Auch Introvertierte können beruflich erfolgreich sein. (Symbolbild)
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BerlinSmalltalk in der Kaffeeküche – für viele Introvertierte ein Graus. Bei der Projektbesprechung spontan die eigene Meinung äußern – lieber nicht. Das große Meeting beim Kunden – Unruhe und Stress sind vorprogrammiert. Introvertierte Menschen sind nicht dafür gemacht, sich in lebhafte Diskussionen zu stürzen. Sie machen lieber ihre Arbeit anstatt darüber zu reden. Ein Nachteil im Berufsleben? Nicht unbedingt, findet Susanne Dölz. Sie ist Coach und weiß, wie introvertierte Arbeitnehmer punkten können.

Introvertiert zu sein, gilt als Schwäche im Berufsleben. Würden Sie das unterschreiben?

Das ist ein gängiges Vorurteil, trifft aber keinesfalls zu. Introvertierte haben das gleiche Erfolgspotenzial wie Extrovertierte, wenn sie lernen, sich klug zu positionieren. Sie arbeiten z. B. sehr konzentriert, gründlich und mit hohem Qualitätsanspruch. Aber anstatt dies als besondere Leistung anzusehen, ist ihnen selber nichts gut genug. Und so stellen sie ihr Licht unter den Scheffel und werden dann auch von anderen weniger als Leistungsträger wahrgenommen. In Gesprächsrunden befinden sie sich eher auf dem Beobachtungsposten und tun sich dadurch schwerer, Einfluss zu nehmen. Es ist aber nicht notwendig den Saal als Alleinunterhalter zu rocken oder ausschließlich geniale Wortbeiträge zu liefern. Wer sich von diesen Ansprüchen löst und dann wenigstens ein paar Mal zu Wort meldet, tut wichtige Schritte aus der Graue-Maus-Zone.

Buchtipp

Susanne Dölz: Stark und präsent auf leise Art. Wer gegenüber anderen selbstbewusster auftreten möchte, muss sich selbst akzeptieren und darf auf keinen Fall seine Persönlichkeit verstellen. Dies ist für introvertierten Menschen in unserer Welt manchmal nicht ganz so einfach. In diesem Buch erhalten Sie Tipps Ihre eigenen Stärken zu erkennen und hervorzubringen.

Sie schreiben in Ihrem Buch über vier „Intro-Typen“. Welche sind das?

Bei den „Intro-Typen“ betrachten wir zwei Bereiche. Erstens: Wie verarbeitet jemand Informationen und wie handhabt er Aufgaben? Die einen haben einen eher rational-analytischen Zugang, die anderen einen emotional-intuitiven. Zweitens: Wie geht jemand an den Umgang mit anderen heran, wie gestaltet er Beziehungen? Die einen treten sicher-souverän auf, die anderen verhalten sich unsicher oder schüchtern.

Aus den Kombinationen ergeben sich die vier Typen. Der „Captain“ ist sachlich, strukturiert und gewandt im Auftreten, wenn auch distanziert. Als „Tüftler“ bezeichnen wir den analytischen Querdenker, der lieber allein arbeitet und das gesellschaftlich-konventionelle Miteinander meidet. Die „Seele“ ist sicher im Auftreten, verfügt über hohe Sensibilität und einen ausgeprägten Sinn für das Schöne. Das „Reh“ ist harmoniebedürftig, anpassungsfähig und braucht viel Sicherheit. Intro-Typen in Reinkultur gibt es so gut wie nie, meistens ist es eine Mischung.

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Wer von denen kann die Karriereleiter nach oben klettern?

Ich würde sagen, dass die Captains am ehesten den gängigen Vorstellungen von Führungskräften entsprechen. Vor allem, weil sie Kontaktstärke und Unabhängigkeit verbinden. Prinzipiell ist der Aufstieg aber davon abhängig, in welchen Berufen sie tätig sind. Fachkarrieren stehen allen Intro-Typen offen, wobei sich die Rehe im Team am wohlsten fühlen.

Welche Vorteile hat es, introvertiert zu sein?

Hohe Fokussierung, Organisationstalent und der Wille zu Qualität sind wichtige Vorteile. Es hat sich auch gezeigt, dass Firmen mit einem Gutteil an introvertierten Führungskräften langfristig erfolgreicher sind. Diese nutzen die Ressourcen ihrer Mitarbeiter viel besser als Extrovertierte, weil sie ihnen zuhören, ihre Ideen berücksichtigen und sie mit ihren Erfolgen glänzen lassen. Introvertierte überdenken auch ihre Entscheidungen intensiver und stellen sich die Frage, welche Auswirkung diese haben.

Was sind beruflich die größten Herausforderungen für Introvertierte und mit welchen Tricks können sie diese meistern?

Die meisten finden es schwierig, sich spontan in einer Diskussion zu äußern. Sie sagen nur etwas, wenn es die Diskussion deutlich voranbringt und sie sich 100%ig sicher sind. Hier gilt: Ansprüche reduzieren, ruhig mal nur eigene Erfahrungen beisteuern, andere bestätigen oder Fragen stellen. Oder den eigenen Beitrag anmoderieren als „ins Unreine gesprochen“ oder „Idee, noch nichts Ausgereiftes“. Und nicht höflich warten, bis Extrovertierte alles gesagt haben, sondern auch einfach mal freundlich unterbrechen.