Berlin -  Vielen Schulleiterinnen geht es jetzt so wie Karin Stolle. Sie haben gerade einen großen Kraftakt hinter sich: Weil es den Auftrag der Bildungsverwaltung gab, nach den Sommerferien die Lernstände der Schüler systematisch zu erfassen und dann mit ihnen und den Erziehungsberechtigten sogenannte „Feedbackgespräche“ zu führen.

In manchen Schulen laufen diese Gespräche noch oder sollen kurz nach den Herbstferien stattfinden, aber „wir waren schnell und haben alles schon erledigt“, sagt Karin Stolle der Berliner Zeitung am Telefon. Für die Lernstandserhebungen in den Fächern Mathe, Deutsch und Englisch wurde auf bestehende Testverfahren zurückgegriffen, auf Laube 7 und Vera 8 zum Beispiel. Andere Verfahren haben sie an ihre Bedürfnisse angepasst und dabei alte BBR- und MSA-Prüfungen verwendet.

400 Schüler besuchen die Schule an der Jungfernheide aktuell. Die integrierte Sekundarschule für die Klassen sieben bis zehn liegt in der Nähe der Spandauer Siemensstadt. „Bei 245 Schülern haben wir einen besonderen Förderbedarf festgestellt. 100 Bedarfe im Fach Mathematik, 70 im Fach Deutsch und 75 im Fach Englisch“, erklärt Stolle anhand ihrer statistischen Auswertung.

„Die Ergebnisse entsprachen meinen Erwartungen“, sagt Stolle. „Zumindest bei den Kindern, die einen sehr hohen Förderbedarf haben, war ich nicht überrascht und die Klassenlehrer auch nicht. Denn die Kollegen haben ihre Pappenheimer ja im Blick und wissen, wer schon vor Corona zum Beispiel durch schuldistanziertes Verhalten aufgefallen ist.“

Aber angeblich gab es nicht wenige Eltern, die bei den Feedbackgesprächen „aus allen Wolken gefallen sind. Weil sie plötzlich Schwarz auf Weiß gesehen haben, dass das eigene Kind in bestimmten Fächern wirklich unterdurchschnittlich ist. Und weil ihr Kind das vielleicht anders darstellt und sie diese Darstellung auch nicht hinterfragen.“

Deshalb begrüßt die Schulleiterin, dass die Eltern sich jetzt per Unterschrift verpflichtet haben, gemeinsam mit ihren Kindern auf bestimmte Lernziele hinzuarbeiten. „An diesen Zielen müssen sich die Eltern dann messen lassen, denn nicht alles kann Schule leisten.“

Stolle sagt, dass die Lehrkräfte in ihrem Kollegium sehr produktiv zusammengearbeitet hätten, um die Lernstanderhebungen auszuwählen, durchzuführen und auszuwerten. Doch jetzt seien viele „am Rande der Erschöpfung und ein Wort der Wertschätzung von Seiten der Bildungssenatorin wäre angebracht“. Manche Kollegen zweifelten, ob sich der große Aufwand wirklich gelohnt habe. Ihrer Meinung nach hätte man einfach auf das Urteil der Lehrkräfte vertrauen und dann schon vor den Sommerferien mit dem Aufholprogramm beginnen können. Auf der anderen Seite hätte es vielleicht Vorteile, nun mit Daten das bekannte Bild bestätigen zu können.

Berliner Zeitung/Markus Wächter
Zur Person

Karin Stolle wurde 1960 in Bremen geboren, arbeitete nach dem Studium als Lehrerin für Geographie, Geschichte und Arbeitslehre. Sie leitete zunächst eine Hauptschule und nun am gleichen Standort die Schule an der Jungfernheide. 

Besonders „krass“ seien die Ergebnisse der Lernstandserhebungen in Mathematik. „Da gibt es Siebtklässler, die sich auf dem Niveau von Dritt- oder Viertklässlern bewegen und Fünfzehnjährige, die die Defizite aus der Grundschule nie ausgeglichen haben und deshalb in der zehnten Klasse beim Matheunterricht wie geistesabwesend dasitzen.“ Solche extremen Fälle habe es allerdings auch schon vor Corona gegeben, berichtet Stolle. „Manche Schüler müssen einen Rückstand von ca. sechs Monaten aufholen, während andere nur nötig haben, dass sie von uns wieder ein bisschen in die Spur gebracht werden.“

Beim Blick auf die Lernstandserhebungen in Deutsch sei aufgefallen, wie kümmerlich die Lesefähigkeiten der Kinder seien. Deshalb hat Stolle gerade eine „Lese-Woche“ ausgerufen und für das laufende Post-Corona-Schuljahr folgendes Motto ausgegeben: „Lesen, bewegen, selbstständig sein!“

Was die Förderkurse angeht, die dann im Rahmen des Corona-Aufholprogramms angeboten und aus den schuleigenen „Stark trotz Corona“- Budgets bezahlt werden, so befindet sich die Schule an der Jungfernheide noch in der Planungsphase. Ein paar wenige Schulen werden direkt im Anschluss an die Herbstferien mit den ersten Kursen beginnen. Die Anträge können bereits seit drei Wochen gestellt werden, sagte ein Sprecher der Bildungsverwaltung. Dabei können die Schulen auch mit freien Trägern kooperieren, die sich in der Zusammenarbeit bereits bewährt haben.