild)
Ein Lehrer steht im Unterricht an der Tafel. (Symbolbild)imago/Makot

Berlin-Angesichts des dramatischen Lehrermangels müssen wir als Gesellschaft von lieb gewonnenen Denkgewohnheiten Abschied nehmen: Zum Beispiel von der Idee, dass ein Lehrer unbedingt zwei Fächer unterrichten muss, um ein echter Lehrer zu sein. Ein Blick auf die Nachbarländer zeigt, dass Deutschland mit seiner Zwei-Fächer-Tradition im internationalen Vergleich einen Sonderweg geht: In Frankreich zum Beispiel müssen die Lehrer nur ein Fach unterrichten.

Natürlich gibt es gute Gründe für die Zwei-Fach-Tradition: Die Schulleitung kann sie flexibler einsetzen und hat mehr Freiheit beim Bau des Stundenplans. Und die Lehrer selbst haben mehr Abwechslung in ihrem Schulalltag, wenn sie in unterschiedliche Fachwelten eintauchen und zwei Perspektiven auf ihre Schüler einnehmen können, je nachdem, ob sie sie zum Beispiel in einem Haupt- oder in einem Nebenfach unterrichten. Kann sein, dass die Zwei-Fach-Lehrer deshalb auch etwas resilienter sind gegen Burn-out-Symptome und geeigneter für Formen des interdisziplinären Unterrichts.

Und doch gibt es ein sehr wichtiges Argument dafür, dass wir unsere Schulen so schnell wie möglich für Ein-Fach-Lehrer öffnen sollten: Wir brauchen einfach mehr geeignete Bewerber. Und mit der Zwei-Fach-Regel vergraulen wir viele ausländische Lehrkräfte und viele potenzielle Quereinsteiger, die keine Lust, keine Kraft oder kein Geld haben, ein zweites Fach nachzustudieren.

Ende letzten Jahres erschien eine GEW-Studie, die uns hellhörig machen sollte. Dort wurde nachgewiesen, dass nur eine von zehn ausländischen Lehrkräften, die sich in Berlin um eine Lehrerlaubnis bemühen, an ihr Ziel kommt. Oder anderes herum: dass neun von zehn Bewerbern auf dem beschwerlichen Weg zu diesem Ziel verloren gehen. Ein Verlust, den wir uns als Gesellschaft nicht mehr leisten können.

Warum müssen wir eine Biologie-Lehrerin, die in Frankreich schon fünf Jahre lang erfolgreich Biologie unterrichtet hat, in Deutschland zwingen, ein zweites Fach zu studieren? Warum hat der erfahrene Englischlehrer aus Syrien keine Chance, bei uns als Lehrer zu arbeiten, wenn er sich nicht in der Lage sieht, selbst noch einmal viele Jahre lang die Schulbank zu drücken?

Das Referendariat muss sein, das zweite Fach nicht unbedingt

Bei den Quereinsteigern kann man in dieselbe Richtung fragen: Ist es sinnvoll, dass fähige Akademiker mit einer berufsbegleitenden Nachqualifizierungszeit von viereinhalb Jahren rechnen müssen, wenn sie als vollwertige Lehrer anerkannt und bezahlt werden wollen? Nicht alle haben den Charakter und das Nervenkostüm, um in fortgeschrittenem Alter diesen langen und steinigen Weg zu beschreiten.

Sinnvoll ist es sicher, dass ausländische Lehrkräfte und Quereinsteiger ein Referendariat durchlaufen, um die pädagogischen Standards in Deutschland und das didaktische Handwerk zu lernen. Aber man sollte ihnen anbieten, dass sie auch ohne ein zweites Fach in das Referendariat einsteigen können. Sicher kann man ihnen dann nicht das gleiche Gehalt anbieten wie den Zwei-Fach-Lehrkräften, weil ja die Gleichwertigkeit der Abschlüsse gewährleistet sein muss. Aber diese Option sollte man unbedingt ins Spiel bringen: dass sie eine unbefristete Stelle mit einem etwas bescheideneren Gehalt im öffentlichen Dienst haben können.

Schon jetzt gibt es in Berlin eine Ausnahme von der Zwei-Fach-Regel: Es gibt Lehrer, die ausschließlich das Fach Musik unterrichten. Könnte man nicht sofort Ausnahmen für die Fächer Kunst, Sport und Informatik beantragen und bald die Regel als Ganze verändern? Dass nämlich Zwei-Fach-Lehrer erwünscht sind, aber Ein-Fach-Lehrer ebenfalls zugelassen werden?

Leider kann das Land Berlin die Öffnung unseres Bildungssystems für die Ein-Fach-Lehrer nicht allein entscheiden. Das muss auf KMK-Ebene geschehen. Aber bald wird die Berliner Bildungssenatorin Astrid-Sabine Busse den Vorsitz in der Kultusministerkonferenz (KMK) übernehmen. Dann sollte sie ihre privilegierte Stellung und die Gunst der Stunde nutzen, um im Angesicht des Lehrermangels für diese Reform zu werben.

Schon jetzt gilt das Land Berlin als Vorreiter in Fragen der Quereinsteiger-Ausbildung und der Improvisationskunst auf der Suche nach neuen Lehrkräften. Die Senatorin sollte unbedingt versuchen, ihre aus der Not geborene Expertise mit den anderen Bildungsministern zu teilen.