Adam und Marc-Olivier Bernard bei ihrer morgendlichen Mathestunde. Im Hintergrund winkt Notre-Dame!
Foto: Eva Corino

ParisAnders als in Deutschland ist Homeschooling in Frankreich erlaubt und erfreut sich einer wachsenden Beliebtheit. Inzwischen sind es knapp 30.000 Kinder, die zu Hause unterrichtet werden. Der promovierte Physiker Marc-Olivier Bernard kennt diese neue soziale Bewegung gut. Er erklärt, wie wir die Coronoa-Krise nutzen können, um unseren Kinder näher zu kommen und ihnen etwas beizubringen, das wichtiger ist als das ängstliche Ausfüllen von Arbeitsblättern.

Durch Corona sind jetzt unglaublich viele Eltern dazu gezwungen, ihre Kinder zu Hause zu unterrichten. Marc-Olivier Bernard, Sie machen das seit vielen Jahren freiwillig, was raten Sie uns?

Also lieber nicht versuchen, das normale Schulsystem zu Hause zu kopieren! Das geht nicht, und das ist auch gar nicht nötig. Ich habe von Eltern gehört, die jetzt einen ganz genauen Stundenplan aufstellen und ihren Kindern große Stapel von Arbeitsblättern vorlegen, die diese dann ausfüllen und auf einer Liste abhaken müssen. Ich halte das für einen Fehler. Die Familien sollten die besonderen Monate der Corona-Zeit nutzen, um eine etwas originellere Erfahrung zu machen und etwas Neues auszuprobieren.

Und zwar wie?                             

Diese Zeit bietet vielen Eltern die Chance, die Beziehung zu ihren Kindern zu vertiefen. Sonst sind die Familienmitglieder ja meist über weite Strecken des Tages getrennt, in ihren Büros, Schulen und Kindergärten. Jetzt können sie mehr Zeit miteinander verbringen und ein Leben führen, das den natürlichen Rhythmus der Kinder respektiert, und ihnen die Möglichkeit gibt, stärker ihren eigenen Impulsen folgen. Sie sollen sich vertiefen können in die Dinge, die sie gerade interessieren: Mit Kapla-Steinen bauen, Tiere zeichnen, Harry Potter lesen …

Meinen Sie mit dem natürlichen Rhythmus, dass wir die Kinder bis halb elf schlafen lassen und sie den ganzen Tag im Schlafanzug herumgeistern?

(Lacht) Nein, das nicht. Aber warum sollten wir die Kinder jetzt um halb sieben aus dem Bett zerren und dazu drängen, sechs Stunden am Schreibtisch zu sitzen? Wir können sie ruhig etwas länger schlafen lassen. Und wenn wir am Vormittag mit einem Grundschulkind eine Stunde lang konzentriert arbeiten, haben wir schon sehr viel erreicht.

7 Homeschooling-Tips für eilige Leser!

1.) Nicht das Schulsystem kopieren! 
2.) Keine strikten Stundenpläne!
3.) Den kindlichen Interessen folgen!
4.) Viel rausgehen! 
5.) Realistisches Pensum verabreden! 
6.) Faustregel für Grundschüler: Eine Stunde Einzelunterricht plus 1-2 Stunden eigene Beschäftigung.
7.) Sich freuen über die gemeinsame Zeit!

Eine Stunde, ist das nicht sehr wenig?

Es gibt Studien, zum Beispiel von dem Bildungswissenschaftler André Inizan, die zeigen, dass auch in der Schule nur etwa eine Stunde effektiv gearbeitet wird. Der Rest ist Ablenkung… Der Stil des Unterrichts wird davon bestimmt, dass ein Lehrer zeitgleich dreißig sehr verschiedene Kinder disziplinieren und unterrichten muss. Zwar ist jetzt in der Pädagogik viel von Individualisierung die Rede, aber wieviel Individualisierung ist in der Klassensituation wirklich möglich? Beim Einzelunterricht merke ich genau, was ein Kind schon verstanden hat und was nicht, und kann viel stärker auf seine Fragen eingehen. Es ist also gut für unsere Kinder, wenn sie durch Corona mehr von dieser 1:1-Aufmerksamkeit bekommen.

Unterrichten Sie Ihre Kinder denn auch nur eine Stunde pro Tag?

Ja, und erstaunlicher Weise haben wir gesehen, dass sie schulisch auf demselben Stand sind wie ihre Altersgenossen, die im Durchschnitt acht Stunden pro Tag im französischen Schulsystem verbringen. Zusammen lernen wir eine Stunde am Tag, und dann beschäftigen sich die Kinder noch 1-2 Stunden allein: Sie lesen, schauen Videos, Dokumentarfilme etc. In Nicht-Corona-Zeiten haben sie am Nachmittag noch Aktivitäten, Sport, Musik, Theatergruppe, Ausflüge in Museen. Einmal in der Woche treffen wir uns in einem Pariser Park mit anderen Homeschooling-Familien, um uns zu unterhalten und Spiele zu spielen. Aber das fällt ja im Moment leider weg.

