Großstadtgefühle in Frankfurt an der Oder: Tobias Kremkau vom St. Oberholz aus Berlin hat dafür gesorgt, dass Coworking auch am Rande von Brandenburg möglich ist.
Foto: Sparda-Bank Berlin/Roman Wache

Frankfurt (Oder)Michel Garand widerspricht sofort. Die Region um Frankfurt an der Oder als strukturschwach zu bezeichnen, das passt ihm nicht. „Wir haben hier doch alles, was wir brauchen“, sagt er. Garand ist vor 24 Jahren aus Québec, Kanada, nach Deutschland gekommen, hat jahrelang im Rathaus am Marktplatz gearbeitet und sich vor einigen Monaten selbstständig gemacht. Er will die Öko-Landwirtschaft in der Region stärken, Ackerflächen für Landwirte erschließen und den Bauern helfen, ihre Produkte besser zu vermarkten. Ubuntu EcoCenter heißt die Gesellschaft, die er mit zwei Freunden gegründet hat.

Garand sitzt an diesem Vormittag im ersten Stock von Blok O, dem Coworking-Space der Sparda-Bank Berlin in Frankfurt an der Oder. Er ist 59 Jahre alt, seine Haare sind leicht ergraut, er ist ein bescheidener Familienvater, in Jeans und blaurotem Pullover gekleidet. Er ahnt nicht, dass er einer dieser Menschen ist, für die dieses Haus geschaffen wurde. Hier sollen Gründer gefördert, Träumer ermutigt und Unternehmer unterstützt werden bei dem Versuch, die Welt ein bisschen besser zu machen. Sie dürften gerne etwas jünger sein als Garand, aber am Ende zählt doch die Idee.

Das Konzept des Coworkings kommt aus Kalifornien, dort, wo seit Jahren mit Freude alle klassischen Vorstellungen der Arbeitswelt in Trümmer gelegt werden: In San Francisco war ein junger Mann bei einem Start-up angestellt, arbeitete im Büro an seinem Schreibtisch, musste aber immer wieder auch unterwegs an den Computer. Oft fehlte die Netzverbindung oder ein Stromanschluss. So ging es los.

Platz für Innovationen an der Grenze zu Polen

In Deutschland gilt das St. Oberholz als Keimzelle kollaborativer Zusammenarbeit, die Gründer von Rocket und Zalando entwickelten in dem Berliner Café am Rosenthalter Platz ihre Geschäftsideen, die sie zu sehr wohlhabenden Menschen machten, auch Soundcloud, die weltweit von den größten Popstars genutzte App, wurde hier erfunden. Ansgar Oberholz heißt der Mann, der das Café eröffnete. Um das Coworking-Konzept kümmert sich Tobias Kremkau als Manager. Er steckt auch hinter der Coworking-Idee in Frankfurt, weil er herausfinden wollte, ob die Geschäftsidee von flexiblen Arbeitsplätzen nicht auch anderswo funktioniert. Das war vor einem Jahr.

Die Sparda-Bank war bei der Suche nach einem neuen Filialgebäude auf das ehemalige Kinderkaufhaus gestoßen, ein zweistöckiger auffälliger Bau mit großen Glasscheiben. Früher sind hier Kinderwagen und nach der Wende Elektronikartikel verkauft worden, dann stand das Gebäude eine Zeit lang leer, irgendwann kam die Sparda-Bank ins Gespräch. Aber nur für Bankgeschäfte erschien das Gebäude zu groß, so entstand die Idee der Kooperation.

Modernes Design an historischem Ort: Früher wurde das Gebäude als Kaufhaus genutzt.
Foto: Sparda-Bank Berlin/Roman Wache

Nicht viel später entdeckte Michel Garand den Laden für sich. Hier kann er in Ruhe arbeiten, einen Drucker nutzen und das angeblich   schnellste Internet der Stadt genießen. Mehr brauchte Garand nicht, um sein Projekt zu starten. Er musste auch nicht nach Berlin umziehen oder sich einen anderen Standort suchen für sein Projekt.

Auch deshalb gilt der gebürtige Kanadier als Vorbild. Denn der Strukturwandel nach der Wende hat auch die Stadt im Grenzgebiet zu Polen massiv getroffen, kurz nach dem Mauerfall lebten mehr als 87.000 Menschen in der Stadt, im vergangenen Jahr waren es ungefähr 30.000 weniger. Viele Fachkräfte sind nach der Wende der Arbeit gefolgt, als ihre vertrauten Arbeitsplätze abgebaut und die Werke geschlossen wurden. Zurzeit sei der Arbeitsmarkt in guter Verfassung, teilte neulich die Agentur für Arbeit mit, seit 1990 gab es in Frankfurt nicht mehr so wenige Arbeitslose. Allerdings gibt es erste Anzeichen, dass die Dynamik sich abschwäche, heißt es.

