Berlin - Kai Schmidt ist der bekannteste Lehrer Deutschlands – dank seiner Idee, über einen YouTube-Kanal Lerninhalte an Schüler zu vermitteln. Im Interview erklärt er, welche Vorteile und Grenzen digitales Lernen hat. Zudem gibt er noch wertvolle Tipps fürs Homeschooling.

Herr Schmidt, Sie sind ein Pionier des digitalen Lernens.

Vermutlich kann man das tatsächlich so sagen. So war das aber nicht beabsichtigt.

Ihre Abonnentenzahlen steigen sprunghaft, momentan liegen Sie bei etwas über 800.000, Ihre Videos wurden inzwischen schon über 100 Millionen Mal geklickt. Sie sind inzwischen eine Art eigene Marke.

Das würde ich nicht sagen. Es ist eben ein Bedarf vorhanden. Die Videos sind ein Werkzeug, mehr nicht. Es ist da, deshalb wird es auch benutzt.

Sie sind Schulrektor, ein extrem fordernder Job. Wann kümmern Sie sich eigentlich um Ihren YouTube-Kanal?

Ehrlicherweise ist der Aufwand gar nicht so groß. Die Videos entstehen parallel zum Unterricht. Ich erstelle sie sinnlogisch mal am Wochenende, mal ganz spät, wenn das Kind im Bett ist. Das geschieht auch immer zu Hause und ist ein absolutes Hobby von mir. Wenn ich Lust und Zeit habe, dann entsteht ein Video.

Wie sind Sie auf diese Idee gekommen? 

Vor genau sieben Jahren hatte ich eine 10. Hauptschulklasse im Grundkurs Mathematik, also die schwächeren Schüler. Und die haben ihre Hausaufgaben nicht so gemacht, wie ich das gerne gehabt hätte. Die haben immer versucht, sich rauszureden, indem sie mir sagten, dass sie die Aufgaben nicht richtig verstanden hätten. Wir waren uns aber alle einig, dass das eine Ausrede war. Um die Situation aufzulösen, habe ich schließlich immer eine Beispielaufgabe vorgerechnet und die dann als kleines Video per E-Mail an die Schüler verschickt. Mit dem Ziel, dass sie das noch mal unmittelbar nachvollziehen konnten.

Zur Person

Kai Schmidt wurde 1979 in Nordhorn geboren. Nach seinem Abitur absolvierte er zunächst eine Lehre als Bankkaufmann, bevor er in Vechta und Hildesheim schließlich Lehramt studierte. Seit 2019 ist der Rektor der Oberschule in Uelsen (Niedersachsen). 2016 startete er einen eigenen YouTube-Kanal namens „Lehrerschmidt“ , über den er inzwischen mehr als 1500 Lern- und Erklär-Videos zu Themen aus den Bereichen Mathematik, Physik, Deutsch und Allgemeinwissen veröffentlicht hat. Innerhalb von zwei Jahren steigerte sich zuletzt die Zahl seiner Abonnenten um das Achtfache auf inzwischen 806.000 (Stand 12.2.2021). Schmidt ist für seine Arbeit als YouTuber mehrmals ausgezeichnet worden, unter anderem von der Stiftung Rechnen mit dem Titel „Mathe-Botschafter“. Schmidt ist verheiratet und hat einen Sohn.

Und der Lernerfolg war ersichtlich?

Ja, tatsächlich gibt es einen Zusammenhang zwischen Lernvideos und Lernerfolg.

Es gibt inzwischen viele Nachahmer, wobei sich zeigt, dass nicht jedem Lehrer das Talent zur digitalen Vermittlung von Lernstoff gegeben ist. So ein Video funktioniert doch nur, wenn es einen gewissen Unterhaltungswert hat.

Das sehe ich genauso. Grundsätzlich bin ich aber davon überzeugt, dass das beste Lernvideo ohnehin von der jeweiligen Lehrperson selbst kommt. Man darf diesen Effekt der Beziehungsebene nicht unterschätzen. Wenn ich die Lehrperson mag, ist das Lernen scheinbar einfacher. Und das ist eine Sache, die zu meiner Überraschung per Video genauso funktioniert wie im realen Leben. Dennoch begrüße ich es sehr, dass es eine immer größere und stetig wachsende Auswahl gibt.