Inès bei einem Zeichenkurs im Jardin Anne Frank
Foto: Privat 

Wie alt sind Ihre Kinder jetzt? Und wie kamen Sie eigentlich auf die Idee, sie nicht in die Schule zu schicken?

Unsere Tochter Inès ist 12 und unser Sohn Adam 10 Jahre alt. Früher war Inès ein ziemlich ängstliches Kind, das sich in größeren Gruppen nicht wohlfühlte. Wir haben einen kurzen Versuch unternommen, sie in die Krippe und in den Kindergarten zu schicken und dann realisiert, dass es ihr dort nicht gut geht. Beim Recherchieren haben wir dann das sehr offene Milieu der Pariser Homeschooling-Familien entdeckt.

Warum entscheiden sich in Frankreich immer mehr Eltern für Homeschooling?

Es gibt zwei Elterntypen: Für die einen ist es eine Notlösung. Weil ihr Kind in der Schule unglücklich ist, geärgert wird, mit Bauchschmerzen aufwacht. Und für die anderen ist es eine Weltanschauung, die Antwort auf die Frage, wie Kinder besser und selbstbestimmter lernen.

Was ist der Unterschied zwischen Homeschooling und Unschooling?

Beim Homeschooling spielen die Eltern zu Hause Schule - mit Büchern, Heften, korrigierten Aufsätzen - während sie beim Unschooling den Kindern größtmögliche Freiheit lassen, das zu lernen, was sie wollen. Und natürlich gibt es viele Mischformen, so wie bei uns.

Wie sieht jetzt ein normaler Tag aus im Leben von Inès und Adam?

Vor ein paar Tagen haben wir das Trampolin meiner Eltern ausgeliehen und bei uns im Garten aufgestellt. Und seitdem gehen die Kinder gleich nach dem Aufstehen runter aufs Trampolin. Nach dem Frühstück beginnen wir mit dem Unterricht. Meine Frau unterrichtet Inès in Französisch, während ich mit Adam Mathematik-Aufgaben anschaue. Am nächsten Tag ist es andersherum. Nachmittags gehen sie wieder raus, aufs Trampolin. Gegen fünf Uhr kommen sie rein, üben Klavier, lesen, telefonieren mit ihren Freunden. Nach dem Abendessen schauen wir als Familie oft noch einen Film und diskutieren ein bisschen darüber.

Unterrichten Sie und Ihre Frau nur Französisch und Mathematik?

Nein, aber in diesen Fächern muss man kontinuierlich vorankommen. Deshalb legen wir hier großen Wert auf einen formalisierten Unterricht, die anderen Fächer wie Geschichte, Geografie und Naturwissenschaften kann man lockerer unterrichten. Wir haben unserem Sohn zum Beispiel eine Comic-Reihe über die französische Geschichte geschenkt. Und als unsere Tochter sich mit dem zweiten Weltkrieg beschäftigt, habe ich ihr die Briefe meines jüdischen Großvaters vorgelesen, der Anfang der vierziger Jahre nach Amerika ausgewandert ist.

Inès und Sabeha Bernard sprechen über das Theaterstück "Cyrano de Bergerac".
Foto: Eva Corino

Wie lernen die Kinder Fremdsprachen?

Inès und Adam dürfen einige Netflix-Serien auf Englisch sehen. Außerdem haben sie einmal pro Woche Skype-Unterricht mit einem Lehrer in Kanada: Diskussion, Übungen und kleine Schreibaufgaben, die über „Google Docs" geteilt werden.

Sollte man bei Kindern im Grundschul- und im Gymnasialalter verschieden vorgehen?

Bei Grundschülern reicht dieses Pensum zu Hause vollkommen: Eine intensive Stunde Mathematik oder Französisch – bzw. Deutsch. Plus eine Stunde, in denen sich das Kind sinnvoll allein beschäftigt. Mit wachsendem Alter sollte sich das Arbeitsvolumen steigern. Denn in der weiterführenden Schule sind die Kinder schon viel strukturierter und können selbstständig mit ihren Lehrbüchern lernen. Hier ist die Rolle der Eltern eine andere: Sie können helfen, die Schulthemen aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten, sie mit Material aus verschiedenen Quellen zu vertiefen.

Einige Lehrer schicken sehr viele Hausaufgaben per Email und versuchen, selbst in der Krise den kompletten Lehrplan durchzuziehen. Was halten Sie davon?