Die Nähe zu Berlin gefällt mir, die Nähe zur polnischen Grenze auch. Zwischen Russland und Amerika, das hier ist doch die Mitte von allem

Michel Garand

Für Michel Garand war der Ortswechsel nie ein Thema, nachdem er seine Heimat verlassen hatte, lebte er ein Jahr in Münster in Westfalen, lernte dort Deutsch und siedelte dann nach Frankfurt an der Oder um. Warum er seitdem geblieben ist? „Die Nähe zu Berlin gefällt mir, die Nähe zur polnischen Grenze auch. Zwischen Russland und Amerika, das hier ist doch die Mitte von allem“, sagt er und lächelt.

Und wer weiß, vielleicht ist seine Geschäftsidee, die ökologische Landwirtschaft in der Region stärker zu etablieren, den Landwirten zu helfen, Ackerflächen zu mieten und sie bei der Vermarktung zu unterstützen, eine große Sache in Zukunft, auch wenn es vielleicht jetzt noch nicht so klingt. Wer kann schon sagen, wie die Digitalisierung die Bedürfnisse der Menschen in regionalen Gegenden verändern wird? Und damit auch das Arbeitsleben. In seinem Bestseller „Realitätsschock“ macht Sascha Lobo, der auch schon viele Stunden im Berliner St. Oberholz verbracht hat, deutlich, dass wir viele Trends und Entwicklungen der nahen und weiteren Zukunft nicht erahnen können und deshalb auch niemand sagen kann, wie sich die Arbeitswelt verändern wird.

Ein Mann, der sich ebenfalls intensiv mit der Frage beschäftigt, wie sich in Zukunft Geld verdienen lässt, ist Tobias Jacob Berten. Er hat eine dieser modernen Berufsbezeichnungen, ist der Leiter Corporate Innovation Management, soll also dafür sorgen, dass die Bank mehr bietet als Geld und Zinsen. Er und sein Team hatten die Idee, Coworking in einer Bank zu ermöglichen. Ihnen ging es darum, jungen Menschen, eine Chance zu bieten, ihre Zukunft selbst zu gestalten. Und das vor Ort. Und so ganz nebenbei wollte das Geldinstitut natürlich neue, jungen Kunden gewinnen, denn auch die Bank hat in den vergangenen Jahren unter der Landflucht gelitten, die Kundschaft ist oft über 60 Jahre alt.

Grauhaarige Stammkunden und barfüßige Laptop-Arbeiter

Die meist grauhaarigen Ehepaare, die Rentner und Stammkunden ziehen an diesem Vormittag routiniert ihre Kontoauszüge aus den Automaten, setzen sich an einen Tisch, prüfen, ob alles stimmt. Die große Sprachlosigkeit zwischen der Jugend und den Senioren in den digitalen Zeiten ist auch im ehemaligen Kinderkaufhaus zu sehen, in dem die Bankautomaten nicht weit entfernt sind vom modernen Tresen und den bequemen Sitzmöbeln. Gespräche zwischen den     Stammkunden und der Laptop-Generation sind selten zu beobachten. Dass da junge Menschen barfuß oder in Begleitung ihres Hundes vor ihren Laptops sitzen, für die Uni büffeln oder die Zukunft planen, das scheint sie nicht zu interessieren. Vielleicht haben einige von den Älteren auch resigniert, glauben nicht mehr an die Versprechen des wirtschaftlichen Aufschwungs in der Region. Was ist ihnen nicht alles versprochen worden nach dem Ende der DDR? Und was davon ist wahr geworden?

Im Bereich des innovativen Arbeitens sollten nach der Jahrtausendwende in Frankfurt – zu DDR-Zeiten einer der wichtigsten Standorte der Mikroelektronik – ein 1,3 Milliarden Euro teures Chipwerk gebaut werden und 1300 neuen Jobs entstehen. Finanziert vom amerikanischen Konzern Intel und arabischen Scheichs. Doch der ehrgeizige Plan der Landesregierung unter dem SPD-Ministerpräsidenten Matthias Platzeck scheiterte, weil der Bund nicht für den Milliardenkredit bürgte. Das Projekt „Communicant“ wurde nie realisiert, der Rohbau der Halle stand, und die 268 Millionen Euro, die das Land Brandenburg, die Oderstadt und die Investoren investiert hatten, waren weg. In den Rohbau zog dann eine Firma für Solarzellen ein, die insolvent ging, und auch der Nachfolger ging Anfang des Jahres pleite.