Sie waren überrascht?

Ich muss fairerweise zugeben, dass ich diesen Effekt zunächst unterschätzt hatte. Meine ersten 100 Videos waren eher vorsichtig angelegt. Ich war selbst dabei gar nicht zu sehen. Ich hatte gedacht, wenn man die Aufgaben und die Lösungswege sieht, wird das schon reichen. Doch über entsprechende Rückmeldungen habe ich schnell gelernt, dass es den Bedarf gibt, die Lehrerin oder den Lehrer zu sehen, um zu wissen, wer das ist. Das hat sich sehr positiv auf die Entwicklung des Kanals ausgewirkt.

Unbewusst haben Sie mit Ihrer Arbeit und Ihrem Erfolg auf die Schwächen in unserem Bildungssystem aufmerksam gemacht – in einer Zeit, in der wegen Corona Homeschooling angesagt ist.

Ich möchte nicht sagen: unbewusst. Die Kritik äußere ich schon seit sieben Jahren. Ich bin keineswegs ein Schulgegner, bitte nicht missverstehen, ich gehe jeden Tag gern zur Schule. Aber das System Schule muss sich weiterentwickeln und das Thema Differenzierung mehr in den Fokus nehmen. Und das Medium Lernvideo, davon bin ich überzeugt, kann eine gute Ergänzung zum regulären Unterricht sein.

Dann sind Sie selbst wahrscheinlich glücklich darüber, dass eine Rückkehr in den Schulalltag inzwischen wieder absehbar ist.

Selbstverständlich, drei Kreuze, wenn hier alles wieder einigermaßen normal läuft. Ich freu mich auf den Regelbetrieb, aber hallo!

Haben Sie das, was Sie machen, in Ihr Lehrerkollegium eingebracht? Ist die Auseinandersetzung mit dem digitalen Unterricht eine Selbstverständlichkeit an Ihrer Schule?

Es ist keine Selbstverständlichkeit, aber dieses Medium nutzen immer mehr Kollegen und Kolleginnen. Es gibt die einen, die stehen der Sache positiv gegenüber. Und die können das auch, auch technisch. Und es gibt andere, die haben ihre Stärken in anderen Bereichen. Ich habe aber im März ein Video gemacht, in dem ich ganz detailliert erkläre, wie man ein Lernvideo erstellt, verbunden mit dem Aufruf an meine Kolleginnen und Kollegen, das doch bitte nachzumachen. Viele sind der Aufforderung nachgekommen. Das ist schon toll.

Müssen auf Bildungsebene Konsequenzen aus dieser Corona-Zeit gezogen werden?

Ich hoffe es inständig. Ich hoffe, dass ein Ruck durchs Bildungssystem geht. Dass wir einen nachhaltigen Effekt auch im Hinblick auf Finanzierung und Unterlegung mit Personal im Bildungssystem erleben.

Aber wenn es da einen politischen Willen gibt, der noch dazu mit den entsprechenden finanziellen Mitteln unterlegt ist, dann kann man diesen Missstand zeitnah beheben.

Kai Schmidt

Dafür müssten die technischen Voraussetzungen geschaffen werden.

Ja, die technische Seite ist ganz, ganz wichtig. Wobei ich ein großer Kritiker der föderalen Digital-Lösung bin. Für mich ist nämlich nicht ersichtlich, warum wir das nicht zumindest auf digitaler Ebene bundesweit angehen. Ich sehe da enorme Synergieeffekte in Sachen Technik. Wir könnten uns dann gemeinsam fortbilden, gemeinsame Apps, gemeinsame Programme entwickeln. Wenn es dann eine gewisse Marktgröße geben würde, wäre es für die Anbieter von Lernmaterial interessant, da ein entsprechendes Angebot zur Verfügung zu stellen. Ich persönlich würde beispielsweise kein Schulbuch der Welt mehr zulassen, wenn es das nicht auch als PDF, also digital, gäbe.