Warum diesen zusätzlichen Stress erzeugen in einer Situation, die für die Familien ohnehin schon anstrengend genug ist? Durch die Einschränkungen der Bewegungsfreiheit und der sozialen Kontakte. Entspanntheit ist das Gebot der Stunde: Was sind schon zwei Monate Schulausfall auf ein Leben gerechnet? Da verpassen die Kinder nicht viel.

Also ein bisschen Ferienstimmung darf schon aufkommen?     

Ja. Und wenn man noch die Kraft hat, etwas für die Schule zu machen, dann sollte man sich lieber über die Grundlagen beugen. Wenn ein neunjähriges Mädchen sich zum Beispiel schwer tut mit der Rechtschreibung, dann könnte es jeden Tag einen Postkarte an die beste Freundin schreiben – und der Entwurf wird von den Eltern sanft korrigiert.

Viele Eltern trauen sich gar nicht zu, ihre Kinder selbst zu unterrichten.   

Dabei sind wir die am besten ausgebildete Elterngeneration, die es je gab. Und nicht für alle, aber für zahlreiche Eltern wäre es kein Problem, ihren Kindern das Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen.

Aber ist die Doppelrolle nicht schwierig – zugleich Elternteil und Lehrer zu sein?

Auf die richtige Haltung kommt es an: Man muss etwas Geduld mitbringen, sich in die Lage des Kindes hineinversetzen und sich an die Schwierigkeiten erinnern, die man selbst überwinden musste als man in demselben Alter war. Statt zu sagen: „Ich erklär‘ dir das mal schnell!“ – und dann genervt zu sein, wenn das Kind nicht sofort versteht.

Und jenseits von Schule, was können die Kinder jetzt im Innern ihrer Familien lernen?

Wir können zusammen kochen, unsere Kinder stärker einbeziehen in die Vorgänge des Haushalts. Warum die älteren Geschwister nicht bitten, auf die jüngeren  aufzupassen? Mit ihnen in den Park zu gehen oder das Einkaufen zu übernehmen, damit die Eltern im Homeoffice vorankommen können? Ich glaube, dass das den Jugendlichen gut tut, in diesem Ausnahmezustand mehr Verantwortung zu übernehmen … Als Internet-Unternehmer arbeite ich schon seit Jahren zu Hause. Für mich ist Homeoffice nichts Besonderes. Für andere schon! Eine gute Gelegenheit, um die Familie stärker teilhaben zu lassen an ihrem beruflichen Leben.

Dürfen Ihre Kinder oft das Internet benutzen, um zu lernen?

Ja, denn es gibt großartige Angebote wie zum Beispiel die Khan Academy, die freie Online-Kurse in Mathematik anbietet für Kinder zwischen 2 und 18 Jahren… Durch das Internet ist es heute viel einfacher, sich für Homeschooling zu entscheiden als früher. Weil das Wissen überall verfügbar ist, es eine Fülle an Lernmaterialien gibt, auf die Eltern leicht zugreifen können.

Wenn ich das mit der Situation meiner Großmutter vergleiche, die in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts im Fränkischen aufgewachsen ist. Damals waren der Pfarrer und der Lehrer die einzigen gebildeten Menschen in ihrem Dorf. Lernmaterialien waren absolute Mangelware, sie hatte keinen Zugang zu guten Zeitungen und Büchern. In ihrem Elternhaus gab es nur die Bibel, eine Hand voll Schundromane und Kalendersprüche, die sie dann auswendig gelernt und bis zu ihrem Lebensende wie Offenbarungen im Gedächtnis behalten hat. Wie anders ist das heute!

Ja, heute besteht die Herausforderung darin, in der Flut der Materialien die guten ausfindig zu machen. Bei der Suche nach einem Mathe-Buch habe ich gemerkt: Wieviel Schrott auf dem Markt ist! Lehrbücher, die voller Fehler sind und nur ein sehr oberflächliches Verständnis von Mathematik transportieren… Ganz anders „die Singapur-Methode“.

Wie können wir unser Wissen teilen mit Kindern aus Familien, die weniger Ressourcen zu Verfügung haben?  

Auch hier hilft uns das Internet, die Klaustrophobie der Kernfamilie zu durchbrechen: Viele neue Formen sind denkbar. Wir sollten Freunde und Verwandte bitten, per Skype zu unterrichten, wir selbst können Patenschaften für sozial schwächere Schüler übernehmen. Oder ein Lernvideo aufnehmen, dass wir über Youtube mit den Klassenkameraden unserer Kinder teilen. 

Und wenn wir als Eltern nicht wissen, wie man ein Youtube-Video hochlädt?

Dann fragen sie einfach Ihre Kinder!