An die alten Zeiten der Vollbeschäftigung zu DDR-Zeiten erinnern immerhin die alten Straßenbahnen, die noch in der Tschechoslowakei gebaut wurden und quietschend an der Haltestelle Magistrale vor dem Coworking-Gebäude bremsen. Die nicht weit entfernte Europa-Universität hat übrigens den Ruf, besonders viele Gründungen zu ermöglichen. Nur ziehen die Studenten mit ihren Ideen oft schnell weg, weil ihnen die Infrastruktur fehlt. Auch deshalb wird der Blok O von Politikern und Wirtschaftsverbänden unterstützt, war der Bürgermeister René Wilke (Linke) mit seinen Leuten schon hier und schickt die Industrie- und Handelskammer ihre Mitglieder in das Gebäude, um Ideen und Kontakte zu sammeln.

Espresso statt Filterkaffee

Ein Kaffee um diese Zeit wäre eigentlich auch nicht schlecht. Zu teuer, heißt oft die Begründung der Rentner. Mehr als zwei Euro für ein heißes Getränk ist auch ein stolzer Preis in der Stadt. Aber vielleicht gibt es auch eine andere Erklärung: Tradition.

Im Blok O wird szenetypisch Espresso serviert und der Cappuccino mit einem Blumenmuster im Milchschaum verziert. Dabei hat der Filterkaffee im Osten Deutschlands seine Tradition, denn guter Filterkaffee ist nicht in Italien oder Amerika erfunden worden, sondern von Melitta Benz Anfang des vergangenen Jahrhunderts in Dresden. Sie ärgerte sich über den Kaffeesatz in der Tasse, experimentierte mit Löschpapier in der Küche, irgendwann kam sie auf den Papierfilter. Das Unternehmen Melitta gibt es noch heute. Auch so eine Erfolgsgeschichte, von der sie in Frankfurt bestimmt heimlich träumen.

Tobias Jacob Berten hat sich für einen Espresso entschieden. Er hat konkrete Ziele. Wer von moderner Arbeitswelt spricht, der meint immer auch Vernetzung. Warum also nicht prüfen, ob es für die Bank strategische Partner gibt, mit denen sich Kunden beeindrucken und gewinnen lassen? Für Berten gibt es einen zweiten Aspekt: den des modernen Genossenschaftsgedankens. Die Sparda-Bank ist kurz nach der Wende aus der Reichsbahn-Sparkasse hervorgegangen. Die Bahner wollten damals bei der Gründung sichergehen, dass ihr Geld besser angelegt ist als zu Hause. Das Solidaritätsprinzip gefällt Berten noch heute. Er verweist ganz nebenbei auch darauf, dass die Sparda-Bank das einzige Unternehmen in Deutschland ist, dessen Geschäftsgebiet die Grenzen der ehemalige DDR sind. Es gibt 85 Standorte in den neuen Bundesländern und in Berlin.

Berten kann sich gut vorstellen, dass seine Bank in Zukunft mit Experten aus dem Bereich Gesundheit und Mobilität kooperiert, auch auf dem Gebiet der regionalen Genossenschaften würde er gerne Brücken bauen, in Filialen vielleicht Handelsplätze anbieten, damit dort die Produkte aus der Nachbarschaft verkauft werden könnten. Michel Garand würde es bestimmt gut gefallen, wenn auch die Landwirtschaft berücksichtigt würde.

Am Nachmittag sind die Plätze neben dem gebürtigen Kanadier besetzt, zwei Studenten lernen für ihre Jura-Prüfung und genießen die Möglichkeit, anders als in der Uni-Bibliothek, zu jeder Tages- und Nachtzeit arbeiten zu können. Gudrun Nörenberg ist Versicherungsvertreterin, ihre Filiale wurde geschlossen, sie könnte nach Berlin-Marzahn pendeln, entschloss sich aber, einen Platz in Blok O zu mieten, um ihre Kunden direkt vor Ort persönlich treffen zu können. Und auch in einem der Büroräume, wo eine Zeitarbeitsfirma sitzt, ist deutlich zu sehen, dass die Mitarbeiter die wichtigsten Aufgaben noch vor dem Feierabend erledigen wollen.

Als es draußen zu dämmern beginnt, packt Michel Garand seine Sachen zusammen. Seine Frau hat angerufen, sie hat die Kinder schon abgeholt und könnte ihn auch mitnehmen. Garand nimmt das Angebot gerne an. Es geht zurück nach Hause, ein paar Minuten nur, dann ist er in der Kleinstadt Müllrose mit seinen rund 4500 Einwohnern. Da, wo die Mitte von allem ist, wie es Garand so gerne sagt.