Wie kommt man schnellstmöglich auf diesen gemeinsamen Nenner?

Die Frage ist: Warum ist der Nenner nicht im Interesse aller? Was wäre schlimm daran, alles gleich zu machen? Wir alle müssen ein Interesse daran haben, dass es eine einheitliche Lösung gibt. Damit es einen besseren Austausch und eine bessere Vergleichbarkeit gibt. Viele sagen, das ist eine große Herausforderung, ich sage: Es ist eine Chance. Wir leben doch in der Marktwirtschaft. Wenn es einen Markt gibt, dann wird es das Angebot geben. Also muss man diesen Markt schaffen, wenn man das haben möchte.

Es wundert einen trotzdem, dass die Hersteller von Lernmaterial nicht selbst auf diesen Trichter gekommen sind.

In der Vergangenheit gab es da offensichtlich keinen Handlungsbedarf, weil sich die Bücher und die Lernhefte auch so gut verkauft haben. Wenn was anderes nachgefragt wird, wird der Markt schon liefern. Da bin ich mir ganz sicher. Die Bücher werden ja digital geschrieben, da bräuchte es gerade mal zwei Mausklicks, um daraus ein PDF zu machen oder verrückterweise noch ein interaktives PDF. Aber solange sich die Bücher verkaufen, würde ich das auch nicht machen. Es gab eben keine politische oder gesellschaftliche Forderung danach. Und wir sehen jetzt erst auf eine schmerzvolle Art und Weise, dass eine breitere Aufstellung eine gute Sache gewesen wäre. Und das meine ich nicht nur in Bezug auf die aktuelle Pandemie-Lage. Wir hatten hier in Norddeutschland extreme Schneefälle, es kam zu Schulausfällen – und auch für solche Begebenheiten wäre es natürlich viel einfacher, auf einen Heimunterricht umzustellen, wenn dafür alles vorhanden wäre. Das gilt auch für Kinder, die krankheitsbedingt länger ausfallen, oder für Kinder, die Nacharbeiten beziehungsweise Zusatzarbeiten erledigen müssen.

Das wäre auch eine gute Basis für ein gerechtes Lernen.

Darüber brauchen wir gar nicht zu reden. Das ist für mich selbstverständlich. Momentan sind wir in der Tat etwas ungerecht aufgestellt. Wir haben Vermögende und weniger Vermögende, die derzeit einen Nachteil haben. Und es darf natürlich nicht an einem Gerät scheitern.  Aber wenn es da einen politischen Willen gibt, der noch dazu mit den entsprechenden finanziellen Mitteln unterlegt ist, dann kann man diesen Missstand zeitnah beheben.

Von der Technik zum Menschen: Müsste man nicht auch in der Ausbildung der Lehrer, also bei der pädagogischen Bildung an Universitäten, grundlegende Korrekturen vornehmen?

Ich höre diese Forderung ganz oft. Und natürlich gehört in die Lehrerausbildung auch E-Learning. Auf der anderen Seite erwarte ich aber auch von jeder Lehrerin und jedem Lehrer, dass man sich fortwährend, also ein Leben lang, fortbildet. Das müsste doch selbstverständlich sein, dass man sich als Lehrer, der noch viele, viele Jahre arbeitet, in diesem Bereich fit macht – und so erlebe ich es auch! Und es ist doch wirklich kein Hexenwerk.

Wo sind für Sie die Grenzen des digitalen Lernens?

Digitales Lernen funktioniert für einen gewissen Zeitraum und für gewisse Aufgaben. Und in Mathematik wahrscheinlich besser als in Sprachen. Wichtig ist allerdings auch, dass man mit der Gruppe immer wieder zusammenkommt, weil wir soziale Wesen sind und weil soziales Lernen, also Gruppeninteraktion mindestens genauso wichtig ist. Es ist doch so: Schule war noch nie so beliebt wie jetzt. Ganz viele Schüler würden jetzt liebend gern zur Schule gehen. Interessant wäre auch der Gedanke, ob man bei den älteren Jahrgängen tatsächlich einen Tag Homeschooling pro Woche fest in den Lehrplan integriert. Es ist nämlich eine wichtige Kompetenz, sich selbst zu motivieren und Aufgaben selbstständig abzuarbeiten.

