Die Stadtbücherei in der Glogauer Straße.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

BerlinEin großer Ort meiner Kindheit war die Hansabücherei in Tiergarten, nicht groß im Sinne ihrer Räumlichkeiten, sondern groß nach den Möglichkeiten, die sich mir dort boten. Elternfreie Zone, ein Pluspunkt. Unverschämt langer Aufenthalt ein zweiter. Dort machte ich meine Hausaufgaben, traf mich mit meinen Freundinnen und schaute mir stundenlang mit hochrotem Kopf alles über Menstruation in Aufklärungsbüchern an. Es gab sogar für ein paar Pfenning Tomatensuppe aus einem Automaten. Die Tomatensuppe hat nicht geschmeckt, aber wen interessiert das, wenn man Tomatensuppe aus einem Automaten haben kann. Manche Bücher und Kassetten, die ich mir sonst mit meinen elf Jahren nicht hätte leisten können, nahm ich mit nach Hause.

Damals gab es noch Stempelkarten und einen Papierausweis mit einem Foto von mir drauf. Es fühlte sich alles sehr offiziell, verantwortungsvoll und erwachsen an. Einmal lieh ich mir „Schindlers Liste“ aus, einen Film, den ich nicht sehen durfte, mein Bruder aber schon. Deshalb schaute ich ihn heimlich nachmittags, bevor meine Eltern von der Arbeit zurückkamen. Ein bisschen traumatisiert, aber auch stolz, den Erfahrungen meines Bruders in nichts nachzustehen, bin ich so von einem Mädchen zu einem Teenager gereift.

Und weil es zu der elterlichen Pflicht gehört, seinem Kind alles zu zeigen, was man selbst als Kind geliebt hat, lag es nahe, meinem zweijährigen Sohn einen Büchereisausweis zu besorgen. Schließlich kann man nicht früh genug damit anfangen.

Die Bücherei in der Glogauer Straße liegt nur fünf Minuten von unserer Wohnung entfernt. Schwerpunkt Kinderbücher. Sie ist unter den Eltern sowas wie ein Geheimtipp in unserem Kiez. Trotz ihrer graffitiübersäten Fassade fällt sie kaum auf. Die Tür ist sperrig, und es kostet Schweiß und Geduld, den Kinderwagen und den Sohn getrennt voneinander hindurchzubekommen. Sogleich fällt der Blick auf das etwas mürrische Gesicht der Bibliothekarin, die ungeniert meckert, wenn mein Sohn aus den Büchern Wurfgeschosse macht. Sie ist nah am Herzinfarkt gebaut, und hätten wir noch Essen dabei, wäre das vermutlich ihr Ende. 

Service steht hier nicht an erster Stelle, und genau das ist vielleicht der Charme dieses Ortes. Hier geht es nicht darum, Geld an uns zu verdienen, sondern gute Bücher, Spiele und Hörfiguren zu empfehlen und für eine Jahresgebühr von 10 Euro zu verleihen. Kinder bekommen den Ausweis sogar gratis. Deshalb renne ich noch mal zehnmal schneller als sonst nach meinem Sohn, wenn er die Tastaturen des Computers – der dort zu Recherchezwecken steht – mit einem Klavier verwechselt. Er sieht dabei immer sehr zufrieden aus. Wenn er später mal ins Gefängnis muss, dachte ich neulich, dann gibt es da ja glücklicherweise auch eine Bücherei.

Ich wähle natürlich anspruchsvolle Bücher, die uns den Weg zum Abitur ebnen sollen. Doch mein Sohn greift in der Regel nach „Hauptsache bunt und was mit Autos“. Beides wandert auf die Ablage zum Scannen. Maximal fünf Bücher nehmen wir pro Monat mit. Ab und zu auch eine Toniefigur.

Kürzlich war die Bücherei wegen Corona geschlossen. Welche Lücke das in unser Leben riss, spürte ich erst, als wir neulich durch Zufall daran vorbeispazierten. Mein Sohn sprang nämlich sofort die Steinstufen hoch zur graffitibesäten Tür und drückte, so feste er konnte. Die Tür bewegte sich nicht, mein Sohn war traurig. Und ich war gerührt, wie selbstverständlich das Öffnen dieser Tür für ihn  geworden war. Bald können wir unsere Bücherei wieder wie gewohnt besuchen, und darauf freue ich mich sehr.

Ich habe mir ausgerechnet: In vier Jahren kann ich meinen Sohn dort wahrscheinlich alleine lassen, damit er dieselben Erfahrungen machen kann wie ich und ohne, dass die Bibliothekarin einen Herzinfarkt bekommt. Bis dahin komme ich mit und räume brav die Bücherei auf. Genieße die Atmosphäre, die Anwesenheit von Büchern und Erinnerungen und fühle mich in meine eigene Kindheit zurückversetzt.