Schüler einer 7. Klasse lernen mit iPads im Matheunterricht.
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BerlinAlle reden vom digitalen Wandel, aber nur wenige erkennen die kulturellen Konsequenzen, die aus ihm hervorgehen. Die Digitalisierung führt in der Geschichte menschlichen Denkens und Urteilens vermutlich den größten Sprung herbei, den es seit der Antike je gab. Die mit ihr verbundene Umwälzung betrifft nicht nur die Techniken der Informationsübermittlung, sondern auch jene des Lernens und der intellektuellen Wahrnehmung. Vieles an dieser Umwälzung ist positiv, anderes bleibt auf der Strecke. Am wichtigsten sind zweifellos die neuen Formen der Zeitorganisation, die auch unsere Lesekultur beeinflussen.

Noch vor 200 Jahren besaßen bürgerliche Haushalte eine sehr kleine Zahl an Büchern, die man immer wieder vornahm – allen voran die Bibel, Erbauungsschriften und Liedersammlungen. Wir lesen heute weitaus mehr Texte, als es die Menschen in früheren Kulturepochen taten. Aber wir lesen auch immer oberflächlicher. Wir scannen die Sätze, überfliegen sie, kehren selten zu ihnen zurück. Gründliches Lesen nennen die Engländer „tiefes Lesen“. Wir betreiben zumeist das Gegenteil – das schnelle Konsumieren ohne nachhaltige Wirkung.

Für die Generation der digital natives, die mit der virtuellen Welt der Datenströme großgeworden sind, gilt das in verstärktem Maße. Zu ihren besonderen Fähigkeiten gehört die Gewöhnung an schnellen virtuellen Austausch, die zügige Anpassung an kommunikative und soziale Veränderungen, die visuelle Vorstellungskraft, die Fähigkeit, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun, und das Vermögen, Querverbindungen zwischen Informationen herzustellen. Parallel gehen andere Qualifikationen verloren – das Vermögen, sich gründlich mit einem Sachverhalt auseinanderzusetzen, und die Fertigkeit, sich geduldig auf einen Text oder eine These einzulassen.

Zu den alten Formen des Lernens führt kein Weg zurück. Heute geht es nicht mehr um das Aufspüren von Quellen und die Ermittlung entlegener Informationen. Das globale Wissen ist leichter denn je verfügbar, unabhängig von Vorkenntnissen und Kompetenzen. Lernprozesse werden in Zukunft verstärkt auf Vorgänge der Auswahl und Verknüpfung, der Urteilsbildung und Bewertung abstellen müssen. In Zeiten umfassender Wissenszugänglichkeit spielen kognitive Fertigkeiten, die der Informationsselektion dienen, eine immer wichtigere Rolle. Die Welt ist zu einem globalen Lexikon geworden, in dem jeder alles finden kann. Kompetenz und Expertise werden sich im digitalen Zeitalter weniger über das Vermögen definieren, Fakten zu kennen und gegebenenfalls zu recherchieren. Sie stützen sich stattdessen auf die Fähigkeit zur begründeten Auswahl, auf Urteilsbildung und Vernetzung.

Entscheidend für künftigen Bildungserfolg werden nicht dieselben Kompetenzen wie in früheren Epochen sein. In der digitalen Welt von morgen hat das Denken in Räumen und Beziehungen zunehmende Bedeutung. Gleiches gilt für visuelle Vorstellungskraft und Assoziationsvermögen, für Antizipationsfähigkeit und Verknüpfungsgabe. Die Ingenieure und Mediziner der neuen Generation benötigen diese Fertigkeiten ebenso wie Architekten und Physiker. Für kulturkritischen Konservatismus ist keine Zeit. Wir müssen die eigentliche Herausforderung der digitalen Epoche annehmen. Sie besteht darin, den kognitiven Transformationsprozess aktiv zu bewältigen, in den wir vor einigen Jahren eingetreten sind.