Die Struktur einer Schule lässt sich allerdings nicht so einfach auf die heimischen vier Wände übertragen.

Da kann man natürlich darüber streiten. Aber wir als Schule haben uns nach Rücksprache mit den Eltern dazu entschieden, doch ein stärkeres Korsett aufzusetzen. So werden bei uns die Aufgaben des Tages um acht Uhr freigeschaltet, vorher kann man das nicht sehen, und bis 14 Uhr müssen die Kinder die Aufgaben digital wieder eingereicht haben. Auf Wunsch der Eltern haben wir dem Tag also eine gewisse Struktur gegeben.

Fernsehen ist nur eine lineare Veranstaltung. Das ist doch nicht mehr das, was wir heutzutage brauchen. Wir sind doch inzwischen viel differenzierter.

Kai Schmidt

Ihre Videos helfen auch Eltern auf die Sprünge.

Das ist ja durchaus eine Methode, dass Eltern sich das Video angucken und das dem Kind ohne Video entsprechend weitervermitteln. Die eleganteste Art, wie ich meine, ist, diese Videos gemeinsam anzugucken. Denn sollte das Video nicht helfen, kann man ja auch gemeinsam sagen, dass der Lehrerschmidt das total schlecht geklärt hat. Dann ist gleich mal die Schuldfrage geklärt. Und der Hausfrieden ist gerettet.

Die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender versuchen sich an der Bildung unserer Kinder, indem sie so eine Art Schulfernsehen ins Programm genommen haben.

Fernsehen ist nur eine lineare Veranstaltung. Das ist doch nicht mehr das, was wir heutzutage brauchen. Wir sind doch inzwischen viel differenzierter. Wenn man die Möglichkeit hat, on demand genau den speziellen Bedarf abzufragen, dann ist das doch das bessere Werkzeug. Das will ich jetzt nicht speziell an YouTube festmachen, das kann jede andere Plattform auch, aber da sind nun mal die größten technischen Ressourcen. Das ist nett gemacht, was die Öffentlich-Rechtlichen da machen, das ist good will, aber das ist nicht mehr zeitgemäß. 

Wollen Sie Ihr Angebot noch weiter ausbauen?

Was soll ich sagen: Ich habe Freude daran, und solange ich Freude daran habe, werde ich das weiterführen.

Es sind doch bestimmt schon ein paar Unternehmen an Sie herangetreten, mit so einem Kanal ließe sich nämlich schon auch gutes Geld verdienen.

Diese Anfragen hat es gegeben. Ich habe daran kein Interesse. So wie es ist, ist es für den Moment gut.

Wenn Sie einem Vater, der einen Sohn in der vierten Klasse hat, noch drei Tipps fürs Homeschooling geben könnten, welche wären das?

Geduld, Verständnis und keinen Druck aufbauen. Man sollte zu Hause für ein gutes Gefühl sorgen und auch ein bisschen Vertrauen ins System haben. Wir werden die Defizite schon aufarbeiten oder in bestimmten Bereichen schon gewisse Dinge rauskürzen. Gerade für Kinder, die nicht in Abschlussklassen sitzen, werden wir da eine gute Kompensation finden. Auch dass gern mal von einer verlorenen Generation gesprochen wird, halte ich für Quatsch. Wenn wir in unsere Jugend zurückblicken, dann gab es doch da auch ein paar Schülerinnen und Schüler, die während der Pubertät in der Schule zwei Jahre lang nichts oder nicht viel mitbekommen haben. Ich glaube, wir müssen uns da mal entspannen. Ich würde mir manchmal wünschen, dass Eltern sich öfter an ihre Schulzeit erinnern würden, dann würde sich ganz viel relativieren. Druck ist das falsche Mittel.